Renitenter Lehrling beschädigte mit Bierglas Lokaleingangstüre

"Wenn der ausrastet, dann explodiert der"

Rosenheim - Der Angeklagte stand zum wiederholten Mal vor Gericht. Seine gefährlichen Wutausbrüche waren ihm schon wieder zum Verhängnis geworden.

Der wegen einer Sachbeschädigung Angeklagte, ein Auszubildender, muss regelmäßig die Medikamente Diazepam und Doxepin einnehmen, weil er ansonsten seine Gefühle nicht unter Kontrolle hat. Das war ihm schon einmal zum Verhängnis geworden, als ihm die platonische Freundschaft eines Mädchens nicht ausreichte (wir berichteten).

Seine Bewährungshelferin berichtete jetzt vor Gericht, dass er seine Medikamente immer wieder absetzte, weil er dachte, diese nicht mehr zu benötigen. Dass er das aber selber am wenigsten beurteilen kann, musste ihm erst nachdrücklich erklärt werden. Dazu kommt, dass er dem Bier auch nicht abhold ist. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Herbert Schäfert, ob er denn jähzornig sei, entgegnet er im Brustton der Überzeugung: "Nee, wirklich net."

Anderes berichteten seine Kollegen aus dem Betrieb: "Wenn der ausrastet, dann explodiert der aber! Da ist es besser, er hat kein Messer in der Hand." Gleichwohl bescheinigten ihm alle Kollegen, dass er ein fleißiger, arbeitsamer Kollege sei: "Der ist in seinem dritten Lehrjahr besser als mancher Kollege."

Auf der Terrasse einer Gaststätte an der Rechenauerstraße hatte er im Juni dieses Jahres gepöbelt und war vom Wirt daraufhin nicht mehr in das Lokal gelassen worden. In seinem Zorn hatte der junge Mann ein Bierglas gegen die Eingangstüre geschleudert, so dass eine kleine Thermopenscheibe zu Bruch gegangen war.

Der Angeklagte meinte zunächst, er habe das Glas gar nicht geworfen, es sei ihm eher unabsichtlich "aus der Hand geraten". Das konnte ein Kollege klären, der berichtete, dass der 20-jährige Rosenheimer sich häufig hinterher nicht mehr an seine Wutausbrüche erinnern könne.

Das Problem war für das Gericht nicht die Tat selbst, sondern die Frage, ob es bei dem jungen Mann "schädliche Neigungen" gebe und ob deshalb gegen ihn eine Einheits-Jugendstrafe verhängt werden müsse. Möglich war auch die Verhängung eines Jugendarrestes oder alternativ eine weitere Bewährung unter verstärkten Auflagen.

Der Staatsanwalt äußerte in seinem Schlussvortrag, dass es sich hier fraglos um "schädliche Neigungen" handle. Eine Einheitsjugendstrafe - unter Einbeziehung der vorherigen Verurteilung - von 14 Monaten sei nun zwingend geboten.

Der Verteidiger, Rechtsanwalt Lothar Reichelt, erklärte, sein Mandant benötige Hilfen und nicht Strafen. Er stellte das Urteil in das Ermessen des Gerichtes.

Das Gericht beließ es dabei, die bereits bestehende Bewährung um ein weiteres Jahr zu verlängern. Es erlegte dem 20-Jährigen aber zwingend eine Therapie auf und verurteilte ihn zur Teilnahme an einem Anti-Aggressions-Training. Auch gegen seinen Alkoholmissbrauch muss er hin künftig aktiv tätig werden.

au/Oberbayerisches Volksblatt

Rubriklistenbild: © dpa

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