"Ein Wunder, dass der Mann das überlebt hat"

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In letzter Minute: Feuerwehrleute bringen den geretteten 76-Jährigen zum Rettungswagen. DLRG-Retter Michael Stadler (kleines Bild) brach ins Eis ein, als er helfen wollte. Er hielt den Mann über Wasser.

Obing - Am Sonntag spielten sich dramatische Szenen am Griessee ab. Michael Stadler von der DLRG, der selbst in Gefahr geriet, schildert die Rettung auf dem Eis.

Bei dem Versuch, ihn aus dem Eisloch zu befreien, brach auch ein Retter der DLRG ein. Im letzten Moment konnte die Wasserwacht die beiden Männer mit Hilfe eines Eisschlittens bergen.

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Dramatische Rettung am Griessee

Der Griessee bei Obing ist im Winter ein beliebtes Ziel von Spaziergängern und Schlittschuhläufern, friert der Moorsee doch sehr schnell zu. Einem 76-Jährigen aus dem nördlichen Landkreis Rosenheim wäre das beinahe zum Verhängnis geworden. Er brach am Sonntag gegen 17.40 Uhr rund 50 Meter vom Ufer entfernt ein und konnte sich nicht mehr selbst aus dem Eisloch befreien.

Zeugin lieferte genaue Angabe der Unglücksstelle

Dass er am Ende überlebte, hat er mehreren Zufällen zu verdanken. Eine 56-jährige Frau hatte vom Ufer aus beobachtet, was passiert war. Sie verständigte sofort die Rettungskräfte und lieferte eine genaue Ortsangabe. "Das hat dem Mann wohl das Leben gerettet", sagt Michael Stadler von der DLRG Seeon-Truchtlaching. "Hätten wir die Unglücksstelle erst suchen müssen, wären wir zu spät gekommen."

Der zweite Umstand, dem der 76-Jährige sein Leben zu verdanken hat, ist, dass Stadler in Seeon wohnt. Nach der Alarmierung machte er sich deshalb ohne den Umweg zur Rettungsstation in Truchtlaching im Privatwagen auf den Weg und traf nur wenige Minuten später an der Unglücksstelle ein. Die 56-Jährige hatte unterdessen eine am Ufer deponierte, fünf Meter lange Rettungsstange ergriffen und sich kriechend dem Verunglückten genähert. Die Frau drang soweit vor, dass sich der Mann an der Stange festklammern konnte.

Stadler, der sonst keine Ausrüstung dabei hatte, griff sich einen Rettungsring und betrat die Eisfläche. Sofort begann es, unter seinen Füßen zu knacken. "Das Eis war nur fünf bis zehn Zentimeter dick", so Stadler. Viel zu wenig, um das Eis gefahrlos zu betreten.

Nach fünf Minuten völlig entkräftet

Gemeinsam mit einem Beamten der Polizeiinspektion Trostberg begann Stadler, auf die Unglücksstelle zuzukriechen. Stadler gelangte schließlich bis zum Loch und bekam den 76-Jährigen zu fassen. "Der Mann befand sich schon mindestens zehn Minuten im Wasser und konnte sich kaum noch halten", so Stadler. Doch als er versuchte, den Mann am Kragen herauszuziehen, brach das Eis unter ihm und er fiel ebenfalls in den eiskalten See.

"Die ersten Minuten waren auszuhalten", erzählt Stadler. Er klemmte sich hinter den 76-Jährigen, der mittlerweile völlig entkräftet war, und hielt den Mann mit Hilfe des Rettungsrings und der Stange, die die Frau ihnen immer noch reichte, über Wasser. Stadler ist ausgebildeter Rettungsschwimmer und Einsatzstaucher, doch nach wenigen Minuten forderte die durchdringende Kälte auch von ihm ihren Tribut. "Man hat überhaupt keine Kraft mehr und die Gliedmaßen fangen an, einzufrieren", berichtet der 30-Jährige. Er schätzt, dass er sich insgesamt zehn Minuten im eiskalten Wasser befand: "Am Ende habe ich nur noch gehofft, dass die anderen rechtzeitig kommen."

Fotos von der dramatischen Rettungsaktion

Dramatische Wasserrettung am Griessee

Mittlerweile war ein Großaufgebot an Rettungskräften eingetroffen. Die Obinger Wasserwacht, 16 Mann der DLRG Seeon-Truchtlaching, Rettungsdienst, Notarzt und die Feuerwehr Obing waren vor Ort. Die Rettung nahte schließlich in einem Eisschlitten. Wasserwachtler nahmen zuerst den 76-Jährigen auf. Ein weiterer DLRG-Retter mit Neopren-Ausrüstung ließ sich ins Eisloch hinein und hielt Stadler fest. Zum Glück: "Ich konnte nicht mehr." Mit einer zweiten Fahrt wurde schließlich auch Stadler aus dem Wasser geholt.

"Meine Körpertemperatur betrug noch 30 Grad", erzählt Stadler. Umso größer ist sein Respekt vor dem 76-Jährigen, der sich mindestens 20 Minuten im Wasser befunden haben muss: "Ein Wunder, dass der Mann das überlebt hat."

Am Ufer übernahm der Rettungsdienst die Versorgung der beiden Männer. Da unterkühlte Menschen sich nicht groß bewegen dürfen - es droht der sogenannte Bergungstod - schnitt man ihnen die Kleider vom Leib. Beide wurden auf die Intensivstation ins Trostberger Krankenhaus gebracht. Die 56-jährige Frau erlitt eine leichte Unterkühlung. Der Polizeibeamte zog sich bei der Rettungsaktion Schürfwunden an den Händen zu.

Stadler konnte die Klinik nach drei Stunden wieder verlassen. Seine Hände sind zerschnitten, die Knie aufgeschlagen, er hat einen Muskelkater am ganzen Körper: "Im Rettungswagen habe ich angefangen, heftig zu zittern." Ansonsten hat er den Einsatz gut überstanden: "Wir haben solche Situationen oft geübt, aber für uns war es der erste echte Eisrettungseinsatz. Und das mit glücklichem Ausgang." Allerdings hat er nun Ärger mit der Freundin. "Sie hat mir Vorhaltungen gemacht, wie ich da ungesichert rausgehen konnte", sagt Stadler. Der gemeinsame Sohn ist gerade mal drei Monate alt: "In der Situation habe ich nicht nachgedacht. Ich musste da raus, um zu helfen."

Klaus Kuhn/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: chiemgau24.de

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