E-Bikes: Volltanken bei der Brotzeit

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Keine Belastungsspitzen mit Elektrounterstützung: E-biken ist auch interessant für Pärchen oder Gruppen mit ungleichem Konditions-Niveau.

Rosenheim - Eine Revolution im Fahrrad-Geschäft: E-Bikes. OVB-Redakteur Christopher Lauinger hat sich deshalb mal in der Stadt umgeschaut:

Letztens beim Wandern: Zu Fuß schnaufte ich in Richtung Berggasthof und beneidete manchen Mountain-Biker um seine Kondition. Etwas verwunderte aber das Bild, als ein durchtrainierter Mann sich an der Steigung abmühte und seine Partnerin, offensichtlich weniger gut trainiert, ohne nennenswerte Pulsveränderung an ihm vorbeizog.

Fahrräder mit Elektromotor, sogenannte E-Bikes, erhöhen den Aktionsradius, wenn Muskelkraft und Kondition nachlassen. Sie haben sich laut Hermann Lederen, Filialleiter der Firma Radlbauer in Rosenheim, als Alternative besonders für Kunden mit Asthma, Herzoder Knieproblemen etabliert. Die E-Bikes verkaufen sich bei ihm „wie die warmen Semmeln“. Auch ältere Radfahrer könnten so wieder Touren wie früher unternehmen. „Belastungsspitzen an Steigungen übernimmt der Motor“, erklärt Lederer. So können sie sich mit den Pedelecs die Mobilität länger bewahren.

Breit aufgestelltes Sortiment. Die Bandbreite der Elektroräder reicht vom bequemen Stadtradel bis zum sportlichen Mountain-Bike.

Elektrofahrräder, auch Pedelecs genannt, sind zulassungsfrei bis zu 25 km/h flott. Es können aber auch Antriebe eingebaut werden, die bis zu einem Tempo von 45 km/h beschleunigen. Dazu müssen sie aber ein Versicherungskennzeichen tragen. Der Radlbauer-Filialleiter sieht das Kundenpotential vorrangig bei denjenigen, die „nicht verschwitzt im Büro ankommen wollen“ oder bei älteren Radfahrern, die ruhig ohne Motorenlärm in der Gegend rumsausen wollen.

Eine Option für Sportliche: „Den Motor kann man, wenn man will, auch wegschalten, dann fährt man ganz konventionell mit Muskelkraftantrieb.“

Für diejenigen, die den Motor aber tatsächlich nutzen, baut Fritz Bartel von der Firma Sonnen-Bartel Solartankstellen. Mittlerweile stehen in Stadt und Landkreis sowie im Chiemgau bereits sieben Stück. „Die Kabel für eine zweite Tankstelle in der Stadt sind bereits verlegt und die ,Zapfsäule‘ wird jetzt installiert“, so Bartel. Am „Happinger Hof“ können dann bis zu vier Elektofahrräder gleichzeitig aufgeladen werden. Der Strom wird an Ort und Stelle über Photovoltaik produziert, Leitungen oder Zukauf seien nicht notwendig.

„Wenn das Tankstellennetz dichter ist, wird auch mehr darauf zurückgegriffen“, erhofft sich der Elektroantriebs- Fan. Ein enger gestricktes Netz ermögliche schließlich auch bei begrenzter Elektro-Reichweite eine leichtere Routenplanung. „Während man bei einer Brotzeit neue Kraft tankt, bekommen in unserem Fall auch die Elektromobile der ganzen Familie neue Energie“, schwärmt Bartel.

Gleichzeitig stellt der Vorreiter in Sachen umweltfreundlicher Antrieb aber auch fest: „Die Östrreicher sind da schon viel weiter.“ Mit 275 Elektrofahrrädern zum Leihen und 75 Verleihoder Akkuladestationen seien die Kitzbüheler Alpen ein echtes Paradies für Elektro-Radler: „So kurbeln die auch den Tourismus an.“

Dieses Potenzial erkennt auch Herbert Reiter, Leiter der Tourist-Info Aschau. Der Ausbau eines eigenen E-Bike- Netzes sei ein Zukunftsprojekt. „Wenn der Verband etwas macht, springen wir aber auf das Rad mit auf“, so der Touristiker. Bislang biete die Tourist-Info keinen eigenen Verleih oder Lademöglichkeiten an. „Das ist aber bei einzelnen Fahrradhändlern möglich“, sagt Reiter. Elektroräder würden auch von immer mehr Gästen bestaunt, die sich dann bei ihm über die bergauf bemerkenswert schnellen Radl informieren. „Schließlich werden diese Räder immer unauffälliger“, weiß Reiter.

Niveauanpassung durch Motor

Die elektrische Unterstützung des Radlers macht E-Biken auch für Pärchen oder Gruppen mit ungleichem Konditions-Niveau interessant – und aus genau diesem Grund werden eben diese Radler auf Almen von tatsächlichen Sportlern manchmal noch etwas belächelt. Josef Stein, Junior-Chef auf der Steinling-Alm an der Kampenwand, hat erkannt, dass immer mehr Radfahrer den Weg zu ihm hinauf mit Zusatzmotor in Angriff nehmen. Noch seien die E-Radler mit vielleicht fünf Prozent deutlich in der Minderheit. „Da wird am Stammtisch schon mal gefrotzelt“, weiß der Hüttenwirt.

Die Frage nach dem Alter des Bikers, der den Motor braucht, lasse oft nicht lange auf sich warten. „Aber nur wenige der Radmodelle haben die entsprechende Akkuleistung, um es bis zur Alm zu schaffen“, macht Stein darauf aufmerksam, dass es mit einem 25 Kilo schweren E-Bike, dem bei Halbzeit der Motor ausfällt, besonders anstrengend werden kann. „Bei Steigungen kommt der Akku schnell an seine Grenzen und flacher wird es bei uns heroben auch nicht“, sagt der Hüttenwirt.

Er vermutet, dass die Anzahl der elektrounterstützten Räder dann wesentlich größer wird, wenn die Technik weiterentwickelt ist. Ob das unbedingt richtig ist, dahinter setzt Stein ein Fragezeichen: „Die gute Stunde, die man normalerweise hierher braucht, ist schließlich auch ein gutes Konditionstraining.“

Wegen des erhöhten Gewichts sieht auch Wolfgang Haas, Inhaber des Rosenheimer Fahrradgeschäftes „Cycle“, Mountain-Bikes mit Elektromotor eher skeptisch: „So kommen viele untrainierte Fahrer weiter den Berg hinauf, was dann besonders bei der Abfahrt Gefahren birgt“, verweist Haas auf das höhere Gewicht der Räder und oft weniger Fahrtechnik der Piloten.

Verstärkter E-Bike-Verkehr am Berg gehe zu Lasten der Natur, Konflikte mit Wanderern seien vorhersehbar. In den auf 25 km/h begrenzten Pedelecs sieht Haas eine ideale Ergänzung für die Innenstadt. „Im Nahverkehrsbereich können sie das Auto ersetzen“, sagt er, da verliere auch der Schloßberg seinen Schrecken. Zwiegespalten sieht er die stärker motorisierte Variante. Da könne es zu gefährlichen Konflikten kommen: „Autofahrer nehmen einen auf der Straße nur als Radfahrer war und unterschätzen schnell die Geschwindigkeit.“

Von Seiten der Fahrradhersteller sieht man in den E-Bikes nicht mehr nur einen Trend. „Die haben sich etabliert. Es gibt unterschiedlichste Modelle in allen Segmenten, die immer mehr Zielgruppen erschließen“, weiß Corratec-Marketingleiter Florian Fischl.

Er will E-Bike-Fahrer auch keinesfalls auf ältere und schlecht trainierte Kunden reduziert wissen. „Das Portfolio reicht vom komfortablen Trekking-Rad bis zum sportlichen Mountain-Bike.“ Letzteres sei wegen höherer Akkuleistung mittlerweile absolut tourentauglich.

„Die Räder sind so weit entwickelt, dass sie inzwischen auch keine Kinderkrankheiten mehr aufweisen“, erklärt Fischl. Optimiert werden noch weiter eine immer höhere Effizienz und Leistung des Akkus und des Antriebs. Deutschlandweit hat Corratec, so der Marketingleiter, 2012 mehrere Tausend Elektrofahrräder verkauft – mit steigender Tendenz. Fischl ist von einem überdurchschnittlichen Wachstum in diesem Segment in den kommenden Jahren überzeugt: „Im Vordergrund stehen für viele Käufer die Effizienz und der Spaßfaktor.“ Daher sieht der Marketingleiter auch noch immenses Kundenpotenzial im Tourismus und bei Pendlern.

Christopher Lauinger (Oberbayerisches Volksblatt)

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