Diskussion um die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes

"Insgesamt nur sechs Bäume erhaltenswert"

+
Im voll besetzten Saal des Ku'Ko wurde am Montag Abend die Neugestaltung des Bahhofsvorplatzes in Rosenheim diskutiert.
  • schließen

Rosenheim - Am Montag lud die Stadtverwaltung zu einer Diskussionsrunde ins Ku'Ko ein. Die Ansichten zur Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes samt Oberbauamt und Bunker gingen dabei auseinander.

"Eine Mobilitätsdrehscheibe für alle Gäste und Bürger", so stellt sich Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer den zukünftigen Bahnhof und vor allem den Vorplatz an der Luitpoldstraße vor. Dass sie jedoch auch an den Vorstellungen der Bürger interessiert ist, bewies das Stadtoberhaupt am Montag Abend im Kultur- und Kongresszentrum. Zusammen mit einer Riege des Dezernats für Stadtplanung, Umwelt und Bauwesen stellte sich Bauer den Fragen, Wünschen und Anregungen der Bürger rund um das Thema "Neugestaltung des Südtiroler Platz".

Tanja Sachs erklärte die aktuelle Situation der Vegetation am Bahnhof.

Um die zahlreichen Anwesenden auf einen gemeinsamen Informationsstand zu bringen, referierte der Leiter des Dezernats VI, Helmut Cybulska, anfangs über den aktuellen Planungsfortschritt der Stadt. Betroffen seien der gesamte Bereich an den Gleisen, vom Südtiroler Platz bis hinauf zum Brückenberg, so Cybulska. Hier habe sich in den vergangenen Stadtratssitzungen eine konkrete Nutzungsvorstellung ergeben, die man im Areal in die unterschiedlichen Bereiche "Mobilität, Handel, Bildung und Technologie" unterteile, erklärte der Dezernatsleiter. Man erwarte zudem für die Zukunft eine erhebliche Zunahme des Verkehrs im Bahnhofsbereich. Um dieser Belastung entgegenzuwirken, plane man einen neuen Brückenschlag über die Gleise für Fußgänger und Radfahrer, ein Parkhaus im Süden und die Ausweitung der vorhanden Stellplätze, sowohl für Pendler, als auch für Kurzzeit-Parker, Lieferanten und Taxen. Die im Laufe der Jahre "heterogen gewachsene Entwicklung auf dem Vorplatz" soll zu diesem Zweck "optisch ansprechend und leistungsfähig" gestaltet werden. Als große Herausforderung sieht Helmut Cybulska die Integration der vorhandenen Vegetation, Grünflächen und Bäume als auch des markanten Relikts aus dem Zweiten Weltkriegs, dem alten Kommandobunker auf dem Vorplatz des Bahnhofs. Hier müsse ein guter Kompromiss aus Landschafts- beziehungsweise Denkmalpflege und Neugestaltung gefunden werden. Auch das denkmalgeschützte Gebäude des ehemaligen Oberbahnamts müsse bei der Planung berücksichtigt werden, könne aber auf der anderen Seite gut als Rahmen für die Gestaltung gesehen werden, so Cybulska.

Wenige erhaltenswerte Bäume am Bahnhof

Lesen Sie dazu:

Initiative: Bunker soll weg

"Bahnhofsplatz neu gestalten"

"Verkehr statt Bürgerrelikt"

Vorplatz: Die Bürger dürfen mitreden

Im Anschluss wurde die Situation der Vegetation am Bahnhof durch die Gutachterin und Baum-Sachverständige, Tanja Sachs, ausführlich aufgeschlüsselt. Die Expertin aus dem Baden-Württembergischem Pfedelbach betrachtete in ihrer Analyse jeden einzelnen Baum auf dem Bahnhofsvorplatz nach den Kriterien der Stand- und Bruchsicherheit und der daraus resultierenden Erhaltungswürdigkeit. Aufgrund der Tatsachen, dass die ansässigen Bäume hauptsächlich in den obersten 20 Zentimetern des Erdreichs am Bahnhof wurzelten, dort jedoch durch die hohe Frequentierung der Besucher des Geländes enorm belastet und auch am Übergang zwischen Stamm und Wurzelwerk durch beispielsweise abgestellte Fahrräder geschädigt würden, kam die Gutachterin zu einem verheerenden Zeugnis für die Bäume am Bahnhof. Insgesamt sechs Bäume erhielten hier nur die Schulnoten 1 bis 2 und erhalten, laut Ansicht der Sachverständigen, das Prädikat "erhaltenswert". Zwei der sechs Bäume stünden jedoch genau auf dem Bunkerhügel, die, wenn der ehemalige Kommando- und Funktionärsbunker entfernt werden sollte, nicht mehr zu retten wären. Es blieben also insgesamt vier Bäume übrig, die mit Hilfe aufwendiger Schutzmaßnahmen in die Neugestaltung des Südtiroler Platzes sinnvoll integriert werden könnten, so Tanja Sachs. Diese Bäume müssten dann aber auch in Zukunft vor schädlichen Einflüssen durch beispielsweise abgestellte Fahrräder geschützt werden, um eine positive Wachstumsprognose zu gewährleisten, so die Gutachterin.

Unterschiedliche Ansichten in den Reihen der Bürger

Nach den Präsentationen der Stadtverwaltung und der Gutachterin hatten die Anwesenden die Möglichkeit, unter der Moderation von Gabriele Heller, ihre Anregungen, Ideen und Gedanken zum Thema vorzutragen. Dabei spalteten sich die Zuhörer schnell in zwei gegensätzliche Lager.

Helmut Cybulska stand für Anregungen und Fragen der Bürger zur Verfügung.

Auf der einen Seite wurden die Forderungen zum Erhalt der Bäume aber auch der ehemaligen Bunkeranlage, die heute nur noch durch den markanten Hügel auf dem Bahnhofsvorplatz erkennbar ist, laut. In einer Wortmeldung des Bund Naturschutz hieß es dazu: Die Bäume auf dem Vorplatz prägten nicht nur ganz zentral das Erscheinungsbild des Bahnhofs sondern bildeten dazu die "grüne Lunge" des Orts. Und auch der Bunker sei nicht nur aufgrund des Bewuchses mit gesunden Bäumen erhaltenswert. Er sei ein Mahnmal für Diktatur und Krieg, stelle sogar ein "erlebbares Zeitdokument" nicht nur für die alte Generation dar. Der Erhalt von vier Bäumen sei bereits eine Verbesserung zu den vorigen Planungen, den Naturschützern gehe das aber immer noch nicht weit genug. Auch Bäume mit "schlechteren Noten" seien laut einem eigenen, unabhängigen Gutachten des Bund Naturschutz erhaltenswert. Zudem fordere man eine zusätzliche Neubepflanzung im Zuge der Neugestaltung und den stärkeren Einsatz von umweltfreundlichen Verkehrsmitteln.

Im Laufe der Diskussion wurden jedoch auch gegensätzliche Stimmen zur Umgestaltung der aktuellen Situation, hin zu einer modernen, verkehrsorientierten Lösung laut. Angeführt vom ehemaligen Vorsitzenden des CSU-Kreisverbands Rosenheim-Stadt und Mitglied des Landtags, Adolf Dinglreiter, kam ein weiterer Lösungsansatz in die Diskussion. Dinglreiter stellte klar, dass der Bunker am Bahnhof zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs ausschließlich für Befehlshaber vorgesehen war und somit keine Bürger vor Bombenangriffen geschützt habe. Weiter machte er sich für eine Anpassung an die geänderten Anforderungen des Bahnhofs stark. "Wir bauen hier eine Bahnhof für die nächsten 50 Jahre", so Dinglreiter. Bei aktuell 20.000 Besuchern und Reisenden pro Tag, sei auch in Zukunft noch keine Ende bei den steigenden Zahlen in Sicht. "Eine Funktionsdrehscheibe statt Nostalgie" müsse es nach Ansicht des ehemaligen Kommunalpolitikers sein.

Symbiose aus Funktion und Natur 

Adolf Dinglreiter sprach sich für eine verkehrsorientierte Lösung aus.

Helmut Cybulska bestätigte die geplanten Nachpflanzungen und kündigte an, die bestehenden Bäume in der Planung durch die Architekten berücksichtigen zu wollen. Ziel sei es eine Struktur zu schaffen, "die dann auch wieder 80 Jahre Bestand hat", so der Städteplaner. Neue Technologien, wie beispielsweise ein spezieller Beton-Laser, würden auch die Abbrucharbeiten am Bunker stark vereinfachen. So sei es mittlerweile möglich, lediglich den Hügel auf dem Südtiroler Platz abzutragen, den Bunker mit Kies aufzufüllen und dann wieder neu zu bebauen. Die Kosten dafür bewegten sich laut Angaben von Cybulska im fünfstelligen Bereich. In Bezug auf das alte Gebäude des Oberbahnamts suche man die Kooperation mit Investoren, die, unter Maßgabe der Stadtverwaltung, das baufällige Denkmal wieder revitalisieren sollen. Hier habe man entgegen einer Befürchtung aus den Zuhörer-Reihen alle rechtlichen Mittel in der Hand, um bei der Neugestaltung ausreichend Einfluss zu nehmen, so der Dezernatsleiter. Eine weitere, enorme Herausforderung sei es jedoch, den gesamten Bereich vor dem Bahnhofsgebäude barrierefrei zu gestalten. Hier wären grundlegende Anpassungen im Höhenniveau des Platzes erforderlich, damit die Zufahrtsrampen zum Gebäude die vorgegebenen Steigungen nicht überschritten. Insbesondere der erhaltenswerte Baumbestand, der ja nicht einfach ausgegraben und an anderer Stelle wieder eingesetzt werden könne, verlange ein besonderes Fingerspitzengefühl der Planer.

Als Kompromisslösung in Hinblick auf das Gedenken an den zweiten Weltkrieg könnte ein weiterer Bunker im südlichen Bereich des Bahnhofs dienen. Die dortige Schutzanlage sei laut Aussagen der Städteplaner in weit besserem Zustand und könnte mit deutlich weniger finanziellem Einsatz als Mahnmal wieder instand gesetzt werden. Dieser Bunker diente im Zweiten Weltkrieg zudem nicht als Kommandobunker, sondern als Schutzraum für Bahnangestellte.

Zurück zur Übersicht: Rosenheim

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser

MEHR AUS DEM RESSORT