Das ist die Höhe

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Rosenheim - Am Montag ist Tag des Wolkenkratzers. Eine Stadt wie Rosenheim kann und will mit solchen Giganten nicht dienen.

Am auffälligsten ragt hier der Kirchturm von St. Nikolaus in den Himmel. Das ist die Höhe: Er misst 64 Meter. Der Schornstein des Heizkraftwerks übertrifft ihn zwar um 16 Meter, doch prägend für die Stadtsilhouette ist der Kirchenbau.


Mit dem Wolkenkratzertag soll weltweit die Aufmerksamkeit auf die spektakulären Gebäude gelenkt werden. Das höchste der Welt ist der Burj Khalifa in Dubai mit 829 Metern.

In Rosenheim sorgte im letzten Jahr schon die Planung für ein 32 Meter hohes turmartiges Gebäude mit zehn Stockwerken für Aufregung. Die Mehrheit des Stadtrats ließ auch Sympathie für einen solch ungewöhnlichen Akzent anstelle des abgerissenen Capitol-Kinobaus an der Prinzregentenstraße erkennen. Ein ähnliches Begehren aus der unmittelbaren Nachbarschaft führte dann zu einem Rückzieher der Investoren. Sie fürchteten lange Grundsatzdiskussionen, wollen aber rasch zum Bauen kommen und planten um.


Immerhin war ihr unkonventioneller Vorschlag Auslöser für eine Studie zum Thema. Kommt wieder ein Antragsteller mit dem Wunsch ins Rathaus, ein für Rosenheimer Verhältnisse außergewöhnlich hohes Haus zu bauen, will die Stadt gewappnet sein. Sie kann jetzt auf die "städtebauliche Analyse zur Höhenentwicklung der Bebauungsstruktur innerhalb der erweiterten Innenstadt Rosenheims" von Professor Dr. Franz Pesch zurückgreifen. Der Stuttgarter Stadtplaner schließt darin bestimmte Bereiche für den Bau solcher Häuser eindeutig aus: die sensible Innenstadt und die unmittelbare Umgebung, ortstypische kleinteilige Wohnanlagen, dörfliche Bereiche. Er definiert aber bewusst keine Eignungszonen. "Ich wollte das Recht um das schnellste Baurecht vermeiden", sagte er bei der Vorstellung im Stadtrat.

Hingegen gibt er wichtige Hinweise, worauf beim Bau hoher Häuser zu achten ist. In diesem Zusammenhang nennt er beispielsweise Frei- und Naherholungsflächen. Bei direkter Nachbarschaft zu Flächen, die der Naherholung dienen, sollten besondere Faktoren wie Verschattung und erhöhtes Verkehrsaufkommen beachtet werden.

Entscheidend bei der Standortwahl sind aus Sicht des Städtebau-Experten die Bedeutung und der Mehrwert für das Quartier oder die weitere Umgebung. Dabei dürfe man nicht allein der grundstücksbezogenen Logik folgen. Nur wenn die gesamtstädtische Verträglichkeit gewährleistet sei, könne ein solches Projekt als Impulsgeber für die Stadtentwicklung dienen.

Ohne konkreter zu werden, nennt Pesch Bereiche, die als Hochhausschwerpunkte infrage kämen, nämlich "solche, die einen besonderen Enwicklungsschwerpunkt, eine Schwerpunktverlagerung durch Umstrukturierung oder eine Stadteingangssituation markieren."

Pesch hält eine "maßvolle" Weiterentwicklung der Stadtsilhouette für vertretbar. Dabei gilt aus seiner Sicht für die Innenstadt, dass Gebäude bis 27 Meter (etwa neun Geschosse) einen unwesentlicher Einfluss, solche mit 27 bis 35 Meter (bis etwas zehn bis elf Geschosse) einen deutlichen und ab 35 Meter einen prägenden Einfluss auf die Stadtsilhouette hätten.

Neu geplante Gebäude, die aufgrund ihrer Höhe eine besondere Bedeutung für die Stadt und Stadtbild aufweisen, sollten nach Peschs Auffassung nicht für eine Mono-Nutzung geplant werden. Erst eine Mischung von Wohnen und Arbeiten sichere eine nachhaltige Nutzung des Gebäudes. Im Sinne der Nachhaltigkeit gelte es zudem, die vollständige Umweltbilanz des Gebäudes zu betrachten, nicht allein seine Energiebilanz, sondern auch Auswirkungen auf das Umfeld. Mögliche Probleme könnten die Verschattung von umliegenden Gebieten sein, die Verstellung von wichtigen Frischluftschneisen, Flächenverbrauch und Versiegelungsgrad sowie abendliche und nächtliche Lichtausstrahlungen.

Sollte im Rathaus wieder ein Antrag auf Neubau eines hohen Hauses eingehen, rät Pesch unter anderem, von den Bauherren eine fotorealistische Darstellung des Objekts bei Tag und bei Nacht zu verlangen, außerdem ein Gutachten bezüglich Windbelastung und Verschattung und das Ausschreiben eines Architektenwettbewerbs. Zudem solle die mögliche Wertsteigerung eines Grundstücks der Stadt zugute kommen, indem sie einen gewissen Wert für sich abschöpft.

Eines ist für Pesch unabdingbar: Der Blick auf die Kirchtürme und die Alpen muss frei bleiben.

Für das nach dem Kirchturm von St. Nikolaus mit 45 Metern derzeit höchste Gebäude in Rosenheim, den elfstöckigen Bau des Klinikums, besteht eine langfristige Planung auf Reduzierung auf nur noch fünf Geschosse. Danach ginge das Sparkassen-Hochhaus mit 44 Metern in Führungsposition.

Oberbayerisches Volksblatt

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