Erst Kokain, dann Alkohol

Dem Alltag im ständigen Rausch entkommen

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Max erzählt im Interview ohne Scheu, wie es ihm während seiner Zeit als Suchtkranker ging.
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Landkreis - Der 37-jährige Max zeigt seinen Führerschein. Nach langen Jahren des Entzugs und der Rehabilitation darf er wieder Auto fahren. Uns erzählt er, wie er es schaffte, clean zu bleiben.

„Nicht jeder Tag war ein Spaß, aber ich hatte ein Ziel vor Augen. Das hat mir geholfen, wieder ich selbst zu werden“. Max ist einer der Wenigen, die sich in einem Entzugsprogramm befanden, und der jetzt offen über seine Vergangenheit spricht.

Im Interview mit wasserburg24.de wirkt er absolut gestärkt, berichtet zwar mit viel Scham aber dennoch möchte der 37-Jährige, dass sein Werdegang und der positive Verlauf der Entziehungsmaßnahme anderen Mut macht. „Außerdem bin ich es Leid, dass viele Menschen, die Drogen und Alkohol konsumiert haben und sich dann von dieser Sucht befreien konnten, von der Gesellschaft weiter abgewertet werden“.

Smarter Typ mit früherem Laster

Der 37-Jährige ist ein gutaussehender, sportlicher Typ. Rehbraune Augen und lange Wimpern, eine äußerst ansprechende Erscheinung. Niemals würde man glauben, dass genau dieser attraktive Mann eine doch sehr extreme Vergangenheit hinter sich hat, darum auch alleine lebt, weil die Frauen seines Geschmacks mit ihm und seiner früheren Lebensstationen nicht umgehen können oder leben wollen.

Werdegang eines Junkies

Max wohnt in einer idyllischen Gemeinde im Altlandkreis Wasserburg, zwei Straßen weiter haben seine Eltern ein Haus. „Die Nähe zu meiner Familie ist mir wichtig, doch auch diese Selbständigkeit mit der eigenen Wohnung bedeutet mir viel“, heißt es von dem 37-Jährigen. Wir treffen Max in einem Café in Wasserburg, und bestellen Cappuccino und Kuchen.

Schon die erste Herausforderung für den früheren Alkoholiker und Drogenkonsumenten. „Ich muss immer sofort fragen, ob der Kuchen mit Alkohol getränkt ist, weil ich einfach auf Nummer sicher gehen möchte“, erklärt Max. Auch mit Pralinen sei es stets riskant, weil viele Hersteller selbst in Nougatpralinen Alkohol mischen würden. Die Bedienung schaut uns etwas mystisch an, und erwidert auf die Frage mit dem Alkoholgehalt des Stück Kuchens: „Wenn dann sicher nicht viel“.

Fehlanzeige – falsche Antwort für Max. „Ich darf keinen Alkohol zu mir nehmen, ich habe damit ein Problem“. Nicht nur die Bedienung ist verblüfft, auch wasserburg24.de-Reporterin Regina Mittermair zeigt sich erstaunt von der Ehrlichkeit, mit der Max zu seinem „Problem“ öffentlich steht. „Nur so kann ich mein Ziel erreichen und weiterhin clean bleiben“ fährt der frühere Drogen- und Alkoholkonsument fort.

Erst Drogen, dann Alkohol

Mit 19 Jahren kam Max zurück in die eigentliche Heimat. „Ich war mit meinen Eltern während meiner Schulzeit lange im Ausland unterwegs, meine Mutter war in einer internationalen Schule als Rektorin angestellt. Darum besuchte ich bis zu meinem Abitur diese Schule in Madrid, bevor meine Eltern und ich zurück nach Deutschland kamen“.

Nach zwei Semestern seines Studiums scheiterte Max an der Universität in München, mit seinen neugewonnenen Freunden hatte er mehr das Feiern als das Lernen im Sinn, erzählt er. Plötzlich sei auch Drogenkonsum ins Spiel gekommen. „Ich habe mich auf Partys von Mitstudenten und deren Freunden aus der Szene dazu überreden lassen, auch einmal etwas zu schnupfen“, erinnert sich Max. Aus normalem Schnupftabak von dem einen Freund wurde schnell eine Alternative, es kam Kokain ins Spiel. Von dieser ersten Zeit wisse er noch besonders viel, denn auch in der Suchttherapie wurde speziell daran gearbeitet, die Auslöser für den Konsum zu realisieren. „Kokain als leichte Droge, so habe ich mir das immer selbst eingeredet“, erzählt Max weiter.

Mehr als zwei Jahre hat er regelmäßig Kokain zu sich genommen, das Geld stammte dabei von den Eltern, die ihn finanziell während des Studiums und der anschließenden Ausbildung unterstützten. „Nach den gescheiterten Semestern habe ich schnell einen Ausbildungsplatz gefunden und wollte Fremdsprachenkorrespondent in einer großen Firma werden“.

Die Ausbildung habe er gut zu Ende gebracht, niemandem sei etwas von seinem extremen Drogenkonsum aufgefallen, ist sich Max nach wie vor sicher. „Die Firma hat mich sogar übernehmen wollen, doch dazu kam es schließlich doch nicht mehr“, gibt der 37-Jährige zu. Zunächst sei er schon einmal bei einer Polizeikontrolle mit Drogeneinfluss am Steuer erwischt worden, das hätte er zunächst noch vor seiner Familie und dem Arbeitgeber vertuschen können. „Mein Chef selbst hat dann aber einmal die Polizei und meine Eltern angerufen, und darum gebeten, dass ich umgehend in eine Suchtklinik eingeliefert werde“, erklärt der mittlerweile von der Sucht Losgekommene. Plötzlich sei es passiert, dass er in einem wichtigen Telefonat mit einem internationalen Geschäftspartner, der eine Bestellung aufgeben wollte, nicht mehr als ein Lallkonzert herausbrachte. „Das war das Ende meines unbeschwerten Joballtags und erstmal auch das Ende meines guten Verhältnisses zu meinen Eltern“, erinnert sich Max und wirkt äußerst sentimental. „Nach zehn Monaten in der Entzugsklinik war ich noch in einem ambulanten Suchtprogramm.

Ich konnte durch einen Verwandten in der Produktion einer Modultechnik-Firma in der Nähe meines Wohnorts anfangen, meine Eltern haben mich zu vielen Veranstaltungen im Ort mitgenommen, mich vielen Leuten vorgestellt und so hab ich dann auch meine Freundin kennengelernt, mit der ich eine gemeinsame Tochter habe“, berichtet Max im Gespräch mit wasserburg24.de.

Drogen konsumierte er keine mehr, die Beziehung sei zunächst toll gewesen, erzählt der 37-Jährige.

Alkohol plötzlich Gewohnheit

„Als Leni ungefähr ein Jahr alt war, habe ich mich oft mit meiner Freundin gestritten, und zur Beruhigung immer mal wieder ein oder zwei Bier getrunken“.

Er betont, dass er nicht zu anderen alkoholhaltigen Getränken gegriffen habe, sondern immer nur Bier, aber das dann extrem regelmäßig. „So schnell wurde ich abhängig von dem Bier, dass es für mich der Weg in die nächste Sucht war“, zeigt sich Max nach der langen Zeit der Reha erschrocken. Und das, obwohl er der Ansicht war, dass Bier harmlos sei, so der 37-Jährige. „Meine Beziehung scheiterte, meine Tochter hatte Angst vor mir, weil ich in meinen Rauschzuständen wirklich kein ansehnlicher Vater mehr war, und ich selbst hatte bemerkt, dass ich schon wieder in eine neue Abhängigkeit geraten bin“.

Darum habe er sofort erneut eine Suchtstation aufgesucht, und sich behandeln lassen.

Schreck-Erlebnis

Wirklich wachgerüttelt hätte ihn der Tod einer Mitpatientin, die wegen Nieren- und Leberschäden leider während der Therapie verstarb. Dies habe ihm einen Anschub gegeben, sein Leben zu ändern und sich nicht mehr auf Suchtmittel einzulassen.

„Ich gelte als absolut trocken und clean, alle sechs Monate werden Bluttests und Screenings gemacht und mir geht es wirklich gut“, zeigt sich Max bestärkt. Seinen Führerschein hat er nach langem Warten nach acht Jahren wieder neu machen dürfen, der Arbeitgeber hat ihn nach der Therapie wieder in der Produktion aufgenommen, dorthin fuhr er die vergangenen Jahre ohne Auto bei jedem Wetter zwanzig Kilometer mit dem Fahrrad. Doch er hatte das Ziel, durchzuhalten, die Belohnung sei das Wiedererlangen der Fahrlizenz. „Das schöne ist auch, dass ich meine mittlerweile 10-jährige Tochter regelmäßig sehen kann und meine Freizeit mit viel Sport fülle“.

Er besuche einmal im Jahr die Pfleger und Ärzte der Suchtklinik, in der er war und berichtet den anwesenden Patienten über seine Vergangenheit und das wichtigste während einer Therapie: „Das Ziel, das man vor Augen haben sollte, weshalb man sich diesen Entzug antun muss“, erzählt Max abschließend.

Dass es zu schaffen ist, zeigt das Leben von Max, der seit 8 Jahren absolut frei von jeglichen Suchtmitteln ist und als rehabilitiert gilt. In der Gesellschafft komme seine Ehrlichkeit unterschiedlich gut an.

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