„Spezl“ soll es gewesen sein

Rosenheim - Wer war nun der Drogendealer? Der Angeklagte oder der Zeuge? Beide belasteten sich gegenseiteig, bis dem Richter der Kragen platzte!

Vor dem Jugendschöffengericht hatte sich ein arbeitsloser Jugendlicher wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz zu verantworten. Der 21-Jährige bestritt vehement den gegen ihn erhobenen Vorwurf, mit Haschisch gehandelt zu haben. Nicht er, sondern sein „Spezl“ sei der eigentlich Schuldige gewesen.

Dieser ehemalige Freund, wegen des gleichen Deliktes bereits rechtskräftig zu einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe verurteilt, habe ihm eine größere Menge Rauschgift zum Kauf angeboten. Er war als Hauptbelastungszeuge geladen. Beide beschuldigten sich gegenseitig. Der Angeklagte behauptete, der „Spezl“ und dessen Onkel hätten ihn in seiner Wohnung aufgesucht und ihm etwa 130 Gramm Haschisch für rund 1000 Euro angeboten.

Einige Minuten hörten sich der Vorsitzende Richter Herbert Schäfert und die Schöffen den Wortwechsel zweier ehemaliger Freunde an. Schäfert, sichtlich bemüht, keine zeitaufwendige Beweisaufnahme mit zahlreichen weiteren Zeugen vornehmen zu müssen, belehrte den Angeklagten ausführlich, welches Strafmaß ihn erwarte, falls er nach umfangreicher Beweisaufnahme schuldig gesprochen werde und umgekehrt, welche Pluspunkte eventuell aufgrund eines ehrlichen Geständnisses und einer positiven Sozialprognose zu seinen Gunsten im Urteil berücksichtigt werden könnten.

Doch der Angeklagte blieb bei seinen Einlassungen. Er erwähnte auch, dass der „Spezl“ ihm einige Zeit nach dem ersten Verkauf abermals eine diesmal geringere Menge Haschisch für rund 200 Euro zum Grammpreis von zehn Euro angeboten habe. Er habe, da er nicht „ganz flüssig“ war, den Stoff zwar abgenommen, aber nur zur Hälfte bezahlen können und zugesagt, den Rest bald zu begleichen.

Nachdem es der Angeklagte aber mit dem Bezahlen nicht allzu eilig hatte, habe ihn der „Spezl“ per SMS mit dem Hinweis „Die bösen Jungen sind schon unterwegs“ ultimativ zur Begleichung der offenen Rechnung aufgefordert. Für Verteidiger, Rechtsanwalt Dr. Andreas Michel, war es ein Leichtes, die Aussagen des Hauptbelastungszeugen in Zweifel zu ziehen. Dieser musste widerwillig zugeben, dem Angeklagten die SMS geschickt zu haben. Es blieb ihm auch nichts anderes übrig, die besagte SMS war sichergestellt und lag den Gerichtsakten bei. Der Angeklagte, der die Warnung ignoriert und sich weiterhin mit dem Bezahlen Zeit gelassen hatte, ist überzeugt, dass ihn der Zeuge darum „ins Messer laufen ließ“ und ihn angeschwärzt habe.

Nach zähflüssigem Hin und Her, sowohl der Angeklagte als auch der Zeuge trugen wenig zur Wahrheitsfindung bei, platzte dem sonst geduldigen Richter der Kragen und er ließ wissen: „Ich spiele euer Spiel nicht mit.“ Das Gericht ordnete schließlich die Aussetzung der Verhandlung an. Zu einem neuen Termin sollen über ein halbes Dutzend Zeugen vorgeladen werden.

je/Oberbayerisches Volksblatt

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