Erstes Verkehrsforum Brenner der Aktionsgemeinschaft Brennerbahn

Offen bleibt: Sind die Bedarfszahlen realistisch oder nicht ?

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Rosenheim - Zum „Ersten Verkehrsforum Brenner“ hatte die „Aktionsgemeinschaft Brennerbahn (AGB)“ am Dienstag in den Happinger Hof eingeladen.

Unter dem Titel „Entwicklung der Güterverkehre über die Brennerachse heute und morgen und der dafür notwendige Ausbau der Eisenbahninfrastruktur“ wurde nach zwei Impulsvorträgen durch einen Verantwortlichen der Netzplanung und Bundesverkehrswegeplanung der DB Netz AG sowie den Geschäftsführer der TTS TRIMODE Transport Solutions GmbH, die die „Szenarienstudie 2050“ erstellt hat, den Besucher/innen Gelegenheit zu einer Fragerunde gegeben.

Die Aktionsgemeinschaft Brennerbahn (AGB), die sich 1991 aus der Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer (ARGE ALP) entwickelt hat, beschreibt sich selbst als ein Zusammenschluss der Regierungen der Provinzen und Länder mit den Handelskammern entlang der Brennerachse von Verona, Trient, Bozen, Tirol und Bayern und erklärt, dass sie sich für die Verbesserung des Schienenverkehrs auf der bestehenden Eisenbahnstrecke München – Verona einsetzt. Die AGB versteht sich als unterstützende Beobachterin des Ausbaus der Brennerbahn und als Verbindungsglied zur Bevölkerung, damit diese informiert wird und mitentscheiden kann. Der Freistaat Bayern und die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK) haben turnusgemäß für 2019 und 2020 die Präsidentschaft der AGB übernommen und möchten in einer Veranstaltungsreihe ein Forum für die Diskussion rund um Verkehrsthemen der Brennerachse bieten.

Im ersten Verkehrsforum Brenner mit dem Titel „Entwicklung der Güterverkehre über die Brennerachse heute und morgen und der dafür notwendige Ausbau der Eisenbahninfrastruktur“ erwarteten die Besucher/innen zwei Impulsvorträge mit Fragerunde und anschließendem Get-together.

Dr. Karin Jäntsch-Haucke, StMV

Dr. Karin Jäntsch-Haucke vom Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr begrüßte die zahlreich erschienen Besucher/innen, unter Ihnen mehrere Bürgermeister sowie Vertreter von Bürgerinitiativen des Inntals. Namentlich begrüßte sie Ingrid Felipe, die verkehrspolitische Sprecherin von Tirol.

Dr. Korbinian Leitner, IHK

Dr. Korbinian Leitner von der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK) moderierte die Veranstaltung, wobei in Absprache mit den beiden Referenten auch bereits während der Vorträge Fragen zugelassen wurden.

Vortrag von Thomas Schneider, DB Netz AG

Thomas Schneider, DB Netz AG

Den ersten Vortrag mit dem Titel „Ausbau der Eisenbahninfrastruktur in Bayern auf Basis des Bundesverkehrswegeplans 2030 aus Sicht der DB Netz AG“ hielt Thomas Schneider in Vertretung von Kim-Oliver Engelbach, Leiter Netzplanung und Bundesverkehrswegeplanung der DB Netz AG.

Eingangs stellte Schneider die Ziele seiner Präsentation vor:

  • Schaffung eines Überblicks zum Stand der Bundesverkehrswegeplanung und deren Einstufung
  • Ableitung der Vorhaben für den Bereich Südostbayern und verkehrliche Implikationen
  • Darstellung ausgewählter Vorhaben im Bereich Südostbayern außerhalb des Vorhabens Brenner-Nordzulauf
  • Diskussionsrunde mit den Teilnehmern des Verkehrsforums Brenner

Dann stellte er dar, dass aus Sicht der DB drei wesentliche Ausbauelemente in Südostbayern notwendig sind und fasste die Position der DB Netz zum Infrastrukturbedarf zusammen:

  • Leistungsfähiger Knoten München
  • Verlängerung „Ostkorridor Süd“ und Leistungsfähige Ausbaustrecke „ABS 38“
  • Nachfragegerechter Brenner-Nordzulauf

Offen bleibt: Sind die Bedarfszahlen realistisch oder nicht ? - Fotos

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Nach dem Vortrag wurden folgende Fragen gestellt;

>>> dazu die Antworten:

  • Lt. Gerichtsbeschluss dürfen die beiden S-Bahngleise bei Grafing nicht anderweitig verwendet werden, somit ist es dort bisher ebenso nur zweigleisig wie im Inntal. Warum wird so getan, als ob dort bereits vier Gleise liegen? ( Arbeitskreis Bahnlärm Kirchseeon )
    >>> Planungsprozess erst am Anfang; weitere Betrachtungen sind abzuwarten.
  • Lt. EU-Rechnungshof werden Hochgeschwindigkeitsstrecken nur zu einem Bruchteil von so schnellen Zügen befahren; Würde niedrigere Geschwindigkeitsauslegung nicht mehr Freiheitsgrade ergeben?
    >>> Hier gilt es in der kommenden Planung mehr technische Varianten zu betrachten, u. a. Potenziale von Sprinterzügen.
  • Ein Tiroler Besucher erzählt, dass er Nachrichten gelesen hätte, dass Tirol bereit wäre, Kosten auf bayerischer Seite zu übernehmen. Frage an die anwesenden Verantwortlichen, ob jemand davon weiß?
    >>> Hierzu meldete sich Ingrid Felipe, die verkehrspolitische Sprecherin von Tirol, zu Wort und hielt ein engagiertes Plädoyer für die Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene, sowie mehr „Kostenwahrheit auf der Straße“ (Spritpreis und Maut sowie volkswirtschaftliche Folgekosten), wobei sie kommentierte, dass sie „als Grüne“ ihre Argumente seit Jahren vortrage, aber feststellen müsse, dass ihr auch in Österreich politisch nicht in vollem Umfang gefolgt wird.
  • Wenn mit „ABS38“ eine schnelle, leistungsfähige Strecke von München nach Salzburg gebaut wird, braucht man dann noch die Strecke über Rosenheim?
    >>> Nur die Strecke München –Mühldorf wird auf 200 km/h ausgebaut, Mühldorf – Freilassing auf 160 km/h limitiert.
  • Wieso bringen wir den Lkw-Verkehr nicht jetzt schon vermehrt auf die Schiene, wo doch Kapazitäten frei sind?
    >>> Trassen sind nicht leistungsfähig genug um den Transportkunden Zuverlässigkeit zu bieten. Rahmenbedingungen müssten deutlich verbessert werden.

Vortrag Stefanos Kotzagioris, TTS TRIMODE

Stefanos Kotzagioris, TTS TRIMODE

Den zweiten Vortrag mit dem Titel „Der Bundesverkehrswegeplan 2030 und die Verkehrsentwicklungsszenarien 2050 für den Eisenbahnverkehr auf dem Brennerkorridor“ hielt Stefanos Kotzagioris, Geschäftsführer der TTS TRIMODE Transport Solutions GmbH.

Er fokussierte auf die „deutliche Verkehrszunahme über den Brenner (Brennerautobahn und Schienenstrecke)“, auch wenn diese zwischenzeitlich temporär durch Wirtschaftskrise und Brennersperren gebremst wurde.

Die „Verkehrsverflechtungsprognose 2030“ bezeichnete er als „vorsichtig, ja sogar ‚pessimistisch‘ “, weil das „prognostizierte Verkehrsaufkommen auf der Straße bereits in 2017 überschritten“ worden sei und die „Entwicklung des Schienengüterverkehrs ebenfalls über dem Trend“ liege.

Für die „Verkehrsnachfrage bis 2050“ erläuterte er vier Szenarien: Diese ergeben sich durch Kombinationen aus Brutto-Inlands-Produkt (BIP), dem österreichischen Korridorverkehr über das „deutsche Eck“ zwischen Salzburg und Kufstein sowie Entwicklungen in den italienischen Seehäfen. Dabei wurden zunächst keine Verlagerungen von Straße und gegenüber der Prognose 2030 unveränderter Schienenpersonenverkehr angenommen. Für alle Szenarien ergeben sich, seiner Darstellung nach, Bedarfe des Schienenverkehrs, die über der Istkapazität bzw. auch über der Kapazität nach ETCS-Ausbau (European Train Control System, deutsch ‚Europäisches Zugbeeinflussungssystem') liegen. Zur zusätzlichen Verlagerung von Lkw auf Schiene, die in den Ergebnissen bisher nicht enthalten waren, wären ordnungspolitische Maßnahmen erforderlich, die seiner Aussage nach, bisher nicht zu beobachten sind. Natürlich würden sich die Bedarfszahlen in allen Szenarien dann deutlich erhöhen.

Publikumsvertreter stellen Wachstumszahlen in Frage

Die Herleitung der Wachstumszahlen wurde von Publikumsvertretern vehement in Frage gestellt. Mit Bezug auf die Studie wurde einerseits gesagt, dass selbst bei einem Wachstum von 4 Prozent über Jahre die optimierte Bestandsstrecke genügt. Andererseits wurde es als „Griff in die Trickkiste“ bezeichnet, welche Verlagerungszahlen in der Studie angenommen wurden.

Im Unterschied zum Text der Einladung „… haben Sie unter anderem die Möglichkeit, mit dem Ersteller der Szenarienstudie 2050 zu diskutieren …“, beharrte Leitner in seiner Rolle als Moderator ab dann auf dem Begriff „Fragerunde“ und disqualifizierte nun Wortbeiträge von Besucher/innen mit der Bemerkung „Wieder keine Frage.“, ohne die Referenten um Stellungnahmen dazu zu bitten.

Ingrid Felipe, verkehrspolitische Sprecherin von Tirol

So ergab es sich, dass Ingrid Felipe, die verkehrspolitische Sprecherin von Tirol sozusagen das Schlussplädoyer hielt. Alle Zahlen bezüglich Wachstum, egal wie klein, seien zu vergleichen mit den heute schon nicht mehr akzeptablen Zuständen in Tirol. Verlagerung von der Straße auf die Schiene müsse das erklärte Ziel sein; das bedinge technische Ertüchtigung aber auch Maßnahmen zur wirksamen Umsetzung. „Es wird Verlagerung geben; es wird CO2-Besteuerung geben; weil sonst können wir den Planeten zusperren.“

Weitere Informationen:

Insgesamt stellte sich die Zeitplanung für Vorträge und Fragerunde als zu knapp bemessen heraus. Immerhin bot das angekündigte „Get-together“ ausführlich Gelegenheit zum persönlichen Gesprächsaustausch zwischen allen Anwesenden.

Klaus Kubitza

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