Offener Brief an Ministerpräsident, Kultusminister und Gesundheitsministerin

Verein prangert angebliche Corona-Missstände an FOS/BOS Rosenheim an - Schulleitung zeigt wenig Verständnis

Rosenheim - Ein offener Brief des Vereins „Engagierte Schüler-Eltern-Bürger“ (ESEB) an Ministerpräsident Markus Söder sorgt für Wirbel. In dem Brief werden mutmaßliche Missstände an der FOS/BOS Rosenheim angeprangert. Die Schulleitung reagiert mit Unverständnis.

„Wieder müssen wir über tatsächliche Missstände und die gravierende Gefährdung unserer Jugend berichten. Bereits jetzt sind Schüler zweier Rosenheimer Gymnasien in Quarantäne. Wann die fast 1.500 Schüler der FOS/BOS Rosenheim, die aus der Stadt, den ganzen Landkreis und darüber hinaus täglich nach Rosenheim in eine der größten Schulen Bayerns kommen und an der die mittlerweile allgemein anerkannten Hygieneregeln nicht eingehalten werden, daheim bleiben müssen ist also nur eine Frage der Zeit.“ Mit diesen düsteren Worten beginnt der Leserbrief der ESEB mit Kennzeichnung von Sprecherin Theresa Pöller. Der Verein prangert in dem umfassenden Brief verschiedene Dinge an.

So werden unter anderem folgende Punkte genannt:

  • Eng nebeneinander sitzende Schüler ohne Masken seien einer Ansteckung schutzlos ausgesetzt
  • Die bereits bestehenden Maßnahmen werden als unrealistisch abgetan
  • In einer großen Schule wie der FOS/BOS sei „es fast unmöglich ist, die Einhaltung der Regelungen in der Pause sowie in WCs, Gängen und Aufenthaltsräumen zu kontrollieren.“
  • Kritisiert wird auch das Fehlen von schnellen Internetverbindungen und Digitalkompetenzen der Lehrer in Bayern

Der Brief endet mit einer Bitte um Sofortmaßnahmen. „Wir bitten Sie unsere Vorschläge jetzt in Betracht zu ziehen und nicht erst, wenn die Ansteckungsfälle in die Höhe schnellen. Dabei soll nicht vergessen werden, dass Rosenheim mehrmals über längere Zeit Corona-Hotspot war.“

Die Schulleitung der FOS/BOS Rosenheim zeigt sich ob des Briefes irritiert. Dr. Marko Hunger, Schulleiter der Einrichtung, im Gespräch mit rosenheim24.de: „Der Brief richtet sich nicht gegen die FOS/BOS, sondern gegen alles Mögliche.“ Man richte sich genau an die Vorgaben des Kultusministeriums und des Gesundheitsamtes. „Es wurde ein Plan ausgearbeitet mit einem Stufensystem. Daran halten wir uns.“ Im Moment sei man auf Stufe 1. „Das bedeutet, dass es den Schülern freigestellt ist, ob sie eine Maske im Unterricht tragen oder nicht.“

++++ So sieht der Drei-Stufen-Plan in Stadt und Landkreis Rosenheim während Corona aus ++++

Im Gegensatz zu anderen Schulen habe man noch keine Schüler in Quarantäne schicken müssen. „Das liegt auch ganz besonders daran, dass unsere Schüler gut mitziehen“, so Hunger gegenüber rosenheim24.de weiter. Ein Punkt stößt dem Schulleiter jedoch auf. Das im Brief angeprangerte Fehlen von schnellen Internetverbindungen und Digitalkompetenzen der Lehrer stimme für seine Schule einfach nicht. „Wir haben im vergangenen Sommer erhebliche Maßnahmen in diesem Bereich vorgenommen und haben in unserer Schule schnelle Internetverbindungen eingerichtet.“ Die Anschuldigungen in diesem Punkt seien „völlig aus der Luft gegriffen“. „Auch bei den Lehrern ist das nicht gut angekommen.“

Allgemein sieht sich Dr. Hunger gegenüber dem Verein „in keiner Rechtfertigungspflicht.“

Der Verein ESEB hatte sich im Frühling 2020 gegründet. In einem ersten Leserbrief forderte der Verein Ende April eine Maskenpflicht an Schulen. Auch der Bayerische Rundfunk hatte darüber berichtet.

Der offene Brief des Vereins:

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Dr. Söder, Sehr geehrter Herr Kultusminister Prof. Piazolo, Sehr geehrte Frau Ministerin Huml, Sehr geehrte Damen und Herren,

Circa 1.500 Schüler an einer Schule gefährdet:  Wieder müssen wir über tatsächliche Missstände und die gravierende Gefährdung unserer Jugend berichten. Bereits jetzt sind Schüler zweier Rosenheimer Gymnasien in Quarantäne.Wann die fast 1.500 Schüler der FOS/BOS Rosenheim, die aus der Stadt, den ganzen Landkreis und darüber hinaus täglich nach Rosenheim in eine der größten Schulen Bayerns kommen und an der die mittlerweile allgemein anerkannten Hygieneregeln nicht eingehalten werden, daheim bleiben müssen ist also nur eine Frage der Zeit.

Ohne Masken und vor allem ohne Abstand dicht nebeneinander sitzen pro Klasse durchschnittlich 25 Schüler von Montag bis Freitag jeweils bis zu sieben Stunden lang in beengten Klassenzimmern. Angeblich sei die Situation an der FOS/BOS vom Gesundheitsamt Rosenheim bzw. vom Drei-Stufen-Plan des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus erlaubt. Wir bitten um schnellstmögliche Überdenkung der Regelungen bevor Rosenheim zum wiederholten Mal Corona-Hotspot wird, viele unserer Kinder krank werden und Heimunterricht wieder die Regel werden muss.

Am Beispiel der 13. Klassen lässt sich die Problematik darstellen: Hier sitzen die Schüler in drei Reihen mit jeweils ca. 8 Einzeltischen, die aneinander schließen. Alle 30 Minuten wird mehr oder weniger kurz, je nach Wetterlage, gelüftet. In zwei Pausen verlassen die Schüler für kurze Zeit die Klassenzimmer. Die Lehrkraft muss, so sie ohne Maske unterrichtet, mindestens 1.50 m Abstand zu den Schülern halten und kann sich deswegen nicht durchs Klassenzimmer bewegen um etwa Fragen zu beantworten. Außerhalb des Klassenzimmers müssen (theoretisch) Masken getragen werden und 1.50 m Abstand eingehalten werden.

Schon Atemluft gefährdet: Wir sind uns bewusst, dass es nicht einfach ist, zielführende Lösungen und Regelungen in diesen schwierigen Zeiten zu finden. Es ist aber zunehmend der Eindruck entstanden, dass es häufig ein Hauptziel der Covid - 19 Maßnahmen ist, der Öffentlichkeit ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln und, dass die Verantwortlichen die Maßnahmen danach ausrichten, was politisch durchsetzbar ist. Eine kleine, aber sehr laute Minderheit von Corona-Leugner, die sich den Fakten vollkommen verschließen, darf aber nicht die Politik bestimmen. Eine Umfrage unter Schlulleiter hat zudem ergeben, dass es an ihrer Schulen - auch Grundschulen waren dabei - keine Probleme beim Tragen der Masken gegeben hatte.

Der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, Dr. Gerhard Scheuch, geht davon aus, dass Corona Viren vor allem über die Raumluft übertragen werden. Dazu reiche schon das ganz normale Atmen von Infizierten. Dieser Infektionsweg muss seiner Meinung nach mehr beachtet werden. Wir sehen das auch so, denn seine Erkenntnisse zeigen, dass eng nebeneinander sitzende Schüler ohne Masken schutzlos einer Ansteckung ausgesetzt sind.

Unrealistische Maßnahmen: Die Absicht beim Wegfall der Maskenpflicht im Klassenzimmer ist wohl, dass wenn sich ein Schüler in einer dieser 13. Klassen mit Covid - 19 infiziert, der Schulbetrieb insgesamt nicht erheblich gestört wird, denn nur die Schüler dieser einen Klasse müssten zu Hause bleiben (wohlgemerkt aber auch die Lehrer, die in dieser Klasse unterrichten) - Wir halten das für unrealistisch und den Schülern gegenüber für ungerecht: Unter diesen Umständen wird die nicht zu vernachlässigende Gesundheitsgefährdung der Schüler bei einer Ansteckung in Kauf genommen und die damit einhergehende vorprogrammierte Notwendigkeit ganze Klassen in häusliche Quarantäne zu senden ebenso.

Viele Gefährdungssituationen: Unrealistisch ist die Absicht auch deswegen, weil an einer so großen Schule wie die FOS/BOS Rosenheim es fast unmöglich ist, die Einhaltung der Regelungen in der Pause sowie in WCs, Gängen und Aufenthaltsräumen zu kontrollieren - wir konnten beobachten, dass in den Pausen die Masken regelmäßig nicht oder nicht korrekt getragen werden, Abstandsregeln kaum eingehalten werden und Umarmungen an der Tagesordnung sind, trotz der Bemühungen des Schulleiters die Einhaltung der Regeln einzufordern. Schwierig ist auch die Situation an den Bahnsteigen und Bushaltestellen - Hunderte von Schülern dicht gedrängt ohne Masken, ganz zu schweigen von dem enormen Gedränge in den Bussen und Bahnen.

Abitur gefährdet:  Zu bedenken ist auch, dass noch nicht abgesehen werden kann, wie viele Ansteckungsfälle es in dem kommenden Herbst/Wintersaison geben wird. Ansteckungen in mehreren Klassen gleichzeitig sind daher nicht nur denkbar, sondern wahrscheinlich und somit die Störung des gesamten Schulbetriebs.  Betonen möchten wir dabei, dass es sich bei den 13. Klassen um Klassen handelt, die im vergangenen Schuljahr bereits ihr Fachabitur unter im höchsten Maße erschwerten Bedingungen ablegen mussten. Sollte die Situation wieder eintreten, dass die Schüler zu Hause bleiben müssen, ist ein reibungsloses Erreichen der allgemeinen Hochschulreife nicht gewährleistet.

Irritierend ist das teilweise Fehlen von schnellen Internetverbindungen und Digitalkompetenzen der Lehrer in Bayern: Nach wie vor verfügen nicht alle Schüler über die notwendige Hardware (Laptop usw.) bzw. fehlt oft eine ausreichend schnelle und zuverlässige Internetverbindung - gerade das halten wir in einem so reichen Land wie Bayern für beschämend. Erschwerend hinzu kommt, dass nicht alle Lehrer dieser Schule über die notwendigen Kompetenzen verfügen um einen adäquaten digitalen Unterricht durchzuführen.

Im vergangenen Schuljahr konnte beobachtet werden, dass manche Lehrer so gut wie keinen Online Unterricht angeboten haben. Wiederum andere konnten einfache digitale Aufgaben nicht durchführen, bis hin zu Problemen beim Umgang mit E-Mails. Soweit wir feststellen können ist in den vergangenen sechs Monaten nichts unternommen worden um diese Missstände zu beheben.

Eklatante Gefährdung eines ganzen Schülerjahrgangs: Hier wird die Zukunft eines ganzen Jahrgangs an der FOS/BOS Rosenheim in eklatanter Weise gefährdet. Als einfache Sofortmaßnahmen könnte wieder die Trennung der Klassen in kleineren Gruppen mit Unterricht am Vormittag oder Nachmittag sinnvoll sein. Gegebenenfalls könnten 11. Klassen, die in diesem Jahr keine Abschlussprüfung haben, online Unterricht erhalten wodurch Klassenräume frei werden könnten.

Grundsätzlich müssten nach wissenschaftlichen Erkenntnissen gerade im Klassenzimmer Maskenpflicht wieder eingeführt werden, deren Nutzen jetzt auch durch Untersuchungen belegt ist. Wir schlagen auch in aller Höflichkeit vor, dass die zuständigen Minister und auch Sie, sehr verehrter Herr Ministerpräsident, sich ein Bild vor Ort machen.

Bitte um Sofortmaßnahmen: Wir bitten Sie unsere Vorschläge jetzt in Betracht zu ziehen und nicht erst wenn die Ansteckungsfälle in die Höhe schnellen. Dabei soll nicht vergessen werden, dass Rosenheim mehrmals über längere Zeit Corona-Hotspot war. Wir hoffen, dass wesentliche Verbesserungen der Situation bald erkennbar sind und möchten nicht, dass sich irgendwann die Notwendigkeit ergibt, eine Sammelklage zum Verwaltungsgericht anzustreben.

Mit freundlichen Grüßen,

Teresa Pöller (Sprecherin ESEB)

Rubriklistenbild: © Caroline Seidel

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