Start war Lego-Raumschiff

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Dr. Markus Schiller gehörte 2010 zu den Gästen, die den Start des Space-Shuttles STS-132 vom Kennedy-Space-Center in Florida aus miterleben durften.

Rosenheim/München - Wann immer es darum geht, Raketenprogramme auf ihre Gefahrenpotenziale hin zu bewerten, fällt sein Name: Dr. Markus Schiller, Experte für Raketentechnologie aus Rosenheim.

Der in Rosenheim aufgewachsene Fachmann, der 1998 sein Abitur am Finsterwalder-Gymnasium machte, hat jüngst wieder mit einer weltweit beachteten Studie zur Rüstungskontrolle auf sich aufmerksam gemacht.

Länder wie Nordkorea ziehen gerne eine Show ab, wenn es darum geht, militärische Stärke zu zeigen. Bei Paraden marschieren nicht nur bis an die Zähne bewaffnete Soldaten auf, sondern werden, wie 2012 in Pjöngjang, auch angebliche Interkontinentalraketen präsentiert. Eine echte Bedrohung? Für Dr. Schiller steht nach intensiver Analyse fest: "Das nordkoreanische Raketenprogramm ist mehr Schein als Sein."

Wie ein Detektiv durchleuchtet der Experte für Raketentechnologie die Bilder der Paraden, die Videos startender Raketen oder die Aufnahme von Testgeländen. So erkennt er, ob ein aufrüstendes Land tatsächlich eine Gefahr darstellt oder sich eher in der Selbstdarstellung übt. "Deutschland hat die Voraussetzung, einen Satelliten ins All zu schießen, ein Land wie Nordkorea nicht", ist Schiller überzeugt, dass es mehr braucht als Investitionswillen: "Nämlich technisches Know-how und das Wissen, es praktisch umsetzen zu können."

Das hat Schiller, der in München bei einem Beratungsunternehmen für Raumfahrt- und Raketentechnik arbeitet, von der Pike auf gelernt. Als er vier Jahre alt war, lag das erste Lego-Raumschiff unter dem Christbaum - der Grundstein für seine Karriere. Jahrelang füllte der Schulbub die Regale seines Kinderzimmers mit dem kompletten Lego-Programm rund um das Weltall. "Natürlich wollte ich Astronaut werden", erinnert sich der 33-Jährige schmunzelnd. Doch als die Europäische Raumfahrtbehörde ESA im Jahr 2008 einen deutschen Astronauten suchte, steckte Schiller mitten in seiner Dissertation.

Auch seinen zweiten Kindheitstraum, Tornado-Jagdflieger zu werden, musste er aufgeben, Dr. Schiller ist nämlich Brillenträger. Also entschied er, Maschinenbau mit Spezialisierung auf Luft- und Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München zu studieren. Mit seiner Diplom- und seiner Doktorarbeit erregte er internationale Aufmerksamkeit: Die Arbeiten widmen sich der Grundsatzfrage, wo die Raumfahrt heute steht, welche Bedeutung ihr nach wie vor zukommt und welchen Nutzen sie für die Gegenwart besitzt.

Die Blütezeit der Raumfahrt liegt bereits 40 Jahre zurück. Russen und Amerikaner befanden sich damals im Kalten Krieg. Der Konkurrenzkampf wurde, so Schiller, auch über die Speerspitze der Technik, die Raumfahrt, ausgetragen. Der Wettlauf um den ersten Menschen auf dem Mond mobilisierte die wissenschaftlichen Kräfte so intensiv wie nie wieder. Die politischen Machtverhältnisse haben sich jedoch geändert. "Ein bemannter Flug zum Mond würde derzeit etwa 150 bis 200 Milliarden US-Dollar verschlingen - undenkbar in Zeiten hoher Staatsverschuldung und gewaltigen Investitionsbedarfs für Zukunftsaufgaben wie Bildung und Klimaschutz", ist der Experte überzeugt.

Außerdem steht nach seiner Erfahrung fest: Der Nutzen der bemannten Raumfahrt für die Menschheit ist begrenzt. Selbst die aktuellen Marserkundungen durch Roboterfahrzeuge seien zwar "wissenschaftlich betrachtet eine tolle Leistung", doch zukunftsweisende Erkenntnisse für das Leben auf der Erde erwartet Schiller nicht. Auch hinsichtlich der Realisierung eines kommerziellen Weltraumtourismus hegt er seine Zweifel. "Fliegen können nur junge, gesunde, abenteuerlustige Menschen, und die bringen in der Regel das Geld nicht auf."

Auch technisch stößt die Raumfahrt nach seinen Erfahrungen derzeit an ihre Grenzen. "Die physikalischen Limits sind erreicht, viel mehr geht nicht."

Ist die Raumfahrt also eine Wissenschaft, die keine Zukunft besitzt? Schiller sieht die Weiterentwicklung in der Tat skeptisch. Die Mitarbeiter der Raumstation ISS seien derzeit beispielsweise vor allem mit "housekeeping" beschäftigt - also ihren Alltag im All zu organisieren. Die Mittel für die Raumfahrt, die den Weltraumorganisationen ESA oder NASA zur Verfügung gestellt werden, stagnierten seit Langem. Auch die Wirtschaftlichkeit der Technologie sei nicht mehr zu verbessern: "Satelliten sind nicht billiger zu bauen."

Schiller sieht trotzdem einen großen Nutzen, den die Menschheit aus der Raumfahrt gezogen hat: den Weltfrieden. "Natürlich gibt es leider nach wie vor viele Krisenherde und kriegerische Auseinandersetzungen, doch generell lässt sich sagen: Wir leben - bezogen auf große Konflikte - in der ruhigsten Zeit der Menschheitsgeschichte." Das liegt nach Schillers Meinung an der Tatsache, dass die Raumfahrt eng mit der Militärtechnik verbunden ist - und letztere ermöglicht die Entsendung von Spionagesatelliten. "Jeder weiß genau vom anderen, was dieser vorhat. Wir schauen uns gegenseitig in die Karten." Heimlich aufzurüsten ist nach Schillers Überzeugung heute kaum noch möglich.

"Die Raumfahrttechnik besitzt den Geschmack des Fortschritts - bis heute", begründet Schiller, warum die Faszination für diese Wissenschaft ungebrochen ist. Auch er kann sich dieser Leidenschaft für den Flug ins All nicht entziehen. Zweimal hat Schiller bereits Spaceshuttle-Starts auf den Tribünen des Kennedy-Space-Centers miterlebt. "Es geht einem durch Mark und Bein, wenn sich diese gewaltigen, 2000 Tonnen schweren Raketen unter ohrenbetäubendem Lärm in den Himmel erheben. Dass Menschen in der Lage sind, diese Urgewalt zu beherrschen, erfüllt einen mit Stolz."

Heike Duczek/Oberbayerisches Volksblatt

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