Sondersitzung des Bauausschusses in Wasserburg 

Altstadtverkehr vergleichbar mit dem in ruhiger Wohnsiedlung? 

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Die Herrengasse in der Altstadt ist mitunter am stärksten frequentiert, was die Verkehrsbelastung anbelangt. 
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Wasserburg - Autos raus aus der Altstadt, Teilsperrungen und neue Einbahnstraßen oder alles so lassen wie es ist? An diesen Fragen scheiden sich seit Monaten die Geister. In einer Sondersitzung wagten sich die Mitglieder des Bauausschusses vage an die Debatte um die Verkehrsberuhigung in der Altstadt.

Eine eindeutige Lösung gab es am Ende aber nicht. Bis auf den letzten Platz war der große Rathaussaal am Dienstagabend des 3. Dezembers besetzt. Die Mitglieder des Ausschusses debattierten über die Möglichkeiten, den Verkehr in der Altstadt langfristig zu minimieren. Bürgermeister Michael Kölbl betonte gleich zu Beginn, dass es sich nur um eine "Vorberatung" handle, eine abschließende Entscheidung nicht getroffen werde. 

Mit dabei: Sibel Aydogdu und Ulrich Glöckl vom Verkehrsplanungsbüro "Schlothauer + Wauer", die bei der Entscheidung beratend zur Seite standen und neben den Ergebnissen einer Verkehrszählung auch Rückmeldungen und Vorschläge aus der Bevölkerung vorstellten. 

Über diese Ideen der Bürger berichtet wasserburg24.de in einem gesonderten Artikel

Überraschend: Samstag und Dienstag beinahe identisch  

Nachdem die Verkehrszählung im Mai diesen Jahres von vielen Seiten kritisiert worden war - weil der Verkehr an einem Dienstag nur für wenige Stunden gezählt wurde - entschloss man sich, im Herbst eine zweite Zählung per Video durchzuführen. 

Glöckl dazu: "Das Ergebnis ist schon sehr überraschend: wir konnten am Samstag, 12. Oktober, ziemlich exakt die gleiche Größenordnung an Durchfahrtsverkehr feststellen wie an dem Dienstag im Mai. Wir hätten ob der Bedenken aus der Bürgerschaft erwartet, dass es samstags deutlich mehr zugeht. Ebenfalls erstaunlich ist auch die Morgenspitze um 9 Uhr und nicht wie gedacht gen Mittag. Dazu kommt, dass am Samstag natürlich auch deutlich mehr Fußgänger unterwegs sind im Altstadtbereich."  

Diskussion um die Bestandssituation im großen Rathaussaal in Wasserburg. 

Die Verkehrszählungen im Vergleich: 

  • Zählung an einem Samstag im Oktober: 908 Autos in der Hofstatt (970 Autos an einem Dienstag im Mai) 
  • Zählung an einem Samstag im Oktober: 781 Autos in der Färbergasse (830 Autos an einem Dienstag im Mai)
  • Zählung an einem Samstag im Oktober: 1.448 Autos in der Herrengasse (1.420 Autos an einem Dienstag im Mai) 

Das Fazit der Verkehrsplaner: Die Tagesverkehrsbelastung unter der Woche ist nahezu identisch mit der Belastung an einem Samstag. Auch im Vergleich der morgendlichen Spitzenstunden sind hinsichtlich der Verkehrsmengen sowie der Zeiträume nur sehr geringe Abweichungen erkennbar. Die Nachmittagsspitzenstunde sind unter der Woche stärker ausgeprägt als am Samstag. Die nachmittagliche Spitzenbelastung ist an Dienstag deutlich früher als am Samstag. 

Zur Einordnung erläutert Glöckl: "Objektiv betrachtet handelt es sich um ganz geringe Werte, die wir hier gesammelt haben. Der Altstadtverkehr ist vergleichbar mit der Verkehrsbelastung in einer ruhigen Wohngegegend."  

Die Ergebnisse der Verkehrszählungen von Oktober und Mai diesen Jahres im Vergleich. 

Meinungen der Ausschussmitglieder: 

Auch wenn die Verkehrszahlen im Mai nur hochgerechnet wurden, so versichert Glöckl auf Nachfrage von Dr. Herrmann Budenhofer (Freie Wähler Reitmehring/Wasserburg), dass die Berechnung um nur fünf Prozent schwanke und das Ergebnis verlässlich sei. 

Andreas Aß (CSU) zeigte sich über die Ergebnisse mehr als überrascht, erklärte aber kurz und bündig: "Mei, es is' so wie es is'." Fraktions-Kollege Wolfgang Schmid machte eine "einfache Schulbuben-Milchmädchenrechnung" und erläuterte: "Im Durchschnitt fährt demnach pro Minute ein Auto durch die Stadt." 

Friederike Kayser-Büker (SPD) nahm die Ergebnisse zum Anlass, um die von vielen Seiten regelmäßig angeprangerte "aussterbende Altstadt Wasserburgs" in Frage zu stellen: "Ich denke ob der vorliegenden Zahlen schwingen bei dieser Behauptung oft auch subjektive Ansichten mit." 

Christian Stadler (Grüne Stadtratsfraktion) wünschte sich zum Schluss, dass Versuche wie der einer Teilsperrung beispielsweise durch einen versenkbaren Poller nicht komplett vom Tisch seien. 

Die Mitglieder des Bauausschusses (von links): Dr. Herrmann Budenhofer (Freie Wähler Reitmehring/Wasserburg), Andreas Aß (CSU), Wolfgang Schmid (CSU), Christian Stadler (Grüne), Peter Stenger (SPD) und Friederike Kayser-Büker (SPD). 

Der Beschluss: 

Drei Lösungen standen am Ende im Raum, die in einer Verkehrsklausur im Februar 2020 diskutiert werden sollen. 

  1. Die Hofstatt in eine Fußgängerzone zu verwandeln und die Verkehrsführung stadteinwärts über die Gerblgasse zu leiten. 
  2. Die bereits diskutierte Pflocklösung zu realisieren - allerdings mit aufgezeichneten Wendebereichen in der Färber- und Schustergasse
  3. Eine zeitlich begrenzte und inbesondere am Wochenende Sperrung für Autos aller Art an der Hofstatt. Lediglich Anlieger haben freie Zufahrt. Diese Lösung soll gegebenenfalls kombiniert werden mit einem Begegnungsverkehr von der Herrengasse bis zu Schustergasse

Das zuständige Verkehrsplanungsbüro soll diese Alternativen prüfen und bewerten. Nach der Klausur wird in einer öffentlichen Stadtratssitzung im März 2020 über die Durchführung eines Verkehrsversuchs entschieden. Nach der Kommunalwahl bleibe laut Kölbl der Stadtrat bis April 2020 in seiner jetzigen Konstellation bestehen. 

Plötzlich entstand Wirbel, als es zur Abstimmung kam: Den vom Bürgermeister vorgeschlagenen Beschluss im Wortlaut wollte die CSU-Fraktion so nicht mittragen. Schmid wetterte: "Wir sehen aufgrund der aufgeführten Zahlen grundsätzlich keinen Bedarf an einem Beschluss oder gar einer Änderung der Ist-Situation. Für uns muss es auch die Option geben, dass nichts geändert wird." 

Um die Kuh vom Eis zu holen, änderte Kölbl den letzten Satz in der Beschlussfassung ab in: "Nach der Klausur ist in einer öffentlichen Stadtratssitzung darüber zu entscheiden, ob und wenn ja welcher zeitlich begrenzter Verkehrsversuch durchgeführt werden soll." 

Einstimmig ging dieser Beschluss nach einer knapp zweistündigen Diskussion über die Bühne. Kölbl bedankte sich zum Schluss über die "sachliche Debatte zur Beruhigung des Altstadtverkehrs", die sich "erfreulicherweise nicht zu einem großen Wahlkampfschlager" entwickelt habe. 

mb

Quelle: wasserburg24.de

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