Silvester: Trinken bis der Notarzt kommt

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Immer mehr Jugendliche trinken sich regelmäßig ins Koma. Was Ärzte besonders beunruhigt: Die Patienten werden immer jünger.

Rosenheim - Ein Glas Wein, eine Halbe Bier und dazwischen ein Stamperl Schnaps. Gerade an Silvester wird gerne viel getrunken. Doch was tun gegen jugendliches Komasaufen?

Präventionsprogramme setzen nicht auf moralische Warnungen vor dem Alkohol, sondern auf kontrollierten Umgang - und zeigen erste Wirkung.


4,14 Promille: Einen komatösen Zustand, ausgelöst durch eine extreme Alkoholvergiftung, überlebte ein 14-jähriges Mädchen - dank intensiver Bemühungen auf der Intensivstation des Romed-Klinikums Rosenheim. Auf ex hatte die blutjunge Patientin im Salinpark Unmengen an Wodka in sich hineingeschüttet - aus Liebeskummer. Ein dramatischer Fall, der nach Angaben von Dr. Christian Ockert, Leitender Oberarzt der Romed-Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, keine Ausnahme darstellt. "Ich beobachte mit Sorge, dass sich die Zahl der wegen Alkholvergiftung stationär aufgenommenen Jugendlichen ständig erhöht und auch die Heftigkeit der Vorfälle zunimmt."

Heuer sieht das Romed-Klinikum einen ersten Hoffnungsstreif. Waren es im vergangenen Jahr noch 69 Jugendliche, die volltrunken bis zur Bewusstlosigkeit eingeliefert wurden, sind es heuer bis kurz vor Jahresende "erst" 66. Das Alter der Betroffenen reiche von 13 bis 18 Jahren, etwa 40 Prozent seien Mädchen, 60 Prozent Buben.


Auf der Intensivstation werden Herz und Kreislauf stabilisiert. In Extremfällen muss sogar beatmet werden. Blutzucker und Elektrolyten sowie alle neurologischen Parameter werden überwacht und in der Regel eine Infusionslösung gegeben, erläutert Ockert die medizinische Notfallversorgung. Sie müsse bei schweren Vergiftungserscheinungen oft Lebensgefahren abwenden. "Es drohen Herzstillstand und eine Minderversorgung des Gehirns mit Sauerstoff."

Dass Jugendliche so betrunken werden, dass sie in einen komatösen Zustand geraten, liegt nach Ockerts Erfahrung an einem geänderten Trinkverhalten. Statt in geselliger Runde einen Kasten Bier zu leeren, würden heute oft in kurzer Zeit Mixgetränke konsumiert, die Hochprozentiges wie Wodka mit Cola oder süßen Säften vermischen. Während sich bei langsamerem Trinken Übelkeit und Erbrechen einstellen, fallen solche Alarmzeichen bei schnellem Konsum oft aus, warnt Ockert. Innerhalb von nur einer Minute seien Betroffene nicht mehr ansprechbar, ergänzt Monika Schindler von der Fachambulanz für Suchterkrankungen des Diakonischen Werks.

Die Präventionsstelle führt seit 2008 in Rosenheim das Projekt "Halt" für "Hart am Limit" durch, das bayernweit auf Initiative des Bundesgesundheitsministeriums auf die Risiken des unkontrollierten Alkoholkonsums aufmerksam macht. Noch am Krankenbett im Romed-Klinikum weist das Ärzteteam auf die Möglichkeit hin, die per Rufbereitschaft mit der Kinder- und Jugendklinik verbundene Fachambulanz zu einem "Brückengespräch" zu laden - ein freiwilliges Angebot, das beiden Seiten helfen soll: den geschockten Eltern, die nicht wissen, wie sie auf den Ausfall ihres Kindes angemessen reagieren sollen, sich oft aber auch ebenso wie ihre Kinder mit Schuld- und Schamgefühlen herumplagen. In einem Vier-Augen-Gespräch versuchen die Fachleute der Diakonie zuerst gemeinsam mit den Jugendlichen das Geschehene zu reflektieren, danach wird in einem Elterngespräch über das Warum und möglichen Wege für die Zukunft gesprochen. "Wichtig ist es, Eltern klar zu machen, dass ihre Kinder sich nicht absichtlich ins Koma getrunken haben, sondern dass dies passiert ist, weil sie sich überschätzt haben", betont Schindler.

Bei Gesprächen am Krankenbett stellt Leitender Oberarzt Ockert oft fest: "Die Spaßgesellschaft fordert ihren Tribut, immer gut drauf und locker sein, ist anscheinend Pflicht." Präventionskraft Schindler ergänzt: "Die Jugendlichen stehen unter heftigem Druck." Der Gruppenzwang sei enorm, Nein zu sagen koste große Überwindung, am Montag in der Schule nicht von einem "geilen Wochenende" schwärmen zu können, sei uncool.

Wichtig ist nach ihren Erfahrungen eine intensive Aufklärung über den Alkohol - "nicht mit dem erhobenen Zeigefinger", sondern sachlich darüber, wie mit ihm kontrolliert umgegangen werden kann. Auf dem Rosenheimer Christkindlmarkt ist Schindler auch heuer regelmäßig unterwegs gewesen, um mit jungen Leuten ins Gespräch zu kommen. "Sie reagieren oft erstaunt, wenn sie hören, dass ein Mädchen mit 50 Kilo Gewicht nach einer Tasse Glühwein schon 0,6 Promille in sich hat."

Ockert sieht ebenfalls die Notwendigkeit, den Alkohol nicht zu verteufeln. "Schließlich ist er fester Bestandteil unseres gesellschaftlichen Alltags." Doch er bedauert, dass die Alkoholwerbung die Jugend als Konsumenten von Hochprozentigem entdeckt hat. Schnäpse, die früher als Magenbitter oder Altherrengetränk galten, seien als coole Partydrinks der Jugendkultur etabliert worden. Ockert fordert deshalb, den Zugriff auf diese Spirituosen zu erschweren.

Das Halt-Projekt in Rosenheim, das von der Stadt finanziert wird, arbeitet unter anderem eng mit Tankstellen zusammen, deren Verkaufspersonal im Umgang mit Jugendlichen geschult und zertifiziert wird. Diese Arbeit soll 2012 auf die Vereine ausgeweitet werden. Eine Sensibilisierung für das Thema Alkohol und Jugendschutz hat zur Freude Monika Schindlers bereits stattgefunden.

Auffällige Zeiten sind nach Erfahrungen von Ockert vor allem die Schulabschlusswochen im Sommer. Eine Party am See endet dann für so manchen im Krankenhaus. Gefährlich ist auch der Winter, wenn es noch schneller als im Sommer zu lebensbedrohlichen Unterkühlungen des Körpers kommen kann.

Damit solche Extremfälle erst gar nicht auftreten, lädt die Fachambulanz regelmäßig Jugendgruppen zum Risikocheck ein: Er findet in der Kletterhalle statt, wo beim Erklimmen hoher Wände bei gleichzeitiger Absicherung durch das Seil über Gruppendruck, Mut und Kontrolle sportlich-spielerisch reflektiert wird.

Die eigenen Grenzen erkennen: Um dieses Ziel zu erreichen, sehen Schindler und Ockert jedoch auch die Erwachsenen in der Pflicht. "Wir sollten mit gutem Beispiel vorangehen."

Oberbayerisches Volksblatt

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