"Sucht ist eine Krankheit"

OVB
+
Bundestagsabgeordnete Daniela Raab (rechts) besuchte die Fachambulanz für Suchterkrankungen. Bereichsleiterin Petra Baumgartner begleitete sie.

Rosenheim - Die Perspektive wechseln - das ist das Ziel der "Aktion Rollentausch". Einen Tag lang begleitete die Bundestagsabgeordnete Daniela Raab die Mitarbeiter der Fachambulanz für Suchterkrankungen bei ihrer Arbeit.

Mit gemischten Gefühlen - von Betroffenheit bis Anerkennung - zog die Politikerin ihr Fazit.

Jedes Jahr veranstalten soziale Einrichtungen in Bayern die "Aktion Rollentausch" für Politiker und Vertreter der Wirtschaft. Bundestagsabgeordnete Daniela Raab machte sich heuer ein Bild von der Arbeit der Fachambulanz für Suchterkrankungen. Besonders bewegt zeigte sich die Abgeordnete von ihrer Teilnahme an der Orientierungsgruppe. "Das ist eine offene Gruppe, die jeder, der irgendwie von Sucht betroffen ist, besuchen kann, auch Angehörige", erklärt Petra Baumgartner, Bereichsleiterin der Fachambulanz. Zehn solcher Gruppen gebe es im Landkreis.

Nachdem alle Klienten der Gruppe zugestimmt hatten, durfte Raab der Sitzung beiwohnen. "Jedes einzelne Gespräch war beklemmend für mich, denn man hat herausgehört, wie gefangen die Kranken in ihrer Sucht sind und dennoch dagegen ankämpfen." Die Klienten stünden an unterschiedlichen Punkten ihrer Sucht. Einer befinde sich beispielsweise kurz vor der stationären Therapie, ein anderer in der Phase des Verdrängens, ein dritter habe mit Depressionen und Streit in der Familie zu kämpfen und greife darum immer wieder zur Flasche.

"So schwierig die Gesprächssituation in der Gruppe auch war, die Therapeutin ist sehr einfühlsam auf die Klienten eingegangen, das war beeindruckend", berichtet Raab. Gekonnt habe die Fachfrau Lebensratschläge gegeben - ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. "Das ist unser Ziel. Wir verurteilen niemanden, die Suchtkranken sollen von sich aus zum Überlegen kommen", so Baumgartner.

Die Mitarbeiter der Fachambulanz kümmern sich um Drogen- und Glücksspielsüchtige, aber auch um Essgestörte. Alkoholsucht komme bei den Rosenheimer Klienten am häufigsten vor. Die Alkoholabhängigkeit liegt laut Bundesministerium für Gesundheit deutschlandweit mit 1,3 Millionen Süchtigen nach der Medikamentenabhängigkeit auf Platz zwei der Suchtkrankheiten. Mindestens 73 000 Deutsche sterben jährlich an deren Folgen. "Alkohol wird zunehmend auch bei Jugendlichen zum Problem", weiß die Abgeordnete. Bei ihrer Hospitanz wurde Raab bewusst, dass die Klienten in Konfliktsituationen stecken. Das Thema Sucht müsse in der Gesellschaft enttabuisiert werden. "Sucht ist eine Krankheit wie jede andere auch. Sie muss behandelt werden. Menschen sollten sich nicht schämen, dass sie diese Krankheit haben."

amu/Oberbayerisches Volksblatt

Kommentare