Rosenheimer Bauernverband-Geschäftsführer zum Volksbegehren

"Was wir uns fragen: Warum richtet sich das nur gegen uns Landwirte?"

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Der Rosenheimer Bauernverband-Geschäftsführer und Landwirt Josef Steingraber.
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Rosenheim - Die Debatte um das "Volksbegehren Artenvielfalt" ist längst auch in unserer Region angekommen. Die heimischen Politikerinnen Michaela Kaniber und Gisela Sengl diskutierten jüngst dazu, nun äußert sich der Geschäftsführer des Rosenheimer Bauernverbands:

"Das Thema verfolgt mich derzeit bis in meine Träume", klagt Steingraber, betont aber ausdrücklich: "Gegen 'Rettet die Bienen', das Motto, hat ja keiner was. Aber was da als Gesetze gefordert wird, das ist maßlos übertrieben und läuft auf eine gesetzliche Enteignung hinaus."

Der 33-Jährige stammt aus einem kleinen landwirtschaftlichen Familienbetrieb in Rosenheim-Aising, auf dem er Obst produziert, Bullen mästet und seine Erzeugnisse auch direkt vermarktet. Seit 2013 ist er Leiter der BBV-Geschäftsstelle Rosenheim und zuständig für die Betreuung der rund 3500 angeschlossenen Landwirtschaftlichen Betriebe.Der Bauernverband steht dem Volksbegehren ablehnend gegenüber und führt beispielsweise auf seiner Website umfangreiche Gründe dazu an.

"Die Frage, die wir Bauern uns stellen ist: Warum richtet sich das nur gegen uns Landwirte?", will er wissen, "Nur rund zwei Prozent der Bevölkerung sollen etwas gegen ein so nicht wissenschaftlich bewiesenes Artensterben machen." Es sei klar belegbar, dass das Volksbegehren der Artenvielfalt nicht helfen werde. 

Steingraber im Video:

Forderungen seien falsch

Hauptproblem bei Bienen sei die Varroamilbe, welche regelmäßig Bestände massiv dezimiere. Insgesamt nehme der Bestand der Honigbienen aber zu, gefährdet seien vielmehr die Wildbienenarten. Davon seien  viele Arten noch vor dem Beginn der industriellen Landwirtschaft in Bayern, ausgestorben. "Man kann also nicht behaupten, dass da ausschließlich wir dran schuld wären." Vielmehr seien viele Landwirte inzwischen stark im Natur- und Artenschutz engagiert. Beispielsweise durch die Anlage von Blühwiesen und Maßnahmen zum Schutz seltener Vogelarten. 

Der Bauernverband weißt darauf hin, dass die Zahl der Bienenvölker steigend sei.

Eine der Forderungen laute, dass zehn Prozent der Grünflächen erst ab dem 15. Juni gemäht werden soll. "Wir haben aber schon hier in der Region viele Bauern, die das erst viel später machen, weil es für am Boden brütende Vögel noch viel zu früh wäre!" Diese würden dann keine gesetzlichen Förderungen mehr für diese Maßnahme erhalten. "Insgesamt würden beispielsweise alleine durch diese Maßnahme im Kreis Rosenheim 4800 Hektar der Landwirtschaft entzogen", klagt er, "Was mache ich dann einerseits mit dem Aufschnitt? Und wo bekomme ich andererseits das eiweißreiche Futter her, dass da sonst wachsen würde? Das müsste ich ja auf einmal wieder importieren!"

Die Gegenseite: Gisela Sengl wirbt für das Volksbegehren

Ein anderes Beispiel sei das Verbot des Walzens von Grünflächen ab dem 15. März. "Zu der Zeit liegen manche Bereiche im Kreis Rosenheim beispielsweise noch unterm Schnee!", kritisiert er. 

Steingraber: Mehr Ökolandbau ohne Nachfrage bringt nichts

Besonders kritisch sehe er die Pflicht zum Ökolandbau, da diese auch ein Grundproblem aufzeige. "Wenn ich will, dass mehr ökologisch produziert wird, dann muss man auch den Absatz fördern. Im Moment produzieren wir schon ausreichend für den heimischen Markt. Alle Importe von Bio-Lebensmitteln umfassen Genussmittel wie Tee und Kaffee oder Südfrüchte!"

Stimmen Sie ab:

Geht es nach dem Volksbegehren soll der Ökoanbau stark steigen – auf mindestens 20 Prozent Anteil bis 2025 und mindestens 30 Prozent bis 2030. "Sie sehen das doch gerade an dieser ganzen Begeisterung für den 'Mere'-Billigsupermarkt, den 'Russen-Aldi'", klagt er, "Die Leute wollen immer noch vor allem eines: Möglichst viel Lebensmittelmenge für möglichst wenig Geld. Bio kostet aber nunmal!"

"Bisher haben wir freie Märkte und jetzt soll eine Planwirtschaft ohne genug Abnehmer kommen?", fragt Steingraber. "Wenn der Staat beispielsweise festlegen würde, dass alle öffentlichen und in staatlichen Stellen befindlichen Kantinen, Mensas und so weiter nur noch Bioprodukte verwenden dürften, würde das durch eine Steigerung der Nachfrage der Umstellung auf Biobetriebe viel mehr helfen." Ihm selbst seien beispielsweise eine Reihe von Betrieben um den Chiemsee herum bekannt, die Bio-Milch produzieren, jedoch keine Abnehmermolkerei finden und ihre Milch konventionell vermarkten müssen.

Steingraber: Debatte bringt unverdienten Imageschaden für Landwirte

Insgesamt schmerze ihn an der ganzen Debatte vor allem der Imageschaden, der seiner Ansicht nach der Landwirtschaft auch dadurch entstehe. Dabei zeige etwa das Beispiel der Öko-Lebensmittel, dass auch andere Bevölkerungsteile gefordert seien. "Was ist mit der Industrie? Was ist mit der Umweltverschmutzung durch Flugzeuge und zu viel Straßenverkehr?" Zudem seien Landwirte bisher nicht mit in die Diskussion eingebunden worden.

"Dann lege ich beispielsweise einen Blühstreifen an und muss aber ein Plastik-Schild daneben stellen, das es erklärt."

"Wir engagieren uns doch schon massiv für den Naturschutz, das wird aber kaum wahrgenommen", erklärt er. Beispielsweise würden 13 Millionen Quadratmeter oder 40 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Bayern, bereits nach den Vorgaben der Agrarumweltprogramme bewirtschaftet werden. "Aber dann lege ich beispielsweise einen Blühstreifen an und muss aber ein Plastik-Schild daneben stellen, das es erklärt, weil die meisten Leute leider nicht wissen, dass eine echte Blühwiese halt nicht knallbunt ist, sondern überwiegend grün mit ein paar bunten Einsprengseln."

So sieht ein Blühstreifen an Steingrabers Feld im Sommer aus:

Er zeigt auf seinem Rechner zahlreiche Bilder seiner Blühwiese und der darin lebenden Insekten: "Das ist ja auch ein Problem daran, dass das Volksbegehren ausgerechnet jetzt stattfindet: Im Frühjahr und vor allem dem Sommer könnten die Leute sehen wie es summt und brummt auf den entsprechenden Flächen, nun haben sie nur ruhende Brachen vor Augen." Die zuständige Naturschutzbeauftragte habe eine umfangreiche Dokumentation seiner Maßnahme erstellt.

Er fürchte, so schließt er sichtlich resigniert, dass das Volksbegehren erfolgreich sein wird. "Dann werde ich mir auch überlegen müssen, ob ich meinen Betrieb weiterführen kann." Er fürchte, die Folge sei dann eine weitere Verstärkung der auch im Landkreis Rosenheim vorherrschenden Tendenz zu immer weniger aber größeren Betrieben und ein Ende für viele Kleinbauern. 

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