Konvoi fuhr nach Kroatien ins Erdbeben-Gebiet

„Da wird der härteste Kerl emotional“ - Wasserburger Wehr lässt Hilfsaktion Revue passieren

Organisation Hilfe im kroatischen Erdbebengebiet
+
Um die Organisation für die Hilfe im kroatischen Erdbebengebiet (linkes Bild) kümmerten sich an der Sammelstelle im Burgerfeld unter anderem Richard Schrank, Kreisbrandrat des Landkreises Rosenheim, Josip Zilic von der Feuerwehr Wasserburg, der Kommandanten der Stadtfeuerwehr Wasserburg Niko Baumgartner und die Wasserburgerin Anita Arz (von links nach rechts).

Anita Arz, Stjepan Feljan oder Tadija Spionjak - nur drei von vielen Namen rund um die Innstadt, die die spontane Hilfsaktion für Kroatiens Erdbebenopfer am Silvesterabend ins Rollen brachten. Feuerwehrler Josip Zilic, den wir vier Tage nach der Aktion im Feuerwehrhaus in der Altstadt treffen, erinnert sich für uns an besondere Begegnungen und überwältigende Szenen vom Start der Spendenaktion für sein Heimatland bis zur Rückkehr nach Bayern.

Wasserburg - Bei derartigen Aktionen wie einem spontan auf die Beine gestelltem Hilfskonvoi mit 106 Mann und 42 Fahrzeugen ins Erdbebengebiet Kroatien stehen einige wenige, die den Transport begleitet und durchgeführt haben, im Fokus. Der Feuerwehr Wasserburg aber ist es ein Herzensanliegen, zu betonen, dass der Grundstein für diesen Erfolg nur durch starken Zusammenhalt sowohl von Privatpersonen als auch von Feuerwehrkameraden aus dem gesamten Landkreis gelegt werden konnte.

„Die Wasserburger Feuerwehr ist meine zweite Familie. Doch mit dem Jahreswechsel wurde mir bewusst, dass diese Familie weit über Wasserburg hinaus geht und den gesamten Landkreis einbezieht. Da werde ich jetzt noch emotional, wenn ich an diese wahnsinnig gelungene Hilfsaktion zurück denke“, unterstreicht Josip am Donnerstagabend (7. Januar) mit leicht gesenktem Kopf und einem Lächeln im Gesicht.

Unzählige Freiwillige beteiligten sich an der aus Wasserburg initiierten Hilfsaktion für das Erdbeben-Gebiet in Kroatien.

Welle der Hilfsbereitschaft aus dem gesamten Landkreis überrollte Wasserburg

Die Idee zu helfen hatten ursprünglich zwei Kroaten aus Wasserburg, Stjepan Feljan und Tadija Spionjak. Mitunter durch die Wasserburgerin Anita Arz, die ebenfalls kroatische Wurzeln besitzt, wurde die Werbetrommel via Facebook und WhatsApp gerührt und das Anliegen landete am Ende bei Richard Schrank, Kreisbrandrat des Landkreises Rosenheim. Dem war sofort klar: „Wenn wir das mit den Feuerwehren im Landkreis anpacken, wird das eine riesen Sache“, erklärte der Kreisbrandrat bereits im Gespräch am 4. Januar mit wasserburg24.de.

So kam es, dass eine Welle der Hilfsbereitschaft die Kleinstadt Wasserburg innerhalb kürzester Zeit überrollte. Die Telefone standen am Neujahrstag nicht mehr still, das Sammellager im Feuerwehrhaus Im Hag wurde von Spenden überrannt. Nachdem noch am Vormittag des 1. Januars das Außenlager an der ehemaligen Essigfabrik Burkhardt eingerichtet wurde und sich die Kameraden der Feuerwehr Attel-Reitmehring federführend um die Sammelstelle im Stadtteil Burgerfeld kümmerten, befand sich die Einsatzleitung fortan im Modus einer „Großschadenslage“. „Es wurde alles genauso organisiert, als hätten wir ein Hochwasser“, erklärt Stefan Gartner von der Feuerwehr Wasserburg.

Zahlreiche Spenden kamen in der Sammelstelle im Feuerwehrhaus Im Hag in der Altstadt Wasserburg zusammen.

40 bis 50 Tonnen Spenden kamen zusammen

Die Hilfsbereitschaft in der Region war enorm: Die Wasserburger Molkereien Bauer und Meggle beispielsweise sagten ohne zu Zögern Großspenden zu, die Spedition Huber aus Albaching stellte drei 40-Tonner für den Transport. Aus der Bevölkerung trudelten neben unzähligen Sachspenden auch anonyme Geldspenden in Kuverts ein, „ein enormer Vertrauensbeweis in die Feuerwehr“, weiß Gartner.

Schätzungsweise insgesamt 40 bis 50 Tonnen an Spenden kamen für das vom Erdbeben gebeutelte Kroatien zusammen - und das in Corona-Zeiten, in denen es vielen selbst nicht so gut geht finanziell. „Ich hätte niemals gedacht, dass so viel gesammelt werden kann - ein Wahnsinn, was wir da auf die Beine gestellt haben“, staunt Josip noch heute.

„Corona-Uhr“ tickte - Aufenthalt im Ausland maximal 72 Stunden ohne Quarantäne möglich

In der Nacht auf Sonntag (3. Januar) setzte sich der 2,5 Kilometer lange Konvoi von Wasserburg über Bernau in Bewegung, angeführt vom Kommandanten der Stadtfeuerwehr Wasserburg Niko Baumgartner im Führungsfahrzeug und gefolgt von Kreisbrandrat Schrank, der den Zug permanent im Blick hatte und ohne den die Fahrt laut Gartner „nicht möglich“ gewesen wäre. Für Baumgartner stellte die Spitze des Zugs eine „riesen Verantwortung dar, auf die er heute noch sehr stolz ist“, wie bei Lagebesprechungen mehrmals deutlich wurde.

Permanent im Nacken: Die tickende „Corona-Uhr“, die vorgab, dass der Aufenthalt im Ausland maximal 72 Stunden dauern darf, andernfalls hätten sich alle Helfer in Quarantäne begeben müssen. „Wir waren aufgeregt, als die Fahrt begann - das ist mein Land, wir fahren da hin um zu helfen“, erinnert sich Josip. Die Grenzübergänge liefen wie am Schnürchen, in Kroatien wurden sie von der Polizei eskortiert. Josips Vater fuhr voran, um die Verständigung zu erleichtern und zu sichern, dass der Konvoi zügig vorankam.

Der Konvoi auf Überfahrt in der Nacht auf Sonntag, 4. Januar und die Ankunft der Helfer in der 70.000-Seelen Stadt Velika Gorica .

Als der Zug die Stadt Velica Gorica erreichte, wurden die Helfer von winkenden, weinenden Menschen, die deutsch-kroatische Flaggen schwangen, begrüßt. „Ein Moment, an dem es uns eiskalt den Rücken herunterlief. Da wird der härteste Kerl emotional und im Auto wurde es plötzlich sehr still“, unterstreicht Josip, dem die Bilder der zerstörten Straßen, eingestürzten Hausdächern und umgefallenen Grabsteinen so schnell nicht aus dem Kopf gehen.

Ein prägendes Erlebnis machten Stefan Gartner und sein Einsatzzug, als sie das Hinterland anfuhren: „Vom Navi geführt standen wir plötzlich vor drei eingestürzten Häusern, die uns den Weg versperrten. Die Ausweichroute führte auf eine ebenfalls blockiert Straße, wir saßen fest. Der Verband kam mit seinen 2,5 bis 18 Tonnen schweren Fahrzeugen aufgrund der schwierigen infrastrukturellen Gegebenheiten nicht mehr vom Fleck. In dem Moment kam ein deutschsprechender Kroate zu Hilfe, der den Einsatzzug auf eine freie Strecke lotste. Seine ruhigen und optimistischen Worte: ‚Junge, gemeinsam kriegen wir dich und deine Leute hier schon raus‘, werde ich nie vergessen. Das war ein richtiger Gänsehautmoment.“

Hilfe vor Ort, wo sie gebraucht wird: Die bayerischen Helfer im erdbebengebeutelten Kroatien, darunter Josip Zilic (Zweiter von rechts).

Überwältigend für die bayerischen Helfer war darüber hinaus ein Déjà-Vu-Erlebnis kroatischer Frauen, denen beim Abladen in einem abgelegenen Dorf Tränen über die Wangen liefen. Der Dolmetscher fand heraus, dass sie sich an das Ende des Krieges erinnert fühlten, als vor 30 Jahren auch Deutsche mit Hilfsgütern ins Dorf kamen. „Und wieder sind es jetzt Deutsche, die uns in der Not helfen - ein Beweis für die tiefe deutsch-kroatische Freundschaft.“ Nach der Übersetzung sagten gegenseitige Blicke mehr als tausend Worte, unterstreicht Josip abschließend.

mb

Kommentare