Zwischen Serienmord und Comedy

Sebastian Fitzek liest "Der Insasse" in Rosenheim

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Das Publikumsreaktionen im Ballhaus schwankten am Mittwochabend zwischen schallendem Gelächter und betretenem Schweigen. Sebastian Fitzeks Lesung von "Der Insasse" hinterließ einen bleibenden Eindruck.

Es war ein Abend voller Kontraste: Am Mittwochabend lud die Buchhandlung "Bücher Johann" zur Lesung von Krimiautor Sebastian Fitzek ein. Im großen Stucksaal des Ballhauses versammelten sich Crime-Fans aus ganz Rosenheim in klassischer Atmosphäre. Bereits kurz nach dem Einlass war der Saal gerammelt voll. Über 500 Karten hat Johann Struck im Vorfeld verkauft, ein ungewohnt großes Publikum für die Literaturveranstaltungen des Buchhändlers.

Bei seiner Ansprache erzählte Struck von der Geschichte seines kleinen Buchladens "Bücher Johann", der vor kurzem neu in der Gillitzer Straße eröffnet hat. Auch seine Frau Nani holte er auf die Bühne und überreichte ihr einen riesigen Blumenstrauß, was dem Publikum ein verzücktes Seufzen entlockt. Er sprach von Erfolgen und Misserfolgen und davon, dass in der Vergangenheit die von ihm organisierten Lesungen eher wenig Anklang fanden. 

Bilder von Sebastian Fitzeks Lesung von "Der Insasse"

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Genau deshalb habe er jetzt beschlossen "etwas richtig Großes" auf die Beine zu stellen. Und das ist ihm gelungen: Krimibuchautor Sebastian Fitzek ist einer der ganz Großen. Er gilt schon lange als Garant für komplexe und erschütternde Psycho-Thriller. Derzeit befindet sich sein 17. Buch "Der Insasse" auf der Nummer eins der Spiegel-Bestseller-Liste. Wie alle seine Bücher befasst sich auch dieses mit den dunkelsten Seiten der Menschen, Serienmördern, Psychopathen und Sadisten, aber auch mit dem seelischen Elend derer Opfer. Keine heitere Lektüre also. 

Auch "Der Insasse" handelt von einem solchen Serienmörder. Besonders perfide ist das Buch, weil es sich nicht mit der Suche nach dem Kindermörder Tramnitz, sondern vor allem mit dem verzweifelten Streben nach Antworten eines der Väter seiner Opfer befasst.

Konträrer Vortrag zwischen Mord und Komödie

Während Fitzek aus seinem Buch las war es im Saal totenstill, auch nachdem er schon längst wieder aufgehört  hatte vorzulesen, brauchte das Publikum einen Moment, um sich zu fangen. Die Szenen, die der Autor heraufbeschwörte, waren düster, voll gepackt mit Gewalt und  Verzweiflung und sein animierter Vortrag der Horrorszenarien schaffte Bilder vor dem inneren Auge, die unter die Haut gingen. 

Umso überraschender war es, dass Fitzek sich zwischen seinen Lesesequenzen als urkomischer Redner herausstellte. Mit Anekdoten aus seinem Familienleben, lustigen Geschichten aus seiner Recherchearbeit und dem Teilen der kuriosesten Fanbriefe rief er wieder und wieder schallendes Gelächter im Saal hervor. 

Überhaupt will die Erscheinung Fitzeks so gar nicht zu dem Bild passen, das man sich bei der Lektüre seiner Krimis von ihm macht. Beinahe unscheinbar sah der 47-Jährige aus, wie er in Jeans und T-Shirt auf der Bühne stand und fröhlich einen Scherz nach dem anderen zum Besten gab. Er selbst thematisierte die paradoxe Erwartung, die Leser an ihn als Mensch haben, oft. 

Sogar enttäuscht seien Fans, wenn sie ihn in Fleisch und Blut sähen, weil er eben nicht wie Stephen King, sondern vielmehr wie ein "Günther Jauch Verschnitt" aussähe. Wie er es als normaler Mensch aushalte, sich mit den düsteren Themen seiner Romane so intensiv zu befassen, werde er immer wieder gefragt. Darauf hatte der Autor eine klare Antwort: Für ihn sei das Schreiben fast eine Art Verarbeitungsmechanismus. Seinen Ängste und Sorgen als Familienvater stelle er sich im kreativen Prozess. 

Trotz der Konfrontation mit den Abgründen der menschlichen Seele, zeigte Fitzek sich überraschend optimistisch. Er glaube nicht, dass die Menschheit verkommen sei. Das sähe man ja schon in den Nachrichten. So seien zum Beispiel nach Terrorattacken die Ersthelfer in weitaus größeren zahlen anwesend. "Ich glaube, das Gute ist in der Überzahl", beteuert er. 

Vielleicht interessiert er sich gerade deshalb in seinen Büchern weniger für die Täter und deren Motivation. Viel interessanter finde er die Opfer, die in den Medienberichten solcher Fälle ja häufig "hinten umkippen" und gar nicht ins Bewusstsein der Bevölkerung vordringen. Dabei sei es ja gerade das, was so interessant sei an Fällen, wie dem in "Der Insasse". Die Frage, wie jemand mit Gewalt umgehe, der nicht dafür trainiert wurde, beschäftigt ihn am meisten in seinen Werken. 

Über die Formel zum Erfolg kann er zum Abschluss auch noch eine Antwort geben. Die existiere nämlich nicht. 80 Prozent von dem, was Erfolg ausmache, sei pures Glück, so Fitzek. 

jv

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