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Praxen sind am Anschlag:

Wasserburger Kinderarzt Marko Senjor warnt: „Auch Kinder können schwer an Corona erkranken“

Kinderarzt Marko Senjor aus Wasserburg: Die Behandlungsliege ist am Interviewtag, dem freien Mittwochnachmittag, ausnahmsweise nicht belegt. Derzeit gibt es viele kranke Kinder – auch weil die normalen Infektionen die Runde machen.
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Kinderarzt Marko Senjor aus Wasserburg: Die Behandlungsliege ist am Interviewtag, dem freien Mittwochnachmittag, ausnahmsweise nicht belegt. Derzeit gibt es viele kranke Kinder – auch weil die normalen Infektionen die Runde machen.

Übergewicht, Angststörungen: Viele Kinder leiden auch seelisch unter der Pandemie. Der Wasserburger Kinderarzt Marko Senjor hofft deshalb auf vernünftige Erwachsene, die sich impfen lassen – auch damit Kinder wieder normal leben können. Ein Interview über den Praxisalltag in der fünften Welle.

Wasserburg – Husten, Schnupfen, Magen-Darm – und jetzt noch die fünfte Corona-Welle: Der Wasserburger Kinderarzt Marko Senjor und sein Team sind derzeit im Dauerstress. Im Interview mit der Wasserburger Zeitung erklärt der Mediziner, warum er die Spritze auch seinen kleinen Patienten anbietet, wie die meisten Eltern über die Impfmöglichkeit denken und warum die Pandemie vielen Mädchen und Buben auch außerhalb möglicher Infektionen seelisch und körperlich zu schaffen macht.

Impfen Sie bereits Kinder?

Marko Senjor: Wir werden jetzt damit anfangen. Bis zu den Sommerferien haben wir in der Praxis Erwachsene geimpft, als Kinderarzt sehe ich mich nun in der Pflicht, auch die Kinderimpfung anzubieten – um mitzuhelfen, diese Pandemie in eine Endemie umzuwandeln.

Wie ist die Nachfrage nach der Kinderimpfung unter den Eltern? Gibt es viel Aufklärungsbedarf?

Senjor : Es gibt Mütter und Väter, die wollen die Impfung für ihr Kind unbedingt. Die große Mehrheit ist verhalten interessiert, aber vorsichtig. Sie sprechen mich an, wollen meine Meinung wissen.

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Welche Fragen haben die Eltern?

Senjor : Die größte Angst ist, den Kindern etwas anzutun, was nicht gut für ihre Gesundheit sein könnte. Diese Sorge kann ich verstehen, denn den Impfstoff gibt es noch nicht so lange. Ich kann den Eltern aber mit gutem Gewissen empfehlen, das Angebot anzunehmen. Es gibt gute und große Erfahrungen mit den Impfstoffen – weltweit. Ich nehme die Ängste der Eltern sehr ernst, versuche, meinen Standpunkt sachlich darzulegen. Trotzdem: Am liebsten wäre es mir, wenn alle Erwachsenen geimpft wären, dann müssten wir uns über die Impfungen von Kindern und Jugendlichen nicht unterhalten. Es ist für mich absurd, dass wir Kinder impfen müssen, nur um einen querdenkenden Erwachsenen zu schützen.

Würden Sie Ihre Kinder impfen, wenn sich noch klein wären?

Senjor : Ja, denn der Nutzen überwiegt bei Weitem das Risiko, das ist wissenschaftlich erwiesen.

„Misstrauen eine ganz neue Erfahrung“

Gibt es auch Eltern in der Praxis, die Ihnen als impfendem Kinderarzt jetzt mit großer Skepsis begegnen?

Senjor : Ja, das sind jedoch nur einige wenige. Trotzdem ist dieses Misstrauen für mich eine ganz neue Erfahrung. Mich und viele Kollegen, mit denen ich in Kontakt stehe, erfüllt es mit einer Mischung aus Überraschung und Frustration, dass uns Ärzten in diesem Zusammenhang unlautere Absichten unterstellt werden – etwa, dass wir aus Geldgier mit der Pharmaindustrie zusammenarbeiten würden. Ich wundere mich, dass Eltern mir ihre Kinder anvertrauen, wenn sie mir mit diesem Misstrauen begegnen. Wir Kinderärzte investieren viel Kraft in die Mitarbeit bei der Beendigung der Pandemie. Wir hätten die Möglichkeit, sie in eine Endemie zu überführen. Die Mehrheit ergreift diese Möglichkeit und muss ausbaden, dass eine Minderheit dies nicht tut. Das frustriert. Denn wir sehen, dass Kinder wieder ihre Großeltern besuchen wollen, wieder zurück möchten in ihr normales Leben mit Schule, Hobbys, Sport.

Leiden die kleinen Patienten sehr unter der Pandemie?

Senjor: Ja, auch medizinisch kann das sein, denn auch Kinder können schwer erkranken. Das geschieht zwar nur sehr selten, doch auch im Landkreis Rosenheim gibt es vier Kinder, die schwerste Verläufe hatten, zwei davon waren todkrank. Derzeit habe ich pro Tag etwa ein Dutzend positiv getesteter Kinder in der Praxis. Die große Mehrheit der Kinder steckt die Infektion jedoch gut weg. Trotzdem leiden auch all jene Kinder, die sich nicht infizieren oder die nicht erkranken. Denn die Pandemie wirkt sich manchmal auch auf die Psyche aus. Seelische Probleme nehmen zu oder werden schlimmer. Es gibt Kinder, die Angststörungen entwickeln oder Depressionen. Denn es fehlen soziale Kontakte und die tägliche Routine. Die Kinder merken auch, dass ihre Eltern in Sorge sind. Viele Kinder haben schon ältere Familienmitglieder verloren oder erlebt, dass beispielsweise Großeltern schwer erkrankt sind. Kontakte zu Freunden, Sport im Verein, Musikschule: All dies fand in den vergangenen zwei Jahren kaum oder nur eingeschränkt statt. Das macht sich bemerkbar. Ich stelle zum Beispiel fest, dass viele Kinder Probleme mit Übergewicht gekommen. Ohnehin dazu neigende Mädchen und Buben werden dicker, Normalgewichtige legen zu. Trotzdem: Es gibt auch Familien, die mir berichten, dass die Pandemie sie zusammengeschweißt hat und dem Zusammenhalt sowie dem Verhältnis der Geschwister untereinander gutgetan hat. Das höre ich vor allem aus Familien, die ein optimales Umfeld bieten können: Haus mit Garten und viel Platz für Homeschooling, Eltern, die Zeit haben, sich zu kümmern.

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Die langen Schlangen vor ihrer Praxistür im Parkhaus zeigen, wie groß der Andrang ist. Liegt es daran, dass die üblichen Winterinfektionen auch wieder da sind?

Senjor : Ja, im vergangenen Winter hatten wir fast keine Kinder mit den normalerweise in dieser Zeit auftretenden Infektionskrankheiten. Das ist in diesem Winter jedoch ganz anders. Schon im August ging es los mit Husten, Schnupfen und Co. Im November war es am schlimmsten. Zu Hochzeiten haben wir bis zu 80 Kinder am Tag zu betreuen. Unser Team kommt dann ganz klar an seine Grenzen.

Haben Sie auch Infektionen im Personal erlebt?

Senjor : Ja, ich selber bin in der ersten Corona-Welle erkrankt. Ich hatte einen relativ schweren Verlauf, musste neun Tage stationär in die Klinik. In Wasserburg ist derzeit eine Kinderarztpraxis wegen Personalmangels aufgrund von Quarantänezeiten sogar übergangsweise geschlossen. Wir leiden alle unter großen Personalengpässen aufgrund von immer wieder auftretenden Quarantänezeiten.

Was erhoffen Sie sich für dieses Jahr?

Senjor : Dass das Sterben ein Ende findet, es keinen weiteren Lockdown mehr gibt, die Leute wieder ohne Sorgen Freunde und Familienmitglieder treffen, reisen und feiern können. Und dass wir zu einem gesellschaftlichen Miteinander statt Gegeneinander zurückfinden.

So steht Kinderarzt Marko Senjor zur „Wasserburger Erklärung“

Wie beurteilt Kinderarzt Marko Senjor die Tatsache, dass derzeit in Wasserburg jeden Montag Demonstrationen zur Corona-Politik stattfinden? Hat er die Wasserbuger Erklärung, die sich auch hinter die Mitarbeitenden im Gesundheitswesen stellt, unterschrieben? „Das hätte ich gerne getan, doch es gibt einen Satz in der Erklärung, der baut in meinen Augen keine Brücken, sondern reißt sie ein“, sagt er. Grundsätzlich sei er der Meinung: „Die bürgerlichen Freiheiten sind ein hohes Gut unserer Demokratie. Das Versammlungsrecht ebenso. Wer sich an die Regeln hält – also Maske trägt und die Abstände einhält – darf demonstrieren, auch gegen die Corona-Maßnahmen und die Impfungen. Das ist völlig in Ordnung, wenn es ohne Gewalt, ohne Beleidigungen abläuft. Wir müssen auch akzeptieren, dass nicht alles richtig und gelungen ist in der Corona-Politik. Es sind Fehler gemacht worden. Dafür habe ich Verständnis, denn die Politik musste sich einer völlig neuen Situation stellen. Politiker dürfen deshalb auch ihre Meinung ändern.“ Doch die Kommunikationspolitik sei zum Teil eine Katastrophe gewesen. Und das Regelwerk ein oft „sehr unübersichtliches Durcheinander“.

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