TIERLIEBE

Krankengymnastik für eine Uhu-Dame: Soyener Paar päppelt verletzte Eulen und Greifvögel auf

Verletzt und aufgeplustert: Eva Clauss sammelte die ungewöhnlich große Uhu-Dame nahe Prien ein. Der gebrochene Flügel wurde vom Tierarzt mit zwei Stiften genagelt.
+
Verletzt und aufgeplustert: Eva Clauss sammelte die ungewöhnlich große Uhu-Dame nahe Prien ein. Der gebrochene Flügel wurde vom Tierarzt mit zwei Stiften genagelt.

Eva und Björn Clauss aus Soyen sind die Eulen-Experten der Region. Wird etwa ein Uhu oder ein Greifvogel im Straßenverkehr verletzt, werden die beiden von der Polizei oder der Unteren Naturschutzbehörde informiert. Sie kümmern sich ehrenamtlich um die gefiederten Patienten. Derzeit päppeln sie eine große Uhu-Dame wieder auf.

Soyen – „Greifvogel fußläufig auf der B15 unterwegs“, titelte die Polizei Wasserburg vor wenigen Tagen über ihrem Pressebericht. Der Bussard war vermutlich bei der Kollision mit einem Fahrzeug nahe Soyen verletzt worden und saß mitten auf der Straße. Eine Gehirnerschütterung wurde vermutet. Eine Streifenbesatzung brachte das Tier zu Eva und Björn Clauss in Edmühle bei Soyen, die beiden sind Eulen-Spezialisten und ausgebildete Falkner.

Pfoten weg von meiner Schüssel – hier herrsche ich, Naala, Prinzessin der Büscheleulen.

Hier wird der Habichtartige wieder aufgepäppelt – ehrenamtlich. „Wir sind keine Auffangstation. Zwar verständigen uns Landratsamt, Untere Naturschutzbehörde oder auch mal die Polizei – aber wir machen das auf freiwilliger Basis“, erklärt der selbstständige Elektro-Einzelhändler Björn Clauss (69). Fürs Abholen verletzter Greifvögel oder Eulen erhalten er und seine Frau Kilometergeld, manchmal auch Futtergeld – für eingefrorene Mäuse oder Küken. Ambitionen, professionell eine Auffangstation zu betreiben, haben die Eheleute nicht.

Hohe Auflagen - keine Bezahlung

Die Auflagen seitens des Veterinäramtes hätten zu hohe Investitionen erfordert. „Bezahlt wird unsere Arbeit ja dennoch nicht. Da machen wir es lieber auf freiwilliger Basis, weil wir diese Vögel so sehr mögen“, sind sich die beiden einig. Rund 100 verletzte Eulen und Greifvögel haben die Clauss‘ in den vergangenen Jahren aufgepäppelt – und Buch darüber geführt.

Viecher-narrisch seien sie schon immer gewesen. Auf ihrem idyllischen Grundstück tummelten sich lange Zeit Pfauen, Laufenten und auch Wollschweine. Vor elf Jahren kamen die Uhus und weitere Eulen. Und heute sind die Handaufzuchten der Mittelpunkt der Familie.

Uhu-Dame plustert sich auf

Die Voliere, in der nun der Mäusebussard von der B15 ausharrt, gehört normalerweise Mickey und Bella, zwei Schleiereulen. Der verletzte Gast befindet sich in guter Gesellschaft: Er hat in der „Nachbarschaft“ eine Leidensgenossin – eine überaus stattliche. Die ungewöhnlich große Uhu-Dame ist seit zwei Monaten einquartiert und hatte einen gebrochenen Flügel. Sie hockt auf einem Holzbrett mit etwas Heu und plustert sich dramatisch auf.

„Sie tut nur so“, lacht Eva Clauss über die Patientin. Nicht mal, als sie und ihr Mann sie verletzt aufgelesen haben, sei sie aggressiv gewesen und habe nach ihren Händen gehackt. „Sie hat wohl schnell gespürt, dass sie von uns nichts zu befürchten hat“, sagt die 58-Jährige.

Lokführer meldete verletzten Vogel

Ein Lokführer hatte die Eulen-Experten informiert. Bei Prien war das Vogelweibchen vermutlich gegen einen Zug geflogen und hatte sich am Flügel verletzt. Dieser wurde in der Tierarzt-Praxis Dr. Josef Schiele in Stephanskirchen mit zwei Stiften genagelt. Mit Röntgen und OP liefen Kosten von rund 700 Euro auf – die die Untere Naturschutzbehörde übernommen hat.

„Naala“ ist Suaheli für „Prinzessin“. Die Büscheleule weiß, wo ihr Thron ist: auf dem Kopf von Björn Clauss.

„Es ist schön, wenn man sieht, dass es dem Tier mit der Zeit besser geht“, freut sich Eva Clauss, die gelernte Bereiterin ist. Mit ihrem Mann machte sie zunächst den Jagdschein, der war die Voraussetzung für die spätere Falknerprüfung.

Bald könne die große gefiederte Vogeldame ausgewildert werden, sind die Soyener überzeugt. Vorher braucht sie aber noch Krankengymnastik.

„Die Greifvögel und auch die Eulen müssen jagen und sich selbst Futter besorgen können, sonst kann man sie nicht zurückführen. Manchmal sind sie so schwer verletzt, dass sie in der freien Natur nicht überleben können – mit einem amputierten Flügel geht das einfach nicht“, erklärt Björn Clauss.

Netzhautablösung ist tückisch

Tückisch seien Verletzungen, die man nicht auf den ersten Blick erkennt: zum Beispiel Netzhautablösungen, wenn ein Vogel mit einem Auto kollidiere. Eine Erblindung sei häufig die Folge.

Zeigt her, eure Füße. Drollig sehen Uhu-Küken aus. Bis sie etwa 1,5 Jahre alt werden, sind sie verspielt und verschmust. „Flocke“ heißt dieses sibirische Uhu-Mädel.

Dann kommt der Tierarzt, um den Patienten einzuschläfern. „Das ist dann sehr traurig, man hat ja alles versucht, um zu helfen. Da fließen schon mal Tränen“, ergänzt seine Frau.

Zum Glück drohe dieses Schicksal der großen Uhu-Dame nicht. Sie heilt gut, fleißig wird trainiert. „Wir halten sie an den Füßen, dann schlägt sie mit ihren Flügeln und kräftigt damit die Muskulatur. Auch an der Lockschnur wird geübt. Frau Uhu hält sich sogar schon eine zeitlang in der Luft. Das Ehepaar Clauss ist zufrieden mit ihren Fortschritten.

Flügelspannweite der Weibchen: 1,70 Meter

Unfitte Wildtiere behalten können sie nicht, dafür reichen die weitläufigen Volieren nicht aus. Zumal sie ja eigene Vögel aus Handaufzuchten haben. Wie etwa Leon und Toshi, zwei europäische Uhus, die mit ihren jeweiligen Partnerinnen in den Gehegen leben. Die Weibchen haben eine Flügelspannweite bis zu 1,70 Meter – den Platz, den sie zum Herumfliegen haben (14 mal 4 mal 6 Meter) nutzen sie gerne aus, wenn sie nicht gerade in Komforthaltung auf einem Ast sitzen und chillen. Oder sich – wie derzeit in der Balz – von den Männchen füttern lassen. Die Burschen sind um etwa 30 Prozent kleiner und heißen Terzel – vom lateinischen „Tertium“, was „Drittel“ heißt.

„Gefiederpflege“ muss sein. Auch der Bart von Björn Clauss kommt dran. Uhu Leon zählt ihn zu seiner Familie.

Wulli brütet gerade in einer Ecke ihres Reiches. Dennoch lässt sie ihre Menschen ganz nah an sich ran. Björn Clauss spricht mit ihr, mit sanfter Stimme. Etwas empört klingen dagegen die Rufe von Leon, der keine Lust auf neugierige Reporter hat.

„Das Wesen von Uhus entspricht dem unseren“, sagt Eva Clauss und zieht Parallelen zu Hundehaltern mit gemütlichen und zurückhaltenden Vierbeinern. Uhus seien ruhig, bedacht, fast nachdenklich, bevor sie etwas machen. Im Gegensatz etwa zu Falken, die hibbelig und hektisch agieren – wie man es etwa von Jack Russell Terriern kennt.

Tieren mit Respekt begegnen

Drollig wirken die kleinen Eulen, die im Tal der Edmühle leben. Neben Büscheleulen gibt es hier auch Kanincheneulen, die in der freien Steppe Kaninchenbauten beziehen. Bei den Clauss‘ bewohnt das Pärchen einen Bau aus Rohren und Steinen in einer kleineren Voliere.

„Wir haben eine besondere Beziehung zu den Vögeln“, ist sich das Paar einig. Wesentlich dabei sei, dass man Respekt habe. „Ob ein Vogel näher kommt, oder nicht, muss man ihm überlassen.“

Kommentare