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Der kulinarische Literat

Kulturmacher Otger Hollescheck hat in Soyen eine zweite Heimat gefunden

Geschmackvoll, liebevoll und aufwendig hat der Münchner Kreative, Otger Hollescheck, seinen denkmalgeschützten Hof in Halmberg bei Soyen restauriert und ausgebaut. In der „Sommerküche“ (Bild) ist Platz für Kultur und Kulinarik. Hier hat er während des Lockdowns eine Literaturlesung gestreamt, während seine Zuschauer zu Hause das passende Menü, das Hollescheck per Post liefern ließ, genossen.
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Geschmackvoll, liebevoll und aufwendig hat der Münchner Kreative, Otger Hollescheck, seinen denkmalgeschützten Hof in Halmberg bei Soyen restauriert und ausgebaut. In der „Sommerküche“ (Bild) ist Platz für Kultur und Kulinarik. Hier hat er während des Lockdowns eine Literaturlesung gestreamt, während seine Zuschauer zu Hause das passende Menü, das Hollescheck per Post liefern ließ, genossen.

Als er an seinem Heimatkrimi „Drecksäu“ arbeitete, verschlug es Otger Hollescheck aus München nach Soyen. Er kaufte und restaurierte einen denkmalgeschützten Hof, der seine zweite Heimat geworden ist.

Soyen/München – Der kreative Kulturveranstalter hat in der Pandemie Hybrid-Events entwickelt. So wird die Lesung wird aus der Soyener Sommerküche gestreamt. Das Gala-Menü für die Zuschauer daheim am Bildschirm kommt per Post.

„Das eiserne Herz des Charlie Berg“ hat es Otger Hollescheck angetan. „Ich hab das Buch gefressen“, sagt der 56-jährige Wahl-Soyener, der 2012 den Heimatkrimi „Drecksäu“ veröffentlicht hat. Bei seiner Recherche, in der es um Bauern und den Kampf gegen den Bau der A94 durchs Isental ging, fand er in Soyen eine zweite Heimat.

Seit zehn Jahren zwischen München und Soyen

So pendelt der Münchner Veranstalter seit zehn Jahren zwischen dem Weiler Halmberg im Altlandkreis Wasserburg und der Landeshauptstadt. Zu einem seiner Events hat er den Hamburger Autor Sebastian Stuertz eingeladen. Er las im Maxwerk im Englischen Garten aus seinem Meisterwerk „Charlie Berg“ – während die Zuschauer per Livestream daheim an den Bildschirmen dabei waren und ihre mit der Post gelieferten Menüs verspeisten.

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In der Sommerküche ist auch Platz für Familien oder größere Gruppen, die in Halmberg ihre Ferien verbringen wollen. Otger Hollescheck hat alles mit Schätzen von Floh- und Antikmärkten ausgestattet.

Kultur geht auch in Pandemiezeiten, wenn man will. Ob das Ganze wirtschaftlich ist, steht auf einem anderen Blatt. Der Germanistiker, der auch Theaterwissenschaften und Psychologie studiert hat, seufzt. Leben kann er heute davon nicht. Sein Einkommen beschert ihm sein Gesellschafter-Posten in einer Business-Agentur.

Livestream wegen Lockdown

Konzerte, Kurzgeschichtenfestivals und Lesungen mit begleitendem Gala-Menü sind das Steckenpferd von Veranstalter Hollescheck. Der Kreative, der einen wunderbaren denkmalgeschützten Hof bei Soyen besitzt – der das Zeug zur besonderen Kultur- und Begegnungsstätte hat – hat andere Wege gefunden, während der Lockdowns seine Events an die Frau und den Mann zu bringen. Kultur gab es per Livestream und das Menü der Fine-Dining-Köche per Post. Ein immenser logistischer Aufwand.

Münchner Kurzgeschichtenfestival

„Grenzgänger“ heißt sein Münchner Kurzgeschichtenfestival, dessen 26. Ausgabe im Dezember 2020 beinahe Corona zum Opfer gefallen wäre. Hierbei geht es um Live-Lesungen, Publikumsabstimmung, einen Publikumspreis und tolles Essen. Ausfallen lassen, das wollte der 56-Jährige nicht, der seit 30 Jahren professionelle Feiern organisiert. Daher verlagerte er das Festival kurzerhand ins Internet.

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In der „Sommerküche“ auf dem Anwesen in Soyen, das als besonderes Ferienhaus zu mieten ist, wurde alles aufgebaut, „für einen amtlichen Stream mit vier Kameras“. Für 600 Zuschauer, die sich vorab die Tickets besorgten, kann man sich schon mal ins Zeug legen, auch wenn es finanziell eher ein Abenteuer ist, wie er im Gespräch mit der Wasserburger Zeitung einräumt.

Kunst im Ferienhaus.

Gegen das Schattendasein der Literatur

Die vier Siegertexte trug die Schauspielerin Mascha Müller vor. „Eingereicht waren fast tausend Texte aus allen deutschsprachigen Ländern“, erzählt Hollescheck, der nicht einsieht, dass Literatur ein Schattendasein führen sollte. Auch Musik gab es, um die Geschichten atmosphärisch zu unterstützen. Enrique Ugarte und Lisa Wahlandt kümmerten sich an den Plattentellern um das Soundmixen.

Foodstylisten an Board geholt

Damit der Zuschauer daheim am Bildschirm „bei Laune“ blieb, konnte er vorab ein Menü bestellen und sich per Paket zuschicken lassen. Rund 300 Menüs hat Hollescheck verkauft. „Das haben Genusskünstler vorbereitet, nämlich Kevin Schumann und Antony Leis, die kürzlich in München ihre Firma ,G’schmackes‘ gegründet haben.“ Schumann ging durch die Schule von Sternekoch Christian Bau und Käfer-Chefkoch Bobby Bräuer. Zudem holte Hollescheck auch Magdalena Klein und Philip Jaeger (das Duo machte sich auch 2020 als „Klein‘er Geschmacks Jaeger“ in Holzkirchen selbstständig) ins Boot. „All diese jungen Kochkünstler interpretieren die Texte der Lesung kulinarisch“, erklärt der Veranstalter.

Kochbox wird nach Hause geliefert

Die Kochbox umfasst drei Gänge, alles vorportioniert und beschriftet. „Die Gäste bereiten das Zuhause zu. Ein Stäubchen hier und ein Pülverchen da“, sagt Hollescheck, der das Menü per Post verschickte. Zehn Leute seien damit beschäftigt, dass das Packerl sauber beim Gast ankommt. Bis aus Hamburg übrigens kamen die Bestellungen. Wer in München wohnte, konnte die nachhaltigen Boxen selbst abholen.

Beim nächsten Event, das ähnlich aufgebaut war, wurde aus dem Maxwerk im Englischen Garten in München gestreamt. 500 zahlende Gäste schauten daheim zu, als der Hamburger Sebastian Stuertz aus seinem Werk „Das eiserne Herz des Charlie Berg“ vorlas. Darin geht es um einen jungen Parfümmacher, der so gut riechen kann, dass er die Mixturen, die ihm im Alltag begegnen, kaum aushält. Und manchmal bremst ihn sein schwaches Herz aus.

Riechen und Schmecken gehören zusammen

Riechen und Schmecken können nicht ohne einander auskommen. Klar, dass die mitwirkenden Foodstylisten beim Event mit ihren Essenzen und Aromen dann nicht nur schmückendes Beiwerk kreieren.

„Der Abend lief super“, resümiert Hollescheck, der aus jedem Event Lehren zieht und für den nächsten Termin dann mit Verbesserungen aufwartet.

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Im Moment arbeitet er das Thema für den Kurzgeschichtenwettbewerb aus, der heuer stattfinden wird. Die Ausschreibung beginnt im Sommer. Näheres gibt Hollescheck auf seinem Blog zuendeln.de bekannt.

Literaturfestival zur Wienszeit

Und zur Wiesn-Zeit veranstaltet er rund um die Theresienwiese in München in verschiedenen Locations ein Literaturfestival, so viel steht schon fest. Und was wird aus dem Hof in Soyen, der so wunderbar geeignet wäre für kulturelle Veranstaltungen? „Das dauert noch.“ Der Münchner, der Vater von zwei Söhnen (12 und 8) ist, möchte seinen Lebensmittelpunkt mehr und mehr auf sein Anwesen in Halmberg verlegen.

Stilvoll baden gehen auf dem Hof in Halmberg.

„Das Urbane wird überschätzt. Das vielfältige Angebot, das München zu bieten hat, nutzt man eh nicht. Außerdem ist die Stadt so laut.“, sagt er. Seine Lebensgefährtin, die Mediävistin ist, muss er auch erst vom Landleben überzeugen. Vielleicht mit einer Stätte für Literaturseminare auf dem Hof in Soyen. „Sie als Mediävistin ist der wissenschaftliche Typ, wenn es um das Thema ,Essen im Mittelalter in der Literatur‘ geht. Ich nutze das Thema emotional. Beim Essen treffen wir uns thematisch“, sagt er lachend.

Die Ästhetik am Hof weiter entwickeln

Ideen und Pläne, den denkmalgeschützten angrenzenden Stadl auszubauen und zu nutzen, hat er. „Ich will am Hof die Ästhetik weiter entwickeln. So werde ich ein analoges Fotolabor für Großformat und ein Atelier einrichten.“

Bauer sein im Nebenerwerb, sich Milchkühe anschaffen und selber Käse machen, könne er sich auch gut vorstellen.

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80 Obstbäume hat er zudem angepflanzt. Und die Vermietung als besonderes Ferienhaus – es ist geschmackvoll ausgebaut und mit Antiquitäten und Flohmarktschätzen eingerichtet – für größere Gruppen laufe auch besser als gedacht. „Ich bin relaxt, mal schauen, wohin alles geht.“

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