Im Gespräch

Warum Verschwörungstheorien und Fake-News Zulauf haben? Rosenheimer Experte erklärt es

Benjamin Grünbichler ist Geschäftsführer der Präventions- und Suchthilfeeinrichtung „neon“.
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Benjamin Grünbichler ist Geschäftsführer der Präventions- und Suchthilfeeinrichtung „neon“.

Waldkraiburg/Rosenheim – Mit Beginn der Corona-Pandemie sind viele Verschwörungstheorien rund um das Virus aufgetaucht. Nicht immer ist es einfach, zu unterscheiden: Welche Information ist richtig und was ist falsch? Ein Gespräch mit Benjamin Grünbichler, Geschäftsführer der Präventions- und Suchthilfeeinrichtung „neon“ in Rosenheim, über „Verschwörungstheorien, Fake-News und Faktenchecker – Wer spricht denn nun die Wahrheit?“

Die Anschläge vom 11. September, der Tod von Lady Di oder die Mondlandung – Verschwörungstheorien hat es schon immer gegeben. Haben sie durch die Corona-Pandemie neuen Nährboden bekommen?

Benjamin Grünbichler: Seit der Flüchtlingskrise haben sich Verschwörungstheorien zu einem Massenphänomen entwickelt. Zuletzt natürlich durch die Corona-Pandemie, die ein Brennglas für viele Themen ist. Zum Teil widersprüchliche Aussagen oder ein Richtungswechsel bei Experten und Politik lässt bei vielen Menschen Fragezeichen zurück. Menschen werden kritischer und dabei ist die Grenze zwischen Skeptiker und Verschwörungstheoretiker fließend.

Wirft man aber nicht unweigerlich alle Teilnehmer einer Corona-Demo in den gleichen Topf?

Wer auf solche Demos geht, kann durchaus eine politisch kritische Meinung haben, ohne gleich Verschwörungstheoretiker zu sein. Da gibt es ein breites Spektrum dazwischen. Deshalb sollte man es sich selbst nicht zu einfach machen: Denn wer alle Menschen einer Demo pauschal diffamiert, muss sich mit deren Argumenten nicht mehr auseinandersetzen. Es stärkt das eigene Ego, sich von den anderen abzuheben. Werden Leute zu oft abgewertet, insbesondere durch die Politik, läuft man Gefahr, sie an ein Extrem zu verlieren.

Implantierte Chips, Fakevirus oder die Angst vor 5G – bei den Corona-Demonstrationen in den vergangenen Monaten demonstrierten die Teilnehmer nicht nur gegen die Corona-Maßnahmen.

Für Therapeuten ist das sicherlich spannend. Was lässt sich dazu in der Präventionsarbeit leisten?

Es fehlt die Bereitschaft, sich in andere hineinzuversetzen. Stattdessen werden in Diskussionen beide Seiten beleidigend. Wer von anderen beschimpft wird, der lässt sich nicht überzeugen. Daher ist es wichtig, die Perspektive des anderen zu einzunehmen, ohne diese anzunehmen. Oft geht es den Leuten aber leider nicht mehr um die Sache, sondern um die Genugtuung und ums Recht haben. Das ist gut fürs Ego, aber schlecht für ein gesellschaftliches Miteinander.

Woher kommt es, dass die Leute so überzeugt sind von möglichen Verschwörungstheorien?

Die Sicht auf bestimmte Dinge erarbeitet sich eine Person über Jahre hinweg. Hinzu kommt die Identifikation mit bestimmten Weltanschauungen. Dadurch wird man immer weniger offen für andere Sichtweisen. Man ist so überzeugt von der eigenen Anschauung, dass ein festgezimmertes Weltbild entsteht. Das wiederum füttert man mit Informationen, welche die bestehenden Grundannahmen unterstützen. Kritisch hinterfragt wird manches leider nicht mehr. Dieser Weltbildkonstruktion unterliegen übrigens alle Menschen mehr oder weniger.

In der Diskussion um Corona werden viele, teils unterschiedliche Argumente ausgetauscht. Wie lässt sich das erklären?

Es ist eine Frage der Perspektive: Ärzte, die täglich mit Corona-Patienten zu tun haben, sind eher für einen strengen Lockdown, Ladeninhaber hingegen für Öffnungen, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Man ist geprägt von dem, was im eigenen Umfeld passiert.

Was kann die Politik tun?

Die Politik muss Entscheidungen treffen und stützt sich dabei auf die Meinung von bestimmten Experten. Für einen demokratischen Prozess ist es wichtig, dass Politik nicht einseitig wird, sondern konträre Meinungen zugelassen werden. Das Festhalten an der bisherigen Strategie, wird ihr von manchen Leuten als „Corona-Diktatur“ ausgelegt. Politiker sollten sich daher in ihren Entscheidungen um das höchstmögliche Maß an Transparenz bemühen.

Was kann man im Umgang mit Verschwörungstheorien raten?

Den Menschen muss bewusst sein, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Man muss selbst skeptisch bleiben. Man kann sich der Wahrheit nur annähern und hat am Ende eine Tendenz. Man muss von dem Anspruch wegkommen, eine absolute Wahrheit zu bekommen. Leider sind es nicht nur die Verschwörungstheoretiker, die einen glauben lassen, dass sie im Besitz der absoluten Wahrheit sind. Es gibt auch Politiker und Wissenschaftler, die sich dieser Rhetorik bedienen.

Wie kann man der Wahrheit möglichst nahe kommen?

Man sollte unterschiedliche Quellen nutzen, um sich über ein Thema zu informieren. Faktenchecker sind eine sinnvolle Methode, haben aber auch ihre Grenzen. Dann besteht auch die Gefahr der „False Balance“. Man neigt dazu, der Meinung zum Beispiel eines fachfremden Influencers gleichen Raum einzuräumen wie der eines Experten. Und bevor man alles für unmöglich hält: Es gibt auch Verschwörungstheorien, die am Ende keine sind, sondern das Ergebnis von investigativem Journalismus. Daher sollte man den Begriff nicht per se ins Lächerliche ziehen.

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump war Antreiber vieler Falschmeldungen. Was macht es so schwierig, Fake News von seriösen Nachrichten zu unterscheiden?

Es gibt zunächst einmal verschiedene Abstufungen von Fake News. Viele Leser erkennen beispielsweise Satire nicht. Und man darf nicht vergessen, dass es nicht nur richtig und falsch gibt. Ein Beispiel: Vergangenes Jahr wurde in mehreren Nachrichtenmagazinen ein Bild von einem überfüllten Strand auf Mallorca veröffentlicht, welcher die Ignoranz deutscher Touristen gegenüber den Corona-Auflagen verdeutlichen sollte. Es gab zwar zu dieser Zeit tatsächlich Verstöße gegen die Auflagen, das Foto war allerdings ein Archivbild. Oder es werden Zitate veröffentlicht, die zu einem früheren Zeitpunkt gemacht wurden. Daher gibt es verschiedene Kategorien von Fake-News und nicht nur richtig oder falsch. Man muss also genau hinschauen, denn jeder Mensch wird permanent von allen Seiten beeinflusst.

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