Nachtgastronomen schlagen Alarm

Der offene Brandbrief an die Stadt Rosenheim im Wortlaut

Coronavirus - Italien
+
Auch Italien lockert. Wie kann der Barbetrieb im Deutschland aussehen?

Rosenheim - Wie viele andere auch, leiden Unternehmen des Nachtlebens unter der Coronakrise. Jedoch fühlen sich die Betreiber und Inhaber der Bars und Clubs oft alleingelassen. In dem Brandbrief, der rosenheim24.de zugespielt wurde, wendet sich ein Zusammenschluss von Nachtgastronomen direkt an die Stadt.

Der Brandbrief im Wortlaut:

Betreff: Rosenheimer Nachtgastro zu Zeiten des Lockdown

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir sind ein Zusammenschluss der Rosenheimer Nachtgastro. Von der jetzigen Situation eigentlich mit am Härtesten betroffen, haben wir leider den Eindruck, dass unsere Lage gänzlich unbehandelt und auch nicht diskussionswürdig erscheint.

Die Situation stellt sich wie folgt dar:

  • wir waren die Ersten, die schließen mussten 
  • auf unabsehbare Zeit, sind keine Lockerungen oder Konzepte dafür erkennbar 
  • die komplette Branche kämpft ums Überleben, da geltende Vorschriften, schwer oder fast gar nicht umsetzbar sind (Abstandsregelung, Frischluftzufuhr, Haushaltsregelung etc. )

Leider entsteht oft der Eindruck, dass es unserer Branche sehr gut ginge. Das ist grundlegend falsch! Fakt ist, dass wir am Boden liegen und ausbluten. Seit Mitte März hat keiner von uns auch nur einen Euro Umsatz verdient. Auch alternative Untervermietungsmöglichkeiten scheiden aus, da ein Großteil der Lokale aufgrund der Beschaffenheit weder als Lagerraum nutzbar, noch aufgrund der aktuellen Regelung eine Vermietung an Geburtstagsfeiern, etc… zulässig ist. Unsere Lokale liegen nutzlos in der Stadt und kosten Geld, dass wir irgendwo herzaubern sollen.

Viele von uns haben kein zusätzliches finanzielles Standbein. Falls dieses doch vorhanden war, wurde es in den meisten Fällen ebenfalls von Corona mit in den Abgrund gerissen. Daher stehen viele von uns vollkommen ohne Perspektive vor dem Nichts.

Ein großer Dank geht hier an unsere Verpächter, welche mit eigenen Einbußen, unser Überleben versuchen zu sichern. Allerdings ist die Pacht bei Weitem nicht der einzigen Posten, die wir monatlich stemmen müssen. Bei aktuell null Umsatz wohlgemerkt. Eine Schließung des Geschäftsbetriebs ist auch keine Option, da die bereits erbrachten Investitionen erst zurückerwirtschaftet werden müssen und unsere Pachtverträge teilweise mehrere Jahre laufen.

Die Stundungen und Nachlässe mögen im Moment nützlich erscheinen. Allerdings wird damit das Problem nur aufgeschoben. Keiner der Rosenheimer Gastronomen kann die aktuell entstehenden Verbindlichkeiten in absehbarer Zeit zurück zahlen. Dies liegt zum einen an dem eh schon sehr schwachen Rosenheimer Nachtleben als auch an dem ausbleibenden Nachholeffekt, wie ihn andere Branchen erleben dürften. Demnach müssen wir nach der Öffnung zusätzlich zu unseren normalen Kosten auch noch Verbindlichkeiten in Höhe von X Euro über mehrere Jahre abstottern.

Erlauben Sie uns dafür eine Beispielrechnung

Auf einem Pachtpreis von 4000 € kommen noch knapp 1000 € laufende Kosten hinzu. Hierzu gehört Strom, Internet, Buchhaltung und eventuell bereits laufende Kredite. Kosten für Mitarbeiter sind hierbei noch nicht eingerechnet. Dem entgegen steht der aktuelle Umsatz von null Euro. Auf den Gastronom kommen zusätzlich zu seinen gewöhnlichen Lebenshaltungskosten also noch Verbindlichkeiten in Höhe von 5000 € hinzu. Bereits hier fällt auf, dass die Soforthilfe, die für diese Betriebsgröße mit 9000 € auf drei Monate ausgelegt war, bereits nach nicht einmal zwei Monate n aufgebraucht war. Der Gastronom musste also bereits hier 6000 € aus seiner eigenen Tasche stemmen. Mit dem neuen Konjukturpaket werden uns 80% unserer Fixkosten gezahlt. Damit entstehen dem Gastronomen jeden Monat dennoch Verbindlichkeiten in Höhe von 1000€.

Man muss kein Wirtschaftsstudium abgeschlossen haben um zu erkennen, dass diese Ausgaben unweigerlich in die Privatinsolvenz führen. Entscheidend ist lediglich die Zeit. Während bei einer Schließung bis September noch die Stundung der Verbindlichkeiten möglich ist. Ist dies bis Januar 2021 nicht der Fall. Besonders da ein Großteil der deutschen Wirtschaft bereits schon wieder im "Normalbetrieb" läuft und die Gläubiger demnach ihr Geld wollen.

Die Stundungen sind allerdings genauso gefährlich, weil wir uns auf Jahre verschulden. Aufgrund der Hygienevorschriften und der damit verbunden Maximalauslastung unserer Betriebe werden wir in der ersten Zeit maximal unsere Ausgaben decken können. Nach Abschaffung der Hygienevorschriften wird jeder Gewinn sofort in die Verbindlichkeiten gesteckt werden müssen. Dies bedeutet, dass manche von uns auf JAHRE keinen Gewinn aus dem Gewerbebetrieb ziehen können.

Würden diese Perspektive auch für die Supermärkte gelten, würden diese innerhalb kürzester Zeit komplett schließen, da natürlich niemand für lau arbeiten will. Die Nahrungsmittelversorgung würde damit komplett zusammenbrechen. Dieser Effekt trifft auch für die Nachtgastronomie zu. Privatinsolvenzen führen zur Schließung der Lokale. Da wir die deutlich am stärksten betroffene Branche der Corona Pandemie sind, werden sich kaum neue Mieter finden lassen. Dies führt zu einem Aussterben des Nachtlebens in Rosenheim. Ohne Nachtleben wird die Stadt deutlich uninteressanter für Studenten und der Altersdurchschnitt der Bevölkerung erhöht sich, weil junge Fachkräfte lieber in Großstädte wie München oder Regensburg ziehen. Dies kann nicht der Anspruch der Stadt Rosenheim sein.

Um die jetzige Situation zu meistern, braucht es: 

  1. eine finanzielle Langatmigkeit
  2. eine Perspektive, auf die man hinarbeiten kann
  3. klare Aussagen über die aktuellen Regelungen

Dass in der Corona-Krise ein Schließen unserer Lokalitäten unvermeidbar war, ist uns durchaus klar. Der Staat musste reagieren und dafür sorgen, dass die Pandemie so schnell wie möglich eingedämmt wird.

Nun muss aber auch an Lösungen gearbeitet werden, damit unsere Nacht- und Clubszene nicht total vernichtet wird. Für uns entsteht ein wenig der Eindruck, dass dieser Bereich abkömmlich oder nicht systemrelevant erscheint

Auch benötigen wir klare Aussagen, wer denn unter welchen Vorschriften öffnen darf. Aktuell entsteht der Eindruck, dass nicht mal das Rosenheimer Ordnungsamt genau weiß, wer, wie, wann und wie lange öffnen darf. Besonders die Un terscheidung zwischen Speisegastro- und Getränkegastronomi e ist von Seiten der bayrischen Regierung nicht genau geklärt worden. Einen Pizzaofen können wir uns auch gerne in unsere Läden stellen, wenn wir dafür wieder aufmachen dürfen.

Während Anfangs noch klarer war, welche Regelungen für wen gelten, ist dies seit den Alleingängen der Bundesländer kaum mehr nachzuvollziehen. Wenn unsere Lokale 40 km weiter südlich oder 200 km weiter westlich wären, dürften wir bereits wieder Gäste empfangen. Uns beschleicht immer mehr das Gefühl, dass der Nachfolgerkampf um die Position von Frau Dr. Merkel aktuell auf unserem Rücken ausgetragen werden soll. Nach jahrzehntelangen Schikanen von Land und Stadt in Richtung Nachtgastronomie sind wir allerdings nicht dazu bereit, diesen Weg mitzugehen. Ganz besonders nicht, wenn wir noch 20% draufzahlen dürfen.

Im Hinblick auf die Zukunft, bitten wir alle Veranstalter etwaiger Festivitäten in Rosenheim, auch die Nachtgastronomen nicht zu vergessen.

Ist es zum Beispiel nicht vorstellbar, bei Veranstaltungen (Christkindlmarkt, Sommerfestival, Blaue Nacht, Street-Food-Festival etc.), anstelle von „nur“ auswertigen Standbetreibern, auch die städtische Nachtgastronomie miteinzubeziehen?

Wir sind hier in der Bevölkerung bekannt und können mit Sicherheit solche Veranstaltungen positiv bereichern.

DerArbeitskreis Gastro- und Kultur der Stadt Rosenheim ist ein 1. Schritt in die richtige Richtung. Jedoch läuft uns die Zeit davon. Für viele von uns ist es bereits 5 nach 12.

Abschließend möchten wir noch darauf hinweisen, dass von Seiten der Münchner Regierung eine reguläre Öffnung für Clubs und Bars erst im Herbst 2021 vermutet wird. Bis dahin wird es in Rosenheim keine Nachtgastronomie mehr geben.

Für Vorschläge Ihrerseits sind wir selbstverständlich offen, wir danken für Ihr Gehör.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Ottitsch (Beauftragter der AK-Rosenheim), Tatis Bar 

Peter Jung und Christina Taxer, Hang Loose, Innstitut, Lenz the Pub, Drunken Monkey 

Sascha Khayat, P2-Club 

Josy Schütz, Party Oim 

Sabine Ulrich, PJ‘s Broadway 

Franz Fischer und Alexander Stöhr, Nerdz 

Robert Stein, Revenge, Triple Inn, Arche 

Martin Riedl, Schaug’eine 

Markus Wunderlich, One-Bar 

Marco Koob, Wuid

Offener Brandbrief des Zusammenschlusses der Rosenheimer Nachtgastro

Kommentare