2. Fachtag Autismus im Rosenheimer OVB-Medienforum

Voller Erfolg: Autismus-Fachtagung begeistert Teilnehmer

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Dr. Paas, Prof. Theunissen, Prof. Tebartz van Elst und Stefan Kumberger (von rechts) im Gespräch mit dem Fachtags-Publikum

Rosenheim - Hochkarätige Gäste, spannende Vorträge und Diskussionen: Der 2. Fachtag Autismus im Rosenheimer OVB-Medienforum zeigte eindrucksvoll, wie viel Potential in autistischen Menschen steckt. Allerdings wurde auch klar, dass noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist.

Jeweils 130 Menschen hatten sich an beiden Wochenendtagen im restlos ausverkauften OVB-Medienforum eingefunden, um sich von namhaften Professoren und Referenten, die neuesten Erkenntnisse zum Thema Autismus näherbringen zu lassen. Für die Verpflegung der Gäste sorgte an beiden Tagen das „Enchilada Rosenheim“. Die Einnahmen daraus gingen zu hundert Prozent an den Verein. Den Veranstaltern vom Autismus Rosenheim e.V. war es zudem wichtig – wie schon im Jahr 2016 – autistische Menschen selbst zu Wort kommen zu lassen. So stand der erste Tag komplett im Zeichen der „Innensicht“ von Autistinnen und Autisten. Nach jedem Vortrag hatten die Teilnehmer die Möglichkeit, Fragen zu stellen. Mit beeindruckenden Vorträgen schafften Frau Dr. Christine Preißmann, Herr Dr. Peter Schmidt, Denise Linke, sowie Marlies Hübner und Misha Vérollet so manchen „Aha-Effekt“ beim Publikum, das an beiden Tagen aus autistischen Menschen, Fachkräften, Eltern und weiteren Interessierten bestand. Immer wieder wurde klar, dass das „Anders-Sein“ und das „Nicht-Verstanden-Werden“ autistische Menschen in Depressionen treibt und einsam macht. „Sprüche wie 'Stell dich doch nicht so an' tun weh“, stellte Dr. Christine Preißmann fest. Man könne viele Dinge von autistischen Menschen einfach nicht verlangen. Mit größtem Engagement und teils amüsanten Anekdoten gab der Geophysiker Dr. Peter Schmidt einen Einblick in sein Leben, das gerade im Beruf von Missverständnissen und Spannungen geprägt war, weil er seine Umwelt nicht verstand und die Umwelt oftmals ablehnend auf ihn reagierte. Mal war er im Job der Leistungsträger, mal der Problemfall. Seine lebhaften Vergleiche machten die Behinderung greifbar: So verglich er zwischenmenschliche Kommunikation für autistische Menschen mit der Suche nach blauen Swimmingpools auf einem schwarz-weißen Bild aus der Luft: „Wir finden diese Pools nicht, aber in vielen Sachverhalten werden uns Autisten dafür andere Strukturen sichtbar. Wir sehen also nicht die Pools, aber erkennen deutlicher den Verlauf von Straßen und anderen Dingen der Umgebung.“

Die Journalistin Denise Linke warb mit deutlichen Worten für Inklusion und kritisierte den geltenden Numerus Clausus in vielen Studiengängen. Er mache es autistischen Menschen oftmals schwer, ihren Berufswunsch zu erfüllen. „Warum wird mir eine Note 5 in Sport zum Verhängnis, wenn ich in den für den Studiengang relevanten Fächern nur die Note 1 habe?“, fragte sie rhetorisch. Man werde im Hörsaal schließlich nicht überraschend mit einem Ball abgeworfen. Das Autoren-Paar Marlies Hübner und Misha Vérollet aus Wien stellte zum Abschluss des ersten Tages ihr Portal „AutismusFAQ“ vor, in dem Autisten Fragen zu Autismus beantworten. Außerdem warben sie für ein neues, genaueres Klassifizierungssystem im Autismus-Spektrum.

Der zweite Tag der Fachtagung beschäftigte sich vor allem mit der wissenschaftlichen Sicht auf Autismus. „Prof. Dr. Georg Theunissen, Prof. Dr. Ludger Tebartz van Elst und Dr. Leonhard Schilbach bei einer Veranstaltung – das ist so, als hätten sie Ronaldo, Messi und Neymar in einer Fußballmannschaft vereint.“, freute sich Stefan Kumberger vom Autismusverein Rosenheim, der die Veranstaltung auch moderierte. Theunissen lieferte neueste Forschungserkenntnisse aus Kalifornien und stellte das sogenannte Empowerment-Konzept vor, das er für die Arbeit mit Behinderten bekannt gemacht hat. Er trat bei seinem Vortrag für eine Selbstvertretung autistischer Menschen ein und gab seinen Ansichten immer wieder mit Zitaten Betroffener Nachdruck. Besonders beeindruckend dabei die Methoden, wie autistische Menschen oftmals eigene Strategien entwickeln, sich in schwierigen Situationen zu helfen. So sagte ein Autist, dessen Spezialinteresse Bücher sind, zu Theunissen: „Wenn ich mich schlecht fühle, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern in eine Buchhandlung.“ Tebartz van Elst stellte sein Modell der primären und sekundären Autismus-Ursachen vor und überraschte mit der Zahl, das neuen Schätzungen zufolge sich unter 68 Menschen ein Autist befinde. Es handle sich aber mitnichten um eine kritisierte „Mode-Diagnose“, sondern früher hätten sich hinter der Zahl von Autisten andere Phänomene wie Angststörungen, Depressionen, Borderline etc. verborgen, die nun als Autismus erkannt worden seien. „Wir haben da einen gewissen Maximalwert erreicht“, sagte der Psychiater von der Universität Freiburg. Er machte zudem in der anschließenden Fragerunde mit Prof. Theunissen, Frau Dr. Eva Maria Paas, der Schirmherrin des Fachtages, deutlich, warum er in gewissen Punkten Autismus, als Krankheit ansehe. Letzten Endes wurde klar, dass jeder autistische Mensch für sich selbst eine Begrifflichkeit finde dürfe und das zu respektieren sei.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete der Vortrag von Dr. Schilbach vom Max-Planck-Institut in München. Die Tatsache, dass 75 Prozent der Menschen mit Autismus trotz ihrer Qualifikationen arbeitslos seien, bezeichnete er als Skandal und stellte zudem Gründe vor, warum die Diagnose bei vielen Menschen oft so spät erfolge. Dadurch entstünden enorme Kosten für die Gesellschaft. Kritisch zeigte sich Katrin Hennig, Koordinatorin des Fachtages gegenüber diversen Fachkräften in der Region Rosenheim: „Wir hatten heute Gäste aus Berlin, Bielefeld und Österreich. Vertreter von Sozialträgern aus Augsburg, München, Traunstein und anderen Orten waren hier. Von Rosenheimer Ämtern und Behörden war – trotz mehrfacher Einladung – nur ein Vertreter vor Ort.“ Das sei angesichts der Dringlichkeit des Themas, des großen Unterstützungsbedarfs in der Region und ihrer Erfahrungen als Leiterin der Selbsthilfegruppe mehr als bedauernswert. „Das kann ich nur darauf zurückführen, dass sich die Behindertenvertreter und Inklusionsbeauftragten der Region immer noch mit nicht-sichtbaren Behinderungen schwertun.“, ergänzte Hennig.

Weitere Informationen zum Fachtag, sowie zur Arbeit des Vereins und der Selbsthilfegruppe erhalten Sie unter www.autismus-rosenheim.de.

PM Autismus Rosenheim e.V.

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