Kommentar zur Diskussion über Handyverbot an Schulen

Suchtpotenzial vs. Bildungsmöglichkeit

  • schließen

Landkreis Rosenheim - "Smombie" war nicht nur das Jugendwort des Jahres 2015, sondern bezeichnet jemanden, der fast nur noch in sein Smartphone stiert und wie ein "Zombie" durch die Welt läuft. 

Kennen Sie das? Der Nachwuchs starrt nur noch auf den kleinen rechteckigen Bildschirm in der Hand und sogar die Jüngsten kennen sich besser mit den ganzen Apps aus als man selbst? Eltern wissen: das kann schon mal nervig sein.

Und gefährlich, denn die vielzitierte Handysucht scheint mittlerweile ein ständiger Begleiter der Kinder und Jungendlichen zu sein. Laut einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse sind insgesamt 2,6 Prozent der deutschen Jugendlichen abhängig von Instragramm und Co

Der Erhebung zufolge bewege sich der Nachwuchs im Alter von zwölf bis 17 Jahren rund zweieinhalb Stunden am Tag in den Sozialen Netzwerken. Mit dramatischen Folgen. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass es einen d irekten Zusammenhang zwischen der Handysucht und Depressionen gibt. Hinzu kämen zu wenig Schlaf und Realitätsflucht. 

Besonders das erhöhte Risiko, an einer Depression zu erkranken, bereitet den Suchtexperten große Sorgen. Bei Handysüchtigen sei die Gefahr um satte 4,6 Prozent höher als bei Nichtsüchtigen. "Ü ber Ursache und Wirkung haben wir noch keine Erkenntnisse. Natürlich kann es auch sein, dass sich depressive Kinder und Jugendliche häufiger in die virtuelle Welt zurückziehen und deshalb ein Suchtverhalten entwickeln. In jedem Fall verstärken sich die beiden Faktoren, so dass eine ernste gesundheitliche Gefahr droht.“, sagt Professor Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Bericht zu der Handysuchtstudie.

Und gerade im Klassenzimmer ist es für die Schüler vielleicht besonders verführerisch, öfter mal nebenher durch die Sozialen Netzwerke zu surfen. Müssen die Schulen also zum handyfreien Sektor werden - eine Art digitale Sperrzone mit Bildungsangebot?

Zur sinnvollen Handynutzung motivieren

Nein! Die rigorose Ablehnung von Smartphones in der Schule ist nicht praktikabel. 

Schon seit längerem wird im Bayerischen Landtag über eine Lockerung des Handyverbotes debattiert. Insbesondere die Opposition forderte immer wieder, Smartphones zur Unterrichtsnutzung zuzulassen. So lud das Kultusministerium zu einem Runden Tisch ein. Lehrer und Politiker diskutierten gemeinsam mit den Eltern und Schülern über das Thema, heißt es in einer Pressemeldung des Kultusministeriums. Der Kultusminister Bernd Sibler betont dabei, dass in Bayern kein Handyverbot, sondern ein -gebot gelte. Smartphones dürfen im Unterricht also genutzt werden, wenn es denn der Wissensvermittlung dient. Für private Zwecke darf das Handy nur im Notfall angeschaltet werden.

Bereits gut in den Unterricht integriert

Nicht umsonst haben wir das intelligente Mobiltelefon schon längst in unseren Alltag integriert. Und ei n v erantwortungsvoller Handykonsum lässt sich leicht trainieren, wenn Eltern und Schulen eng zusammenarbeiten. Neben der Aufklärung im Klassenzimmer, über die drohenden Gefahren, lassen sich die Geräte auch leicht in den Unterricht einbinden. Immerhin gibt es sogar spezielle Lern-Apps, die von zahlreichen Lehrern bereits verwendet werden. Aber immer zeitlich begrenzt. Ist die jeweilige Aufgabe beendet, verschwindet das Smartphone wieder in der Schultasche. Und zwar ausgeschaltet - alles gemäß der bayerischen Rechtsprechung. 

OVB24-Redakteur Kai Link

So zum Beispiel in der Mädchenrealschule in Rosenheim. Schulleiterin Magdalena Ramm erklärte erst kürzlich gegenüber dem Oberbayerischen Volksblatt, dass sie eine sinnvolle Nutzung der Handys begrüße, a nsonsten aber keine Smartphones in der Schule sehen wolle. Die Lockerung des bayerischen Handygebotes halte sie grundsätzlich für falsch. Ramm befürchtet einen Niedergang der Kommunikationskultur der Schüler. In der Pause hat das Smartphone auch wirklich nichts zu suchen. Sonst stehen auf den Schulhöfen irgendwann nur noch "Smombies", die in ihren Handys versinken. 

Unterstützen wir den Nachwuchs - und er uns!

Doch, was ist nach dem Unterricht? Muss der Nachwuchs seine Entzugserscheinungen abbauen und gleich das Smartphone wieder einschalten?

Ab diesem Zeitpunkt sind eindeutig die Eltern gefragt. Zum Beispiel durch - abhängig von der Altersstufe vereinbarte - feste "Handy-Zeiten" für die Kinder. Dann bleibt der Nachwuchs technologisch immer noch "up to date" und droht gleichzeitig nicht in die Handysucht zu rutschen. Die Eltern können an dieser Stelle übrigens wunderbar mit gutem Beispiel vorangehen und das Mobiltelefon öfter einmal zur Seite legen

Immerhin teilen viele von uns doch regelmäßig Bilder in den Sozialen Netzwerken, mit denen wir angeben, welche tollen Spiele wir auf dem Pausenhof und auf der Straße gespielt haben: Himmel-und-Hölle oder Fangen. Sie erinnern sich? Einfach mal die Kinder an die Hand nehmen und draußen eine Runde Kicken oder Fangen spielen! 

Aber, haben Sie es schon einmal ausprobiert? Es ist schon spannend, dass es Phasen gibt, in denen man einfach nicht von dem Ding wegkommt. Und ganz ehrlich spüren wir es nicht sogar mittlerweile körperlich, wenn wir zu viel auf den kleinen Kasten in unserer Hand starren? Kopfschmerzen, völlige Informationsübersättigung und kaum noch zwischenmenschliche Gespräche - das kennen wir doch aus eigener Erfahrung. Fußballergebnisse oder das neuste Bild des Neffen sind einfach zu verführerisch, um ständig am Handy zu bleiben. Und bald ist auch noch Fußball-WM! Da hilft nur eines: Disziplin und gegenseitiges Ermahnen!

Kai Link

OVB24-Redakteur

Email: kai.link@ovb24.de

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

Zurück zur Übersicht: reingeklickt

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser