Corona macht es nötig

Saal in Rosenheimer Gasthaus wird Eiskunstlaufbühne, damit Chiara Höhensteiger trainieren kann

Viel Platz zum Trainieren: Für Eiskunstläuferin Chiara Höhensteiger wurde der Festsaal des Familiengasthofs kurzerhand zur Eisfläche umfunktioniert.
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Viel Platz zum Trainieren: Für Eiskunstläuferin Chiara Höhensteiger wurde der Festsaal des Familiengasthofs kurzerhand zur Eisfläche umfunktioniert.

Eiskunstlauf statt Hochzeitsfeiern heißt es im Gasthof Höhensteiger. Um Tochter Chiara trotz der Corona eine Trainingsmöglichkeit zu bieten, legte die Familie 80 Platten aus speziellem Kunststoff in den eigenen Festsaal. Doch das soll nicht der einzige Zweck der kuriosen Anschaffung bleiben.

Rosenheim – Die erste vage Idee zur ungewöhnlichen Umgestaltung kam der Familie bereits zu Beginn der Corona-Pandemie. Als die ersten Wettkämpfe aufgrund der Beschränkungen abgesagt werden mussten und auch der SV Pang nicht mehr ohne Weiteres im Rosenheimer Eisstadion trainieren konnte, wurde man kreativ. „Schon im vergangenen Jahr sind wir nach Dingolfing gefahren, um uns das künstliche Eis anzusehen“, berichtet Mutter Raffaela Höhensteiger stolz. Bei einem Testlauf in der dortigen Halle merkte die Deutsche Jugendmeisterin in der Altersklasse U18 schnell, dass die neue Variante durchaus funktionieren könnte und liebäugelte seitdem mit dem Kunsteis.

Corona führt zu außergewöhnlichen Umbau

Nach eingehender Familienberatung stand das Ergebnis fest: Eine 152 Quadratmeter große Fläche aus 80 synthetischen Eisplatten, die mit einem Stecksystem fixiert werden können, wurde installiert. Der Saal, in dem normalerweise Kabarett- und Theatergäste ihren Platz finden, wurde zum persönlichen Eiskunstlaufstadion. Der synthetische Stoff biete dabei einige Vorteile. Er ist so konstruiert, dass man ohne Kühlung darüber gleiten kann und auch die Wartung sowie die Abnutzung der Kanten ist laut dem Schweizer Hersteller deutlich besser als auf normalem Eis.

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Für die ehrgeizige 16-Jährige ist damit ein Raum geschaffen, in dem sie nahezu täglich an ihrer Kondition und Technik feilen kann. „Die Fläche ist etwas schwerer zu laufen. Man braucht mehr Kraft und muss genauer an den Bewegungen arbeiten“, stellt Chiara fest. Das wiederum könnte ihr zugutekommen, sobald sie wieder in die Stadien zurückkehren kann. Das Kraft- und Athletiktraining wird dafür online mit ihrer Trainingsgruppe beim SV Pang direkt neben dem Kunsteis auf einer Leinwand und Beamer übertragen. Mit Musikanlage und Spiegel hat Chiara Höhensteiger somit alles, was es braucht, um sich „auf einem guten Level“ zu halten.

Rosenheimer Eiskunstläufer „scharren mit den Kufen“

Während die von der Stadt Rosenheim ausgezeichnete Sportlerin des Jahres auf ihre persönliche Alternative zurückgreifen kann, muss sich die Eislauf-Abteilung beim SV Pang seit rund fünf Monaten mit Online-Training über Wasser halten, wie Leiterin Anita Heinlein berichtet. „Unsere Sportler haben de facto eine gesamte Saison verpasst, was im Eiskunstlauf dem Verlust eines ganzen Sportler-Jahrgangs gleichkommt.“ Um für neue Motivation zu sorgen hofft sie daher, in Zusammenarbeit mit dem Gasthof eine komplett neue Trainingsmöglichkeit anbieten zu können. Mit der Fläche könnte man durchgehend „On-Ice“ trainieren und aufgetretene Rückstande über den Sommer hinweg wieder aufholen. Auch Schnupperkurse im Festsaal sind im Gespräch. Laut Heinlein „scharren daher bereits alle mit den Kufen“ und erwarten sehnlichst eine Rückkehr auf das Eis.

Im Winter wird die Fläche umgesiedelt

Das Schlittschuhlaufen im großen Saal soll allerdings nicht die einzige Nutzungsmöglichkeit bleiben. Im Winter soll die Fläche abgebaut und nach draußen in den Hof gebracht werden, um sie zum Eisstockschießen, Eislaufen oder im Rahmen eines Christkindlmarktes zu verwenden.

Bis dahin hat Chiara Höhensteiger allerdings das Privileg, den Raum für ihre Vorbereitung zu nutzen. Zunächst will sie ihren Titel als Bayerische Jugendmeisterin in Oberstdorf verteidigen und hofft sehr, dass der Wettbewerb im Oktober und die nachfolgende Saison in irgendeiner Form stattfinden können. Der Grundstein dafür wird jedenfalls schon jetzt im Höhensteiger-Festsaal gelegt.

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