Prozess nach tödlichem Unfall in Rosenheim

Angeklagter bretterte nach dem Unfall in Geiselhöring durch einen Kreisverkehr

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Rechtsanwalt Dr. Andreas Michel und der Angeklagte kurz vor Prozessbeginn am 12. Februar.
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Rosenheim - Der fürchterliche Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim, bei dem zwei junge Frauen vom Samerberg starben, ist erneut ein Fall für die Rosenheimer Justiz. Der Prozess gegen den zweiten beteiligten BMW-Fahrer ist aufgenommen worden. **Wir berichten von vor Ort**

Update, 17.30 Uhr - Angeklagter wurde noch einmal beim Rasen erwischt

Am 24. Juni 2017 geriet der Angeklagte bei Geiselhöring in eine Verkehrskontrolle. Laut Aussagen des Polizeibeamten, der ihn kontrollierte seien zwei BMW mit überhöhter Geschwindigkeit in einen Kreisverkehr eingefahren und ins driften geraten. 

Das Auto des Angeklagten habe sich dabei gedreht. „Es ist eine recht ländliche Gegend, der Kreisverkehr war für den Angeklagten unübersehbar“, sagt der Polizist aus. „Der Pkw ist nach dem Kreisverkehr angehalten worden, und ich habe den Angeklagten bei der Kontrolle dann gefragt, was das soll dass er so durch den Kreisverkehr durchbrettert. Darauf hin hat er gesagt, 'das war nur Spaß'.“ Der Beamte habe klären wollen, was das Verhalten soll. Das Verfahren in dieser Sache wurde jedoch eingestellt.

Update, 16.20 Uhr - Polizisten sagen aus

Der Kolbermoorer BMW-Fahrer und sein Beifahrer wurden nach dem Unfall von einem Polizeibeamten vernommen, der als nächster Zeuge aussagt. Beide seien bei ihrer Befragung völlig teilnahmslos und desinteressiert gewesen. "Wie lange dauert das noch, ich möchte gerne heim", habe der Beifahrer des vorderen BMW laut Polizeibeamten bei seiner Vernehmung gesagt. "So ein Verhalten war sehr ungewöhnlich nach so einem schweren Unfall."

Nächster Zeuge ist der Polizeibeamte, der den Angeklagten nach dem Unfall vernommen hat. Er habe den Angeklagten zunächst als Zeugen und vorsorglich auch als Beschuldigten vernommen, sollte sich im Rahmen der weiteren Bearbeitung des Falles die Lage von Zeuge zu Beschuldigtem ändern. "Er war sehr aufgeregt, sehr emotional, auch nahe am Wasser gebaut. Ihm war schon klar, was da passiert ist", sagt der Beamte aus. "Im Rahmen der Vernehmung ist ihm gesagt worden, dass da ein Mädchen verstorben ist. Das hat ihn schon sehr mitgenommen."

Der Beamte sagt auch aus, dass die vier Insassen der beiden BMW am Unfallort etwa 20 Minuten lang zusammengestanden haben. Es sei dadurch eine Absprache der Männer möglich gewesen.

Update, 15.10 Uhr - Beifahrer des vorderen BMW sagt aus

Auch der nächste Zeuge - der Beifahrer des BMW-Fahrers aus Kolbermoor - schildert vor Gericht den Unfallhergang. Wie groß der Abstand zwischen dem Fahrzeug, in dem er saß, und dem des Angeklagten hinter ihm war, könne er nicht mehr genau sagen. Er gehe davon aus, dass es fünf bis sechs Wagenlängen gewesen seien. Den Zusammenprall habe er nicht direkt gesehen. Auch er habe die Situation nicht als Rennen wahrgenommen. Er selber habe noch nie an einem Rennen in irgendeiner Form teilgenommen. Staatsanwalt Jan Salomon hält dem Zeugen daraufhin eine Chat-Nachricht vor, die er nach dem Unfall geschrieben hatte, worin er schrieb: "Dieses Mal war es kein Rennen.". An diese Nachricht könne er sich nicht mehr erinnern. Auch seine weiteren Angaben vor Gericht sind widersprüchlich.

Update, 13.35 Uhr - Verteidiger des Angeklagten nimmt Zeugen in die Mangel

"Sie haben Angaben bei der Polizei, bei Ihrer Verhandlung und heute gemacht, welche Angaben treffen denn wirklich zu?", fragt der Verteidiger des Angeklagten, Rechtsanwalt Andreas Michel, den verurteilten Golf-Fahrer. "Es treffen alle zu, ich kann mich an manche Sachen nicht mehr genau erinnern." Michel will weiter wissen, ob der Zeuge von dem schweren Zugunglück gehört habe und davon, dass dieses durch das Spielen auf dem Handy verursacht wurde. Bei dieser Frage geht ein Raunen durch den Zuschauersaal. "Ich habe von dem Unglück gehört, aber ich weiß nicht, was das mit mir zu tun hat", antwortet der Golf-Fahrer. Es folgt ein Wortgefecht zwischen Nebenklagevertretern und dem Verteidiger des Angeklagten.

Prozessbeteiligte geraten aneinander

In einer kurzen Unterbrechung kommt es zum lauten Streit vor dem Gerichtssaal. Der BMW-Fahrer aus Kolbermoor und seine Eltern geraten mit den Eltern der Samerbergerinnen und dem Golf-Fahrer aneinander. "Ob du überhaupt noch ruhig schlafen kannst, bei den Geschichten, die du hier erzählst", hat der Kolbermoorer den Unfallfahrer gefragt, woraufhin der die Fassung verliert. "Du hast überhaupt keine Aussage gemacht", schreit er ihn an. Es folgt ein Wortgefecht. Die anwesenden Justizbeamten müssen dazwischen gehen.

Beifahrerin des Unfallfahrers sagt aus

Als nächste Zeugin wird die Beifahrerin des Unfallfahrers vernommen. "Nachdem uns zwei Autos überholt haben, ist er schneller geworden und hat dann plötzlich ausgeschert, um zu überholen. Ich hab dann nur noch zwei Lichter gesehen und dann weiß ich nichts mehr, bis ich im Auto wieder zu mir kam." Anders als der Fahrer des Golf, der angegeben hatte, dass man zeitweise ihr Handy als Navi benutzt hätte, sagt die Zeugin aus, dass mit ihrem Handy niemals navigiert wurde, weil sie einen österreichischen Tarif nutze.

Aussage des Beifahrers des Angeklagten

"Wir haben uns gefragt, was macht der jetzt, da kommt ein Auto entgegen?", sagt der Freund des Angeklagten, der auf dem Beifahrersitz saß. "Dann habe ich gesehen, wie der Golf noch kurz einen Schlenker nach links machte und mit dem anderen Auto zusammengestoßen ist. Ich habe die Splitter gehört." Die Richterin spricht an, ob man sich ein Rennen geliefert hätte, was der Zeuge verneint. "Für uns war es nicht verständlich, warum man an so einer Stelle überhaupt überholt." Der Golf hätte nach Aussage des Zeugen locker Platz gehabt, um einzuscheren. Der 22-Jährige wehrte sich zudem gegen Behauptungen, die vier BMW-Insassen hätten sich nach dem Zusammenstoß nicht um die Unfallopfer gekümmert. Was der Polizist, der als Erster am Unfallort eingetroffen war, zumindest im Falle des Angeklagten bestätigen konnte. Er habe beim Eintreffen einer der schwerverletzten Mädchen beigestanden.

Update, 10.55 Uhr - Golf-Fahrer berichtet vom Unfallhergang 

Der Golf-Fahrer sagt aus, dass er, bevor der Unfall passierte, von zwei BMW überholt worden sei. Ihm sei es so vorgekommen, als würden die ein Rennen fahren, weil sie sehr dicht aneinander gefahren sind. "Ob es wirklich ein Rennen war, kann ich nicht genau sagen."

Nachdem er überholt wurde, habe er die zwei BMW irgendwann eingeholt, weil diese deutlich langsamer gefahren seien. "Ich hab mir gedacht, warum überholen die erst, wenn sie dann wieder langsamer fahren. Dann habe ich auf einem relativ geraden Stück angefangen zu überholen. Dann kam eine Rechts- und eine Linkskurve. Ich habe beschleunigt und beschleunigt, als ich dann mit dem Angeklagten gleichauf war, hat der auch beschleunigt. Es gab kurz Blickkontakt, dann hat er aber wieder nach vorne geschaut."

Er habe dann wahrgenommen, dass die Lücke zwischen dem Angeklagten und dem BMW-Fahrer aus Kolbermoor zu klein gewesen sei, um bei seiner Geschwindigkeit einscheren zu können, weswegen er sich entschieden habe, auch den zweiten BMW noch zu überholen. "Der Abstand zwischen den beiden BMW war etwa eine Autolänge."

Der vordere BMW habe dann auch beschleunigt. "Ich habe dann rüber geschaut und mir gedacht: Was macht der jetzt? Ich habe den Gegenverkehr nicht wahrgenommen. Als meine Beifahrerin zu schreien begonnen hat, habe ich dann zwei Scheinwerfer wahrgenommen. Ich wollte noch nach links ausweichen, aber da war es dann schon zu spät."

Ob er den Eindruck hatte, dass der Angeklagte und sein Freund sich mit ihm ein Rennen liefern wollten, will die Vorsitzende Richterin Dr. Doliwa wissen. "Nachdem sie ja dann auch beschleunigt haben, kam es mir schon ein bisschen so vor, ob es wirklich so war weiß ich nicht", antwortet der Ulmer. Die Vorsitzende will auch wissen, warum er nicht einfach abgebremst habe. "Die Frage stelle ich mir selber oft. Der Moment, wenn man in so einer Situation ist, da habe ich nur gedacht: Warum beschleunigen die?. Das ging alles so schnell. Ich habe nicht ans Abbremsen gedacht."

Er selber habe sich kein Rennen liefern wollen. Seit August 2018 arbeitet der junge Mann wieder, leide aber noch immer an den psychischen Folgen des Unfalls und befinde sich deswegen nach wie vor in Behandlung.

Update, 9.40 Uhr - Golf-Fahrer aus Ulm sagt aus

Der erste Zeuge des Tages ist der BMW-Fahrer aus Kolbermoor, der in der Verhandlung im Mai 2018 zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt wurde. Das Urteil ist derzeit noch nicht rechtskräftig, da er Berufung eingelegt hat. Der Kolbermoorer erscheint im Beisein seines Anwaltes, Rechtsanwalt Harald Baron von Koskull. Auf Anraten seines Verteidigers macht er von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Als nächster Zeuge wird der verurteilte Golf-Fahrer aus Ulm vernommen, der mit dem Nissan Micra der jungen Samerbergerinnen frontal zusammengestoßen war. Er wurde im Mai zu einem Jahr und acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Auch er erscheint im Beisein seines Rechtsanwalts Stephan Rochlitz. Weil sein Urteil rechtskräftig ist, kann er sich nicht auf sein Aussageverweigerungsrecht berufen.

Vorbericht

Seit dem 12. Februar läuft der Prozess gegen einen Riederinger am Rosenheimer Amtsgericht. Er ist der fahrlässigen Tötung angeklagt. Es geht um den schlimmen Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim am 20. November 2016. Am ersten Prozesstag vergangenen Dienstag schwieg der Angeklagte auf Anraten seines Anwalts vor Gericht. Rechtsanwalt Andreas Michel gibt als Grund dafür die medialen Veröffentlichungen an, die zu einer Vorverurteilung seines Mandanten geführt hätten. 

Der Mann aus Riedering hatte zum Unfallzeitpunkt einen weiteren BMW gesteuert und soll das Wiedereinscheren des Fahrers aus Ulm ebenfalls verhindert haben. Ihm wird seitens der Staatsanwaltschaft Traunstein, Zweigstelle Rosenheim, nun fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und Gefährdung des Straßenverkehrs zur Last gelegt. 

Das Amtsgericht Rosenheim hatte einen damals 21-jährigen Golffahrer aus Ulm im Mai 2018 zu einer Haftstrafe auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. Mit beteiligt am Unfall war ein damals 25-jähriger Kolbermoorer BMW-Fahrer, der zu einer Haftstrafe von zwei Jahren verurteilt wurde. Der wartet derzeit auf seinen Berufungsprozess in Traunstein. Das Rosenheimer Amtsgericht sah es als erwiesen an, dass der BMW-Fahrer den Golf-Fahrer am Wiedereinscheren gehindert und somit den Frontalzusammenstoß erst provoziert hatte. 

Das überholende Fahrzeug, das der junge Mann aus Ulm steuerte, krachte daraufhin frontal mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammen, in dem drei junge Frauen saßen. Eine 21-Jährige und eine 15-Jährige vom Samerberg starben, eine 19-Jährige überlebte schwer verletzt. 

Urteil wird für 19. März erwartet

Das Gericht setzte für den Prozess gegen den zweiten BMW Fahrer fünf Verhandlungstage fest, an denen voraussichtlich 15 Zeugen und mehrere Sachverständige aussagen sollen. Der verurteilte Golffahrer hatte die beiden BMW-Fahrer in der Verhandlung 2018 bereits schwer belastet. „Die Schweine haben mich nicht reingelassen", hatte er in einem Telefonat mit seiner Schwester direkt nach dem Unfall gesagt.

Offen blieb in dem ersten Prozess bis zuletzt, ob sich die Fahrzeuge auf der Miesbacher Straße ein Rennen geliefert haben.

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