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Kommentar über die aktuelle Corona-Lage

Zwischen Glühwein und Triage: Wenn eine Impfpflicht mehr debattiert wird als sterbende Menschen

Symbolbild: Während die Kliniken in der Region an die Grenze des Machbaren gelangen und die Weihnachtszeit und damit der Winter näher rückt, wird hitzig über eine Impfpflicht debattiert. Dabei bräuchte es jetzt sofort Maßnahmen.
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Symbolbild: Während die Kliniken in der Region an die Grenze des Machbaren gelangen und die Weihnachtszeit und damit der Winter näher rückt, wird hitzig über eine Impfpflicht debattiert. Dabei bräuchte es jetzt sofort Maßnahmen.

Inzidenzen im vierstelligen Bereich, Kliniken in der Vorbereitung auf Triage und wieder einmal eine sehr späte Reaktion der Politik. Das ist die knappe Zusammenfassung der Corona-Lage in Deutschland im November 2021. Ein Kommentar von Online-Volontär Max Partelly.

Gefühlt kommt es seit Novemberbeginn jede Woche täglich zu neuen Rekordwerten bei Inzidenzen und Neuninfektionen. Was sich an den Kliniken der Region abzeichnet, macht Angst. Ich habe mich selbst schon dabei ertappt, meinen Eltern mit ironischem Unterton zu empfehlen, aktuell „bitte“ keine größeren gesundheitlichen Probleme zu bekommen.

Es ist eine Lage, vor der immer wieder gewarnt wurde. Die Politik gelobte, die Bürger vor der Delta-Variante zu schützen. Es dürfe auf keinen Fall dazu kommen, dass so viele Menschen schwer erkranken, dass die Intensivstationen an ihre Grenzen geraten. Jetzt ist aber genau das der Fall und mit schleppenden sehr kleinen Schritten wird einmal mehr viel zu spät reagiert.

Corona-Lage eskaliert: Tote für ein wenig Freiheit in Kauf nehmen?

Man erinnere sich an die vergangenen Wellen der Pandemie. Damals hieß es, Lockdown. Es hieß Kontakte reduzieren und Infektionen so gut es nur geht verhindern, um Tote und Geschädigte zu vorzubeugen. Auch zu spät, aber immerhin. Doch jetzt haben wir die Impfung und ein riesiges Problem: Die Quote und versprochene Freiheiten.

Die Impfquote ist einfach zu niedrig, die Delta-Variante zu infektiös. Die Mutante ist eben leichter von Mensch zu Mensch übertragbar als ihre Vorgänger. Erkranken deutlich mehr Menschen, steigt auch wieder die tatsächliche Zahl der schweren Verläufe. Zudem scheint die Delta-Variante schwere Verläufe auch noch zu begünstigen. Die steigende Zahl der Neuinfektionen bedeutet in absoluten Zahlen auch, dass sich mehr Geimpfte anstecken, denn eine hundertprozentige Schutzfunktion gegen Delta gibt es nicht. Ja, die Impfung schützt, aber bei unzähligen Menschen, die wegen immer weiter steigenden Infektionszahlen Kontakt zum Virus haben, treten auch hier genug Impfdurchbrüche auf. Die landen dann im geringen Anteil ebenfalls auf der Intensivstation. Kurz: Wenn das Virus überall grassiert, trifft es mit höherer Wahrscheinlichkeit auch die Geimpften, bei denen der Schutz nicht ausreicht.

Mit diesem Umstand wird das mutmaßliche Versprechen unseres Gesundheitsministers Spahn, man könne mit zwei Dritteln vollständig geimpfter Deutsche sämtliche Maßnahmen fallen lassen, zur missverstandenen Wunschvorstellung. Nun wird aber offenbar deswegen mit aller Gewalt versucht, die Freiheiten zumindest für Geimpfte beizubehalten. Zur Not mit überquellenden Intensivstationen. Die Angst, den Geimpften (wie auch ich einer bin) ihre Freiheiten wieder zu nehmen, scheint zu groß. Mit dem Stand von Freitag (19. November) 15.30 Uhr gibt es noch keine offizielle Lockdown-Regelung für alle (ausgenommen Hotspot-Regelung), allerdings Einschränkungen für Ungeimpfte. Aber im derzeitigen Infektionsgeschehen sollen Geimpfte zunächst noch weiterhin ohne Kontaktbeschränkungen auskommen.

Ja, es wäre schön, mit der Impfung wieder komplett normal leben zu können, aber dafür sind einfach zu wenige Menschen in Deutschland geimpft und das Virus ist zu aggressiv. Auf das Fallen der Maßnahmen haben wir uns wohl alle so sehr gefreut, dass wir übersehen haben, dass auch das Corona-Virus sich nichts Schöneres hätte wünschen können (wenn es denken könnte).

Impfpflicht hin oder her - es muss jetzt etwas geschehen

Es regiert derzeit die Debatte um eine Impfpflicht, denn: Zahlreiche Experten sprechen sich explizit für die Impfung aus und meinen, dass das Virus bei einer sehr hohen Impfquote bei weitem nicht so gut Fuß fassen könnte, wie es aktuell der Fall ist. Auf der anderen Seite heißt es, dass man den Menschen nicht einfach die Entscheidungsfreiheit nehmen kann. 2G sei angeblich bereits die „Impfpflicht durch die Hintertür“, meinen viele Bürger. Angeblich werde man bereits gezwungen und diese Maßnahmen müssen sofort fallen. Während diese Standpunkte wieder und wieder gegeneinander ausgespielt werden und die Politik Maßnahmen für alle Betroffenen - inklusive Geimpfter - als letzte Möglichkeit sieht, bereiten immer mehr Kliniken die Triage vor.

Die Triage bedeutet, dass wegen Mangel an verfügbarem Personal und Intensivbetten entschieden werden muss, welcher Notfall zuerst dran kommt. Im schlimmsten Fall steht man mit Krankheit oder Verletzung da und keiner kann helfen. Und selbst, wenn es nicht so weit kommt: Die Menschen sterben weiter an Corona. Deutschlandweit mittlerweile über 98.000 Corona-Tote.

Vergleichsweise starben 2020 in Deutschland 2719 Menschen in Folge eines Verkehrsunfalls - nur um eine Todesursache zu nennen, die ebenfalls regelmäßig in den Medien zu sehen ist. Diese beiden Zahlen sollen weder die einen noch die anderen Todesfälle hervorheben oder kleinreden, sondern ein Gefühl dafür vermitteln, um welche Maßstäbe es sich bei diesem Thema handelt.

Die Optionen werden weniger

Warten macht alles nur schlimmer. Wenn wir eines im Laufe der Pandemie gelernt haben, dann das. Wenn weiter gewartet wird, infizieren sich mehr Menschen, es erkranken in Folge mehr Menschen schwer und letztendlich sterben dann auch mehr Menschen. Warten ist also keine Option. Dasselbe gilt für die „Flucht nach vorn“ ohne jegliche Maßnahmen. Augen zu und durch? Nur bleibt dann die Frage, wer die Verantwortung für die Toten trägt, die man für die Freiheit in Kauf nimmt. Welche Optionen bleiben dann noch? Wir befinden uns bald zwischen Glühwein mit reduziertem Weihnachtsmarkt-Flair und Triage in den Kliniken.

Die Entscheidung muss die Politik jetzt treffen. Sie muss in den sauren Apfel beißen und verstehen, dass ein drastischer Lockdown für alle (der nicht erst bei Inzidenzen jenseits der 1000 greift) unausweichlich ist, führt eine Testpflicht für alle ein oder sorgt dafür, dass wirklich alle ausreichend geimpft sind. Letzteres notfalls mittels Impfpflicht, welche aber mittlerweile viel zu spät käme, um die Lage zu beruhigen - schließlich dauert es seine Zeit, bis Erst- und Zweitimpfung durchgeführt sind. Freunde wird man sich in der jetzigen Lage nicht mehr machen können. Dafür wurde zu lange zu wenig getan.

Dem Virus ist es letztendlich egal, was jetzt folgt: Es wird bleiben. Die Frage ist, ob es die Messlatte der Todesfälle für mögliche weitere Pandemien noch höher legen kann oder als Beispiel für einen Erreger, den man viel zu spät in den Griff bekommen hat, in die Geschichte eingeht.

mda