Kommentar: Corona vergiftet unsere Gesellschaft

„Beleidigungen und Bedrohungen: Für viele bin ich ein Arschloch, Hetzer und Lügner“

OVB24-Redakteur Markus Zwigl mit einem Kommentar zu seiner Meinung nach besorgniserregenden Entwicklungen unserer Gesellschaft.
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OVB24-Redakteur Markus Zwigl mit einem Kommentar zu seiner Meinung nach besorgniserregenden Entwicklungen unserer Gesellschaft.

„Corona vergiftet unsere Gesellschaft“, dieser Meinung ist unser Redakteur Markus Zwigl. Er und seine Kollegen sehen sich tagtäglich Beleidigungen und Bedrohungen ausgesetzt. Ein Kommentar zur aktuellen Situation.

„Du Arschloch“, „haben sie dir in dein Gehirn ges...“, „wir haben schon Adressen und Anschriften von gewissen Reportern, die die Corona-Lügen-Artikel veröffentlichen und auch dort werden wir bald stehen...“, mit solchen und noch weitaus krasseren Kommentaren sah ich mich am Wochenende nach meinem Kommentar zu der Aktion vieler bekannter deutscher Schauspieler und deren Kritik an den Medien und der Regierung konfrontiert.

Aufgrund dieser Resonanz ist es mir ein Anliegen hier nochmals meine Meinung zu vertreten. Ich habe am Freitag einen Kommentar zu der Protestaktion #allesdichtmachen von über 50 der bekanntesten Film- und Fernsehschauspieler Deutschlands geschrieben. Künstler wie Ulrich Tukur, Volker Bruch, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Richy Müller, Heike Makatsch, Jan Josef Liefers und viele weitere verbreiteten am vergangenen Donnerstag bei Instagram und auf der Videoplattform YouTube gleichzeitig ironisch-satirische Clips mit persönlichen Statements zur Corona-Politik der Bundesregierung. Für mich war die Art und Weise wie diese Videos gestaltet wurden eine Frechheit.

Auch ich kann viele Maßnahmen der Bundesregierung nicht nachvollziehen

Dabei ging es mir nicht um die generelle Kritik gegen die von der Regierung getroffenen Maßnahmen. Auch ich bin der Meinung, dass viele Regelungen fern von jeglicher Realität sind. Warum dürfen sich zum Beispiel im Supermarkt Hunderte Menschen tummeln und ein Besuch in einem Museum ist unmöglich? Auch dass man für einen Einkauf von Blumen in einem Gartenmarkt nun einen Termin und einen negativen Test braucht, obwohl Aldi und Co. diese auch ohne Einschränkungen anbieten dürfen, leuchtet mir nicht ein. Ganz zu Schweigen von den Problemen der Bundesregierung bei der Impfstoffbeschaffung.

Aber nochmal, der Stil und die Vorwürfe der Schauspieler gingen für mich eindeutig zu weit. Unter anderem Richy Müller atmet in seinem Clip abwechselnd in zwei Tüten und kommentiert ironisch: „Wenn jeder die Zwei-Tüten-Atmung benutzen würde, hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr. Also bleiben Sie gesund und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen. Ich geh jetzt mal Luft holen.“ Meiner Meinung nach war dies für tausende Ärzte und Krankenpfleger, die seit Wochen mit allen Mitteln versuchen, Leben zu retten, ein Schlag ins Gesicht. Zynische Diskussionen, Sarkasmus und Ironie haben in solch einer schwierigen Situation keinen Platz.

Deutsche Schauspieler haben mit #allesdichtmachen Grenze überschritten

Dr. Carola Holzner, Oberärztin aus Essen, kommentierte die Aktion auch mit den Worten: „Sie haben eine Schmerzgrenze überschritten, für alle die, die sich an die Regeln gehalten haben, obwohl sie frustriert sind, nicht mehr können, vielleicht ihre Existenz verloren haben, sich dennoch an die Maßnahmen halten und weiter machen.“ Sie rief zudem unter dem Hashtag #allemalneschichtmachen zu einer Gegenkampagne auf. Dabei wurden Initiatoren wie Jan Josef Liefers aufgerufen, mal eine Schicht zu machen, „etwa im Rettungsdienst 24 Stunden lang, oder in der Wechselschicht in der Notaufnahme, in einem Impfzentrum oder einer Arztpraxis.“

Ich kann die Frustration eines jeden verstehen, der aufgrund der aktuellen Situation um seine komplette Existenz bangen muss. Und natürlich haben Prominente wie Liefers eine gewisse Reichweite, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Aber diese Schauspieler beziehen sich im Vordergrund auf ihre eigene Situation und diese ist faktisch nicht besorgniserregend. Ein Jan Josef Liefers zum Beispiel hat das Privileg weiterhin arbeiten zu können und verdient damit sehr gutes Geld.

Berichterstattungen der Medien keine Lügenmärchen

Des Weiteren kann ich nicht akzeptieren, wie seit einem Jahr kontinuierlich anerkannte Medienhäuser der Lügen und Panikmache bezichtigt werden. Liefers bedankt sich in seinem Clip mit ironischem Unterton „bei allen Medien unseres Landes, die seit über einem Jahr unermüdlich verantwortungsvoll und mit klarer Haltung dafür sorgen, dass der Alarm genau da bleibt, wo er hingehört, nämlich ganz, ganz oben und dafür sorgen, dass kein unnötiger, kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung.“ Da kann ich nur lauthals lachen.

Wer glaubt denn tatsächlich, dass ein jeder Journalist oder Redakteur Schmiergelder oder ähnliches erhält? Oder was hätten wir davon, Lügen zu verbreiten? Wie oft musste ich schon lesen, dass ich „von Södolf bezahlt werde“? Das verstehe ich einfach nicht, ganz abgesehen von dem erschreckenden Vergleich, die aktuelle Situation mit der NS-Zeit gleichzustellen. Auch ich selbst habe mit diversen Berichten über von der Pandemie betroffene Personen und Branchen versucht, auf die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen aufmerksam zu machen, oder Aussagen und Statistiken der Bundesregierung kritisch hinterfragt - nur diese Geschichten werden wohl immer überlesen.

Weiter wird uns Journalisten immer wieder vorgeworfen, alles dafür zu tun, Menschen zu verängstigen. Ich mache nur meinen verdammten Job und das ist nun einmal, auf die Infizierten-, Intensivpatienten- und Todeszahlen hinzuweisen. Fakt ist, dass seit Pandemiebeginn weltweit weit über drei Millionen Menschen (egal ob an, mit, oder durch Covid-19) gestorben sind. Und, obwohl es viele immer noch nicht glauben, gab es in Deutschland im Jahr 2020 eine Übersterblichkeit - vor allem in den Monaten der ersten und zweiten Welle. Und auch ingesamt gesehen, starben im vergangenen Jahr etwa 986.000 Menschen, das sind 46.000 Todesfälle (fünf Prozent) mehr als 2019.

Beleidigungen und Androhungen

Ich kann mit diesen Beleidigungen und Androhungen, die ich aufgrund meiner Berichterstattung im Zusammenhang mit Corona erhalte, sehr gut leben und um ehrlich zu sein, versüßt es mir teilweise den Nachmittag, diese krassen Kommentare durchzulesen. Doch die Situation ist ernst und entwickelt sich in eine kranke Richtung. Wir sitzen alle im selben Boot und wollen alle wieder raus und unsere Freiheit genießen. Wir leben zum Glück in einem Land, das uns Dinge ermöglicht, wovon Millionen Menschen auf diesem Planeten nur träumen können. Wir sollten endlich aufhören, uns gegenseitig zu beleidigen und die Schuld von A nach B zu schieben. Es gilt Arschbacken zusammenkneifen und gemeinsam aus dieser Situation herauszukommen.

Selbiges gilt für die Debatte um die Erleichterungen und Freiheiten für Geimpfte. In meinen Augen ist es ein Akt der Solidarität, sich auch nach einer Impfung noch so lange an die für die Allgemeinheit geltenden Regeln zu halten, bis jedem ein Impfangebot gemacht werden konnte.

mz

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