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Der Gemüseanbau boomt

In Edling und Soyen ist der Regenwurm der wichtigste Mitarbeiter in Gemüsegärtnerei

Familie Prietz auf dem „Firmengelände“, ein Feld vor den Toren von Edling: Auch die Kinder Moritz (7) und Emilia (9) helfen den Eltern Florian und Claudia Prietz manchmal bei der Ernte – zumindest in den Ferien.
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Familie Prietz auf dem „Firmengelände“, ein Feld vor den Toren von Edling: Auch die Kinder Moritz (7) und Emilia (9) helfen den Eltern Florian und Claudia Prietz manchmal bei der Ernte – zumindest in den Ferien.

Ein Startup gründen – mitten in der Pandemie: Das Ehepaar Prietz aus Edling hat sich getraut und einen Betrieb eröffnet, der zu hundert Prozent auf Handarbeit setzt – und schon beim Start Tausende Mitarbeiter hat: Regenwürmer sind die wichtigsten Fachkräfte in der Gemüsegärtnerei Prietz.

Edling/Soyen – Gleich im ersten Erntesommer gab es einen harten Schlag: Hagel wütete auf dem Anbaufeld in Edling. Doch das Gemüse erholte sich schnell. „So ist sie halt, die Natur“, sagt Florian Prietz (39). Und wirkt dabei ganz entspannt: Denn sein Kleinunternehmen, das er als GbR gemeinsam mit Ehefrau Claudia (37) führt, ist im Positiven wie Negativen abhängig von äußeren Einflüssen wie Wind, Niederschlag und Temperaturen.

Verkauf direkt am Feld

Heuer hat es bisher – bis auf einige Unwetterkapriolen – gepasst. Die Pilotphase läuft besser als gedacht. Die Prietz gehen davon aus, dass sie ihre Investitionen – im geringen vierstelligen Bereich – bereits im Jahr eins wieder reinwirtschaften werden. „Plus minus null“, lautet das Ziel. Es lautet für die Zukunft: : ohne Angestellte – denn Regenwürmer arbeiten kostenlos an der Bodengesundheit mit – soll die Gemüsegärtnerei die vierköpfige Familie ernähren können.

Noch auf zwei beruflichen Beinen

Noch steht das Ehepaar Prietz auf zwei beruflichen Beinen: Sie ist Soziapädagogin und leitet eine Kindergruppe, er ist Diplombetriebswirt bei einer Bank. Sein gelernter Beruf kommt ihm bei der Firmengründung zugute. Denn Prietz kennt die betriebswirtschaftlichen Abläufe, kann einen Businessplan schreiben, hat Erfahrung mit dem Marketing. Doch in seiner Brust schlägt noch ein zweites Herz: das des Gemüsegärtners. Auf dem Hof der Großeltern, den der Bruder betreibt, bauen die Prietz bereits seit vielen Jahren im Hausgarten Karotten, Kohl und Co. an.

Ausschlaggebend für die Gründung eines eigenen Betriebs waren das in der Pandemie gestiegene Bewusstsein für gesunde Ernährung und die Lektüre eines Buches: „Market Gardener“ von Jean Martin Fortier. „Das ist meine Bibel“, sagt Prietz. Er und seine Frau griffen das Prinzip des Gemüseanbaus auf kleiner Fläche auf – auf nur 250 Quadratmetern.

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Hier gab es im Juni die erste Ernte. Die Gärtnereigründer mussten den Verkaufsplan schon wenige Wochen nach dem Start über Bord werfen: Statt alle 14 Tage öffneten sie bald zwei Mal in der Woche den Stand unter freiem Himmel. Die Kunden: Singles und Familien, Neugierige und Stammbesucher aus Edling und Umland.

Sie kommen spontan oder bestellen vor. Die Ware: Gemüse direkt vom Feld, geerntet zum größten Teil erst dann, wenn die Kunden am Verkaufstisch stehen. Gerne nehmen diese Salat und Karotten sogar ungewaschen entgegen. Und ärgern sich zur Freude von Claudia Prietz auch nicht über krumme Gurken. Nur selber ernten dürfen die Kunden nicht. Aus der Erde ziehen: Das übernehmen die Prietz selbst, die vorsichtig über ihr Land gehen und den Boden, ihr wichtigstes Kapitel, wie ein rohes Ei behandeln.

Nur bei Kartoffelernte hilft eine Maschine

Sie sehen sich als Handwerker: Säen, pikieren, auspflanzen, pflegen, ernten, verkaufen: Maschinen können in ihrer Gemüsegärtnerei kaum helfen. Das Ehepaar Prietz verzichtet sogar auf große Gewächshäuser oder Folientunnel. Nur bei der Kartoffelernte hilft eine uralte Maschine aus Großvaters Zeiten.

Ziel: solidarische Landwirtschaft

2022 wollen die Firmengründer das Betriebskonzept noch einmal umstellen: auf das Modell der solidarischen Landwirtschaft. Das heißt: Bürger können Ernteanteile erwerben. Dafür zahlen sie monatlich einen festen Betrag. Der Kunde soll, so Prietz, Gemüse nicht nach dem Europreis bewerten, sondern – wortwörtlich – nach der Wertigkeit. Ziel der Gemüsegärtnerei: so viele Ernteteiler zu finden, dass die Kosten und ein Lohn für das Ehepaar gedeckt sind. Für das Konzept entwickelt Prietz derzeit einen Anbauplan. Die Kunden sollen außerdem informiert werden, wann was wächst.

Eine Zertifizierung ist – vorerst – trotz biologischem Anbau nicht geplant. Denn die Prietz haben nach eigenen Angaben die Erfahrung gemacht, dass den Menschen die Regionalität am wichtigsten sei. „Wir ziehen alles selber, kaufen nicht zu, düngen nur mit Kompost, vertreiben nur ab Feld.“

Henri Förtsch bei der Salaternte: Sein Betrieb arbeitet nach den strengen Richtlinien des Bioland-Anbaus.

Die Gurke ist schwierig

Trotzdem: Es gab auch Fehlschläge. „Die Gurke“, sagt Claudia Prietz, „ist schwierig.“ Salat pflanzen viele auch im häuslichen Garten an, der ging teilweise nicht so gut wie gedacht. Die Aubergine, Lieblingsgemüseart von Claudia Prietz, ist dagegen erfolgreich im Test. Der Renner auf dem Feld ist der Mangold.

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„Wir wollen von unserem Betrieb leben können – ohne Anspruch, davon reich zu werden“, sagen die Gründer. Florian Prietz verhehlt außerdem nicht, dass ihm das Arbeiten mit den Händen unter freiem Himmel guttut: „Ich lebe meinen Traum von einem Betrieb im Einklang mit der Natur.“

Anderes Konzept, gleiches Ziel: der „Laden im Thal“ in Soyen

Lange Erfahrung, großer Betrieb, Zertifizierung, eigener Hofladen: Nach einem anderen Geschäftsprinzip arbeitet die Bio-Gemüsegärtnerei von Henri Förtsch und Ehefrau Claudia in Soyen. Der Betrieb hat sich den strengen Richtlinien des Bioland-Verbands verschrieben.

Bewusstsein für gesunde Ernährung in Corona-Krise gestärkt

Auf etwa zwei Hektar wird im Freiland Gemüse angebaut. Der Verkauf findet im „Laden im Thal“ statt. Von hieraus können die Kunden die Felder sehen – „Transparenz“ heißt ein Schlüsselwort der Kundenbeziehung, die auf Vertrauen basiere. Claudia Förtsch sieht Chancen für den Gemüseanbau – auch in der topografisch für diesen Zweig etwas ungünstigen Region des Alpenvorlands. In der Corona-Krise sei der Kundenzulauf noch größer geworden, der „Laden im Thal“ werde deshalb sogar erweitern. Denn die Pandemie habe das Bewusstsein für gesunde Ernährung und regionale Kreisläufe gestärkt.

Die Bio-Gärtnerei aus Soyen bildet deshalb sogar zwei Azubis aus. Anders als im Betrieb Prietz wird im „Laden im Thal“ das saisonale, selbst angebaute Angebot durch Zukäufe von Gemüse aus kontrolliertem biologischem Anbau ergänzt, außerdem ist hier auch Obst im Angebot. Die Abhängigkeit vom Wetter und der hohe Anteil an Handarbeit bilden die schwierigen Rahmenbedingungen des Gemüseanbaus. Doch auch Claudia Förtsch bestätigt, wie erfüllend es ist, die eigene Ernte von den Feldern einzuholen und vor Ort verkaufen zu können.

Gemüseanbau in Zahlen

6302 Gemüseanbau-Betriebe gibt es laut Branchenverband Gartenbau in Deutschland. Die Anbaufläche betrage etwa 126 000 Hektar. 2,9 Milliarden Euro hoch sind im Durchschnitt die jährlichen Verkaufserlöse. Wichtigste Gemüsearten im Freiland: Spargel, Möhren, Karotten, Zwiebel.

Das sagt der Verband der Gemüse-Selbstvermarkter

Der Gemüseanbau boomt, bestätigt Elke Hormes vom Verband der Gemüse-Selbstvermarkter. Er vertritt in Deutschland 80 Betriebe. Im Lockdown hätten viele Menschen das Kochen gelernt. Das Bewusstsein für eine gesunde Ernährung als Schutz vor Infektionen sei gestiegen. Viele Gemüsegärtnereien würden deshalb derzeit investieren – in Umbau und Erweiterung. Hormes betont jedoch auch, dass es Betriebe in Deutschland schwer haben, vor allem wenn sie ausschließlich auf Freilandproduktion setzen. Das unruhige Wetter habe heuer vielen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Und sie warnt vor allzu hohen Erwartungen: Der Hype ums Gemüse könne nach Ende der Pandemie schnell wieder vorbei sein. „Der Mensch ist faul.“ Deshalb greife er vielleicht doch wieder in die stets vollen Regale der Supermärkte statt bei der örtlichen Gemüsegärtnerei zu kaufen. Trotzdem hofft sie, dass die Bereitschaft, beim heimischen Gemüseanbauer zu kaufen, doch etwas anhält – ebenso wie die Freude am Kochen.

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