Dr. Michael Städtler ist Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung im Raum Rosenheim

„Je mehr asymptomatische Patienten per Zufallsprinzip getestet werden, umso mehr Positiv-Fälle erhalten wir“

Dr. Michael Städtler ist Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung für die Landkreise Rosenheim und Miesbach 
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Dr. Michael Städtler: Seine Position vom Ärztlichen Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz in den Landkreisen Rosenheim und Miesbach wurde umgewandelt zum Ärztlichen Leiter der Krankenhauskoordinierung. 

Rosenheim - Den Klinikalltag koordinieren, steuern und strukturieren in Pandemie-Zeiten: Das sind die Aufgaben von Dr. Michael Städtler als Ärztlicher Leiter Krankenhauskoordinierung für die Landkreise Rosenheim und Miesbach. Was verbirgt sich noch hinter dem Kürzel ÄLKHKO?

Dr. Michael Städtler war im Frühjahr zu Beginn der Corona-Pandemie Ärztlicher Leiter der Führungsgruppe Katastrophenschutz (FÜGK). Jetzt ist er auf Grundlage einer Allgemeinverfügung des Bayerischen Gesundheitsministeriums von Anfang November zum Ärztlichen Leiter der Krankenhauskoordinierung (ÄLKHKO) für die Landkreise Rosenheim und Miesbach ernannt worden. Die Idee hinter der neuen Stelle ist eine umfassende Lagebewertung und Beurteilung, die Dr. Städtler als Bindeglied zwischen den Kliniken abgibt.

Schwerpunkt-Krankenhäuser für eine gemeinsame Strategie zur Patientenstrombindung

Dr. Städtler ist eigentlich zu 50 Prozent Oberarzt in der Anästhesie im Rosenheimer Klinikum und zu 50 Prozent ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes. Im Video-Pressegespräch des Landratsamts am Dienstagvormittag erklärt er zu seiner neuen Position: „Auch wenn es ähnlich klingt, sind es durchaus unterschiedliche Aufgabenbereiche. Seit Beginn der Pandemie im Frühjahr bis zum 16. Juli wurde der Katastrophenschutz ausgerufen. Die Stelle des Ärztlichen Leiters der Krankenhauskoordinierung ist im Prinzip ein ähnliches Konstrukt, aber ohne Katastrophenfall. Die FÜGK als zentrale Stelle gibt es inzwischen nicht mehr.“

Der ÄLKHKO koordiniere die Lage in der zweiten Corona-Welle und setze Schwerpunkt-Krankenhäuser fest, die eine flächendeckende Versorgung gewährleisten: Dazu zählen das Krankenhaus Agatharied sowie die RoMed-Kliniken Wasserburg, Bad Aibling und Rosenheim. „Die Kliniken haben ihre Pandemiepläne aus dem Frühjahr aufrecht erhalten, weil damit gerechnet wurde, dass noch etwas nachkommt - selbst wenn es nicht so ausgesehen hat“, erklärt Dr. Städtler. Im Sommer seien die Kliniken weiter in Kontakt gestanden und hätten Videokonferenzen seit dem Herbst intensiviert, um eine gemeinsame Strategie zur Patientenstrombindung zu erarbeiten.

Miteingebunden in die täglichen Absprachen seien auch die Schönkliniken in Prien, Vogtareuth oder Bad Aibling als Vertreter in der Koordininuerungsgruppe: Auf die greife man bei der Verteilung von Nicht-Covid-Patienten zurück, sofern es notwendig werde, wenn Kliniken nach Covid-Ausbrüchen beispielswese geschlossen werden müssten.

Belegung der Krankenhäuser mit Covid-Patienten im Raum Rosenheim

Über die Sommermonate hinweg waren die Krankenhäuser sehr gering belegt“, erläutert Dr. Städtler. „Ab Mitte Juni gab es praktisch keinen stationären Covid-19-Patienten mehr und wenn, dann waren es häufig Zufallsbefunde. Wir hatten des Öfteren den Fall, dass ein Patient mit einem Schlaganfall oder gebrochenen Arm eingeliefert und in der Folge zufällig positiv auf Corona getestet wurde.“

Ab September seien mit den Fallzahlen jedoch auch die Belegungszahlen in den Kliniken wieder in die Höhe geschnellt. Circa zehn Tage nach Anstieg hätten sich die Corona-Infektionen schließlich auch in der Klinik widergespiegelt. Im Rettungsdienstbereich Stadt und Landkreis Rosenheim seien aktuell zehn Corona-Patienten auf der Intensivstation und 62 auf Normalstationen untergebracht. Ein Vergleich zum Frühjahr zeugt von einer ganz anderen Dimension: 58 Intensiv-Patienten und 272 Patienten auf den Normalstationen im April.

Intensivstationen immer zu 80 Prozent belegt - unabhängig von Corona

Dr. Städler dazu: „Wir haben seit dem Frühjahr viel aus der ersten Welle gelernt, um die Versorgung zu gewährleisten. Ob der Patient beatmet wird oder nicht ist für die Intensivstation allerdings unerheblich, denn er belegt das gleiche Bett.“ Darüber hinaus richte sich die Intensiv-Medizin immer nach der Bewertung des Patientenzustands, weswegen er pauschal nichts zum Belegungszustand sagen könne: Intensiv-Stationen seien grundsätzlich immer zu 80 Prozent belegt - das jedoch völlig unabhängig von Corona.

Die Gefahr, dass sich die Lage derart verschärfen könnte wie in Italien und Intensivbehandlungen bei Patienten abgebrochen werden könnten, schließt Dr. Städtler aber für Deutschland aus: „Von solchen Zuständen sind wir weit entfernt. Es braucht allerdings immer eine Abwägung, ob die Intensivbehandlung guten Gewissens beendet werden kann. Prognosen für die Zukunft zu stellen ist schwierig, da die Patientenströme eher wellenförmig verlaufen: Ein paar Tage ist es ruhig und an anderen Tagen kommen mehrere Corona-Patienten auf einmal.“

Hohe Fallzahlen durch mehr Tests auf das Corona-Virus?

Wenn die Intensivstationen nicht überbelegt sind, wie lassen sich dann die hohen Fallzahlen erklären? Dr. Städtler hat dazu eine Vermutung, dass die Infektionszahlen mit den Testungen zusammenhängen: „Durch das Testen lassen sich die hohen Zahlen durchaus zum Teil erklären. Im Frühjahr wurden nur jene mit Symptomen getestet. Jetzt wird aber jeder getestet. Je mehr asymptomatische Patienten per Zufallsprinzip getestet werden, umso mehr Positiv-Fälle erhalten wir im Umkehrschluss, die zwar mit Corona infiziert, sind, bei denen die Krankheit aber nicht ausbricht.“ Was das Risiko der Infektion je Altersgruppe anbelangt, verwies Dr. Städtler auf eine Statistik des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), die derzeit ein erhöhtes Infektionsrisiko bei der Altersgruppe 60+ erkennen wolle.

Kliniken in der Region sind für mehr gerüstet

Bisher sei es nicht so, dass alle Kliniken den Fokus auf Covid-19-Patienten legen. Die Krankenhäuser müssten vielmehr die stationäre Versorgung sicherstellen. Verschiebbare Belegungen würden teilweise oder ganz zurückgestellt, damit ein klein bisserl Luft übrig bleibe, sollte sich die Lage verschärfen. Die Verteilung der Patienten funktioniere wie gewohnt, indem entschieden werde, welches Krankenhaus am besten geeignet sei: „Ein Covid-Patient ist genauso viel wert wie jeder andere Patient und er muss genauso versorgt werden wie jeder andere.

„Wir hoffen, dass sich alle an die Regeln halten und die Zahlen somit gesenkt werden können. Mit der aktuellen Lage in den Kliniken kommen wir zwar zurecht und wir sind auch für mehr gerüstet“, appelliert Dr. Städtler abschließend. „Aber wir wären sehr froh, wenn wir nicht mehr gewährleisten müssten.“

mb

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