Bekannter Kriminologe bei Fachtag "Flüchtlinge Integrieren" in Rosenheim

Pfeiffer: Bleibeverhältnisse schnell klären und Teilhabe fördern

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von links: Der 26-jährige Ali Razan, der Kriminologe Christian Pfeiffer, Britta Promann, SPD-Landtagskandidatin für Rosenheim Ost und Silvio Gödickmeier, Geschäftsführer von Startklar Soziale Arbeit Oberbayern 
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Rosenheim - Am Donnerstag, 21. Juni lädt der freie Jugendhilfeträger Startklar Soziale Arbeit Oberbayern gGmbH von 9 bis 16 Uhr zur Fachtagung "Flüchtlinge integrieren. Wann, wenn nicht jetzt?" in das Rosenheimer Ballhaus ein.

Update, 17.30 Uhr, das Fazit zum Fachtag:

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Im Rosenheimer Ballhaus stellte der Kriminologe Christian Pfeiffer die Ergebnisse seiner Studie "Flüchtlinge als Täter und Opfer" vor. Er warnte dabei eindringlich davor, voreilige Schlüsse aus seinen Erhebungen zu ziehen. Pfeiffer beklagte auch die Reaktionen auf seine Studie in den Medien und der Bevölkerung."Die Mehrheit der Journalisten geht wohl davon aus dass die Gewaltkriminalität in Deutschland wegen der starken Zuwanderung einen neuen Höchststand erreicht hat", erläuterte Pfeiffer, "Die Überraschung ist jedenfalls groß, wenn wir sie mit den Fakten konfrontieren."

BeimFachtag "Flüchtlinge integrieren. Wann, wenn nicht jetzt?" der Startklar-Soziale-Arbeit-Gruppe haben der Kriminologe Professor Dr. Christian Pfeiffer, die Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung Mechthilde Wittmann, Mdl, Britta Promann, SPD-Landtagskandidatin für Rosenheim Ost, Dr. David Schiefer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration sowie der Soziologe Fahim Sobat und die Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dr. Nicole Cujai die wichtigsten Gelingfaktoren für Integration diskutiert. 

Denn laut seiner Studie begehen Asylbewerber nicht häufiger Straftaten, als Deutsche. Denn laut der Kriminalstatistik für 2016 werden Asylbewerber, wenn man von Verstößen gegen das Aufenthaltsgesetz absieht, nicht häufiger straffällig werden als Deutsche oder andere Migranten. Überdurchschnittlich hoch ist allerdings ihr Anteil an den Tatverdächtigen, wenn man nur auf gefährliche Körperverletzung, Mord, Totschlag, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung schaut, so die Studie, denn hier liegt ihr Anteil bei jeweils rund 13 Prozent.

Zwar hat Pfeiffer in seiner Studie vor allem Tatverdächtige in Niedersachsen betrachtet, das Bundesinnenministerium sieht aber durchaus "Überschneidungen" mit den Ergebnissen bundesweiter Erhebungen. Pfeiffers Studie hält fest, dass Straftaten von Menschen, die nicht dem eigenen Umfeld angehören, häufiger angezeigt werden. Außerdem seien männliche Jugendliche und junge Erwachsene bei Sexual- und Gewaltdelikten, nicht nur bei Flüchtlingen, grundsätzlich überrepräsentiert. Allerdings sei auch der Anteil der männlichen 14- bis 29-Jährigen unter den Asylbewerbern und anerkannten Flüchtlingen deutlich höher als in der Wohnbevölkerung insgesamt.

Pfeiffer: Bleibeverhältnisse schnell klären und Teilhabe fördern

 "Wir wissen, dass eine schlechte Aufenthaltsperspektive und ein Fehlen der Frauen unter den Geflüchteten Gewalttaten begünstigt", erklärte Pfeiffer den rund 150 Tagungsgästen. Er forderte aus kriminologischer Sicht eine schnelle Klärung der Bleibeverhältnisse und, wenn nötig, auch eine schnelle Abschiebung, sowie die Möglichkeit des Familiennachzugs und Maßnahmen zur Förderung von Teilhabe, die möglichst auf die Bedarfe der einzelnen Flüchtlinge zugeschnitten sind. Beispielsweise im Fall der Dependance der Erstaufnahmeeinrichtung München in Waldkraiburg, in der es vor zwei Wochen zu schweren Tumulten kam, wurde vielfach als Auslöser der Probleme fehlende Beschäftigung und Alkoholkonsum genannt. Dort sollen nun, unter anderem, zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten Abhilfe schaffen.

"Für die Bestimmung eines Bedarfs setzen auch wir uns ein", erklärte Maria Perreiter von der Startklar Soziale Arbeit gGmbH, die den Fachtag veranstaltete. "Startklar" arbeitet seit über zehn Jahren in Südostbayern mit Flüchtlingen und Migranten und unterhält beispielsweise in Stadt und Landkreis Rosenheim vier Wohngruppen sowie ein Wohnprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und ein Gemeinschaftshaus für junge Erwachsene. Außerdem werden Flüchtlingsfamilien mit flexiblen Hilfen betreut. "Mit dem Fachtag wollen wir die Flüchtlingsdiskussion wieder versachlichen und haben konkrete Maßnahmen entwickelt, die die Integration fördern und den sozialen Frieden in unserer Gesellschaft sichern sollen", erklärte Silvio Gödickmeier, Geschäftsführer von Startklar Soziale Arbeit Oberbayern. Er präsentierte auch ein Positionspapier mit konkreten Handlungsanweisungen für die Lebensbereiche Arbeit, Bildung, Wohnen und Freizeit.

Pfeiffer: Beispiel für Typ Mensch, der pauschal ausgeschlossen werden soll

Die Diskussion bekam durch den 26-jährigen Ali Raza ein persönliches Gesicht. Der Pakistani flüchtete über die Türkei und Bulgarien zunächst nach Italien. "Dort versuchte ich mich zu integrieren, lernte auch intensiv die Sprache", berichtete er, "Trotzdem wurde ich abgelehnt." So kam er nach Deutschland und lebt nun seit vier Jahren in Bayern und absolviert seit Anfang des Jahres bei Startklar in Freilassing eine Ausbildung als Bürokaufmann. Neben seiner Ausbildung trainert er eine Kricketmannschaft, besucht Deutschkurse und hilft im Patenprojekt der Stadt Freilassing mit. Er berichtete davon, wie wichtig ein Ausbildungsplatz, ein geeigneter Wohnraum und die Begegnung mit anderen Menschen für ihn sind. 

"Ali ist ein Beispiel für den Typ Mensch, den Bayern jetzt pauschal ausschließen will", merkte Kriminologe Christian Pfeiffer an, "Aber zum Glück menschelt es auch hier in Bayern und er konnte hervorragend integriert werden!" Er betonte, es müssten nicht nur die Bleibeberechtigten integriert werden, sondern auch allen anderen Flüchtlingen eine Perspektive in ihrem Herkunftsland durch Sprachkurse oder Fortbildungen gegeben werden. "Dann können sie sich dort eine Existenz aufbauen und sind nicht in ihrer Zeit hier frustriert und wütend darüber, dass sie nicht bleiben dürfen." Dementsprechend begrüße er auch die Pläne von Entwicklungsminister Gerd Müller, auch in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu helfen und dort Arbeitsplätze zu schaffen.

Sowohl Pfeiffer als auch SPD-Landtagskandidatin Promann kritisierten die Aussagen der Bayerischen Integrationsbeauftragten Mechthilde Wittmann in der vorangegangen Diskussion. "Das hat mich sehr irritiert und ist keine Art und Weise, über Menschen zu sprechen", erklärte Promann. Wittmann hatte mit teils scharfen Worten das Vorgehen der CSU-geführten Staatsregierung in der Asyldiskussion verteidigt. Pfeiffer merkte an, beispielsweise Wittmanns Aussage, dass 80 Prozent aller Flüchtlinge Analphaten seien, stimme sachlich nicht. "Das stimmt nur dann, wenn sie da all jene hineinrechnen, die nur das arabische aber nicht das lateinische Alphabet beherrschen. Da entsteht der Eindruck, da kämen 80 Prozent Menschen ohne jede Bildung."

Der Vorbericht:

"Rund eine Million Flüchtlinge kamen 2015 nach Deutschland und wurden von einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit freundlich aufgenommen", schreiben die Veranstalter, "Nur drei Jahre später würden sich  polarisieren sich die Debatten rund um das Thema Migration und viele Deutsche haben Angst vor Überfremdung." Diese Angst in Akzeptanz umzuwandeln und konkrete Lösungsansätze aufzuzeigen, das solle der Fachtag in Rosenheim erreichen, so die Veranstalter.

Christian Pfeiffer

Der bekannte Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer stellt dazu die Ergebnisse seiner Studie "Flüchtlinge als Täter und Opfer" vor. Er weist auf die Ursachen für die Zunahme von Flüchtlingskriminalität hin und zeigt, was dagegen unternommen werden kann. Dr. David Schiefer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration, präsentiert die Ergebnisse einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung, bei der erstmals Flüchtlinge selbst befragt wurden. Silvio Gödickmeier, Geschäftsführer von Startklar Soziale Arbeit Oberbayern, legt ein Positionspapier der Startklar-Gruppe mit zentralen Forderungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft vor. 

Tänzerinnen der Freilassinger Ballettschule Danse setzen den Artikel 1 des Grundgesetzes "Die Würde des Menschen ist unantastbar" in einem Modernstück um.

Mechthilde Wittmann

Im anschließenden Podiumsgespräch diskutieren Dr. Nicole Cujai, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit, Professor Dr. Christian Pfeiffer, Dr. David Schiefer, Fahim Sobat, Soziologe und interkultureller Trainer, sowie Mechthilde Wittmann, Integrationsbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, mit dem BR-Moderator Achim Bogdahn über Herausforderungen und Lösungsmöglichkeiten. 

Mechthilde Wittmann war erst in der vergangenen Woche am Donnerstag in Waldkraiburg zu Gast. Dort sprach sie mit Anwohnern der Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung München an der Aussiger Straße in Waldkraiburg. Diese berichteten von ihren Problemen mit den Bewohnern der Einrichtung.

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