Seltsame Rechtsauffassung

Rosenheim - "Der junge Mann", so berichtete der 46-Jährige auf der Angeklagebank, "schuldete mir 30 Euro." Er habe ihn schon oft darauf angesprochen und dann sah der Angeklagte den Schuldner mit einem Fahrrad.

Er erklärte ihm: "Wenn Du mir mein Geld gibst, bekommst Du das Rad wieder." Abgesehen davon, dass das keine Methode ist, Schulden einzutreiben, gehörte das Mountainbike dem angeblichen Schuldner gar nicht. Dieser hatte es von einer 16-jährigen Schülerin ausgeliehen. Das hatte er dem Angeklagten auch erklärt, was diesem aber egal war. Der 46-Jährige nutzte das Fahrrad nicht nur selber, er verlieh es sogar an Dritte weiter.

Der junge Mann, von der Eigentümerin auf die Rückgabe angesprochen, schilderte ihr die Situation. Sie ging zur Polizei und deshalb fand sich der arbeitslose Fahrraddieb jetzt vor dem Amtsgericht wieder. Auf die Frage von Richter Axel Jacobi, warum er denn dann das Fahrrad nicht zurückgegeben habe, antwortete er: "Ich hatte ja mein Geld noch nicht. Außerdem hatte der Hauseigentümer das Fahrrad weggesperrt."

Die Schülerin bestätigte ihr Eigentum an dem Mountainbike damit, dass sie dem Richter die Quittung vorzeigte, auf der der Kauf bestätigt und die Rahmennummer eingetragen war.

Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft verwies kopfschüttelnd auf die "eigenartige Rechtsauffassung" des Angeklagten, der zwar geständig, aber keineswegs einsichtig sei. Nachdem er auch bereits eine Reihe von Vorverurteilungen aufzuweisen hatte, plädierte sie für eine Gefängnisstrafe von drei Monaten, die aber zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Der Angeklagte hatte angegeben, dass er bald eine Arbeitsstelle antreten könne. Diese Chance wolle sie ihm nicht verwehren.

Der 46-Jährige selbst betonte, dass es ihm nun leid tue und dass er sich bemühen wolle, dass die Eigentümerin schnellstens ihr Fahrrad wieder zurückbekomme. Richter Jacobi rügte, dass er das längst schon hätte tun müssen und fuhr fort: "Ich hoffe, dass Sie sich dann bald ihr eigenes Fahrrad kaufen können und Fahrräder nicht mehr unterschlagen müssen." Zwei Monate Gefängnis brummte er dem Angeklagten auf, und im ersten Jahr der Bewährungszeit hat der Mann 40 Tage gemeinnützige Arbeit zu leisten.

au/Oberbayerisches Volksblatt

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