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Sorge um Umweltgefahren

Ameranger entsetzt über Glyphosat-Einsatz auf den Gleisen des Leos

Der Spritzmittelwagen im Einsatz auf den Gleisen in Amerang. privat
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Der Spritzmittelwagen im Einsatz auf den Gleisen in Amerang.

Eisenbahn-Nostalgiker lieben Leo, die Chiemgauer Lokalbahn. Doch Anliegern an der Strecke zwischen Bad Endorf und Obing ist die Freude an den alten Loks und Waggons derzeit vergangenen. Denn auf den Gleisen zwischen Bad Endorf und Obing ist am Mittwoch Glyphosat gespritzt worden.

Amerang/Halfing/Obing/Bad Endorf – „Der Gedanke, dass unser Sohn im Garten spielt, während wenige Meter nebenan die Giftspritze fährt, macht mich sprachlos“, sagt Christian Breu. Das Haus, das seine Familie bewohnt, liege nur zwei bis drei Meter von den Gleisen entfernt. An der Halfinger Straße in Amerang, aber auch in anderen Anliegerkommunen gibt es weitere Grundstücke nah an den Gleisen – unter anderem auch Gärten mit Obstbäumen und Gemüsebeeten.

Ausnahmebescheid genehmigt Einsatz unter Auflagen

Dass auf der Gleisstrecke das Unkrautvernichtungsmittel gespritzt wurde, bestätigt Gerhard Haban, kommissarisch technischer Geschäftsführer der Chiemgauer Lokalbahn. Bei dem Mittel handele sich um eine zugelassene Mischung, deren Anwendung ein Ausnahmebescheid des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Rosenheim genehmigt habe.

Der Leo auf Tour: Eisenbahn-Nostalgiker lieben die Regionalbahn.

AELF-Pflanzenbauberater Mathias Mitterreiter bestätigt auf Anfrage der Wasserburger Zeitung, dass die Lokalbahn das Glyphosat-Präparat in Teilbereichen auf den Gleisen einsetzen dürfe. Allerdings unter Auflagen: Strecken in der Nähe von Gewässern beispielsweise dürften nicht besprüht werden. Die Ausnahmegenehmigung für die Verwendung von Glyphosat gelte jeweils nur für ein Jahr, müsse also immer wieder neu beantragt werden – dies gelte, solange es keine alternativen Verfahren zur Unkrautbekämpfung an Gleisen gebe.

Lokalbahn gesetzlich verpflichtet

Dazu ist die Ciemgauer Lokalbahn nach Informationen von Technikexperte Haban gesetzlich verpflichtet. Eine Vorschrift der Regierung von Oberbayern fordere, dass der Bewuchs nicht höher sei als der Gleiskörper. Nur dann funktioniere der Bremsvorgang entsprechend den gesetzlichen Vorgaben, Pflanzen auf den Gleisen wirken nach Habans Angaben wie ein Schmieröl, verlängern den Bremsvorgang also.

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Es kann jedoch sein, dass Glyphosat heuer zum letzten Mal eingesetzt wurde, lautet die hoffnungsfrohe Nachricht der Chiemgauer Lokalbahn. Die Spezialfirma, die deutschlandweit die Gleise auch im Auftrag der DB besprühe, arbeite an einer umweltfreundlicheren Lösung: ein neues elektrisches Verfahren. Der Stromeinsatz zerstöre das Unkraut - ganz ohne Chemie. Haban hofft, dass noch 2021 das neue Verfahren erprobt und ab 2022 auf der ganzen Strecke eingesetzt werden kann. „Die Chance ist groß, es gibt nur noch einige wenige Zulassungsprobleme“, sagt er. Geprüft werde müsse unter anderem die Auswirkungen der neuen Technik auf Tiere wie Eidechsen.

Könne das neue Verfahren eingesetzt werden, würden auch die Arbeitseinsätze in den Streckenteilen entfallen, auf denen das Glyphosat nicht zum Einsatz kommen darf – an Bächen beispielsweise, in der Nähe von gut frequentierten Wegen oder an Brücken sowie in Waldstücken. Viele Kilometer müssen nach Habans Angaben hier mit der Hand vom Unkraut befreit werden – „ein Riesenaufwand“.

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Dass die Gleisstrecken in der Nähe der Grundstücke an der Halfinger Straße nicht ebenfalls ausgespart wurden, ärgert Anlieger wie Breu. Das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten weist darauf hin, dass beim Spritzen generell zwei Meter Abstand zu benachbarten Grundstücken eingehalten werden müssten. Auch der Wind dürfe das Spritzmittel nicht weitertragen können.

Anlieger Breu sieht die Verhältnismäßigkeit trotzdem nicht gewahrt: Ob es wirklich notwendig sei, für eine Hobbyeisenbahn, die selten fahre und eher eine Attraktion für Urlauber und Ausflügler darstelle, eine so gefährliche chemische Keule einzusetzen, fragt er. Der Leo fährt – in Nicht-Pandemie-Zeiten – sonn- und feiertags zwischen Mai und Oktober sowie auf Bestellung und bei Sondertouren. Heuer haben die Corona-Auflagen bisher noch keinen Saisonstart ermöglicht.

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Ziel des Vereins, der die Lokalbahn betreut, ist nach Angaben von Haban jedoch, die Strecke aktiv zu betreiben – so lange, bis ein öffentlicher Auftrag der Bundeseisenbahngesellschaft (BEG) erfolge, sie also wieder offiziell auch außerhalb touristischer Zwecke reaktiviert werde. Die Vorgabe, die Betriebssicherheit zu gewährleisten und die Gleise dementsprechend zu pflegen, also auch von Unkraut freizuhalten, müsse eingehalten werden, so der kommissarische technische Geschäftsführer.

Anlieger wünschen sich eine bessere Informationspolitik

Breu wünscht sich jedoch mehr Kommunikation mit Anliegern an der Strecke: „Unsere mündliche Absprache, dass mir als Anwohner zumindest der Termin mitgeteilt wird, wurde leider nicht eingehalten“, ärgert er sich. Haban fordert betroffene Grundstückseigentümer auf, ihre Adressen schriftlich oder per Mail mitzuteilen. Dann werde der Tag des Glyphosateinsatzes auch mitgeteilt, verspricht er. Informationen über die Befahrung der Strecke mit dem Spritzmittelwagen übermittele die Lokalbahn außerdem den Anliegergemeinden sowie den zuständigen Behörden.

Ein brauner Streifen entlang der Gleise zeigt, wo das Herbizid gewirkt hat - ein Foto aus dem Jahr 2020.

Das sagt der Bürgermeister von Amerang

Amerangs Bürgermeister Konrad Linner hat Anrufe besorgter Bürger zum Glyphosateinsatz bekommen. Und musste den Betroffenenbedauernd mitteilen, dass die Gemeinde keinen Einfluss auf die Angelegenheit habe.

Nicht informiert

Die Kommune sei außerdem nicht über den Termin des Spritzmitteleinsatzes informiert worden. Dass er dies schade finde, werde er gegenüber der Regionalbahn noch deutlich zum Ausdruck bringen, so Linner. Ihm sei bewusst, dass es für die Bahn keine Pflicht zur Information gebe, aber eine Kommunikation sei trotzdem wichtig.

Grundsätzlich sei der Kontakt der Gemeinde Amerang zum Regionalbahn-Verein sehr gut. Die Kommune und er persönlich seien Mitglieder. „Auch privat unterstütze ich den Erhalt der Strecke. Gut, dass wir sie haben“, findet Linner angesichts der politischen Bestrebungen, stillgelegte Bahnverbindungen wieder zu reaktivieren.

Kritik: EU-weit noch immer nicht verboten

Linner sieht die Wurzel des Problems in der Tatsache, dass EU-weit das Herbizid Glyphosat noch immer nicht verboten sei. In Ortsbereichen sollten es nach seiner Meinung an Bahnstrecken nicht oder so vorsichtig wie möglich eingesetzt werden. Hier sei außerdem der Bewuchs mit Unkraut häufig nicht so stark wie im freien Feld, stellt er fest. Wenn der Einsatz nach wie vor erlaubt sei, müsse er wenigsten so umweltschonend wie möglich vonstatten gehen, fordert Linner.

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