Wander -Tipp: Von Hinterbrand zum Schneibstein

Auf den leichtesten Zweitausender der Berchtesgadener Alpen

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Blick auf die Aufstiegsroute, Stahlhaus (von rechts), Schneibsteinhaus und Jenner, im Hintergund der Berchtesgadener Talkessel.

Hinterbrand/Berchtesgaden – Wer auf dem Weg ins einsame Hagengebirge einsam bleiben möchte, der sollte sich beeilen. Am 4. August wird die nahe Jennerbahn teilweise ihren Betrieb wieder aufnehmen und damit wird es am Berg wieder von Menschenmassen wimmeln. Wer jedoch gerne von Menschen umgeben ist, für den ist die im heutigen Wandertipp vorgestellte Tour bis in den Herbst ein Genuss.

2276 Meter über dem Meer: der Schneibstein. Versteckt im Hagengebirge, genau auf der Grenze zwischen Österreich und Deutschland, verdankt der Berg einen gewissen Ruf nicht zuletzt durch seine Lage an der Kleinen, beziehungsweise Großen Reibn, im Winter eine beliebte Skitour um Berchtesgaden. Aber nicht nur das: mit viel Glück kann man dort auch ganze Herden des sonst seltenen Steinbocks erblicken.

Die Wanderung im Überblick 

  • Berg/Gipfel: Schneibstein, Hagengebirge 
  • Höhenmeter der Wanderung: circa 1200 
  • Wanderparkplatz/Adresse fürs Navi: Hinterbrand, Parkgebühr 3 Euro.
  • Gehzeit: 4 1⁄2 Stunden aufwärts, 3 1⁄2 Stunden abwärts.
  • Schwierigkeit: technisch wenig schwierig, Trittsicherheit vor allem im Schrofengelände, gute Kondition und elementares Orientierungsvermögen erforderlich.
  • Einkehrmöglichkeiten: Mitterkaseralm (1534m), Schneibsteinhaus (1668m), Carl-von-Stahl-Haus (Stahlhaus, 1736m).
  • Wann sollte man aufpassen? Bei Seilbahnbetrieb achtsam beim Unterqueren der Trassen sein. Achtung ist auch bei den Kuhherden geboten. Bei Baustellenbetrieb auf den Verkehr Obacht geben!
  • Ist die Wanderung für Anfänger geeignet? 4/5 Punkte: Durch gute Markierung der Wege sind lediglich eine gute Kondition und ein wenig Trittsicherheit vonnöten, um den vielleicht ersten Zweitausender im Leben zu besteigen.
  • Für Familien mit Kindern geeignet? 4/5: sofern die Kleinen schon Erfahrung mit längeren Touren haben, ist der Schneibstein ein lohnendes Ziel.
  • Für Hunde geeignet? 4/5: auch hier ist die Erfahrung mit längeren Touren ausschlaggebend.
  • Lohnt der Gipfel-Ausblick? 2/5: weder der Königssee noch große Teile der Hohen Tauern sind zu sehen. Bei schönem Wetter jedoch tolle Ausblicke auf Hochkönig, Steinernes Meer, Watzmann-Ostwand, Berchtesgadener Talkessel, Göll, Dachstein und Teile des Salzachtals

Drei Gründe, warum sich die Wanderung lohnt

  • Der Streckencharakter: Kaum woanders übertritt man die Grenze zwischen Deutschland und Österreich öfter als zwischen Torrener Joch beim Stahlhaus und Schneibsteingipfel. Man wird also zu einem wahrhaftigen Grenzgänger!
  • Ruhe und Einsamkeit: Spätestens ab dem Stahlhaus, Ziel vieler Wandergruppen, ebbt der Menschenstrom ab und man trifft nur noch hier und dort auf vereinzelte Wanderer.
  • Seltene Tiere: Nicht nur Steinböcke sind mit Glück anzutreffen, auch hört man immer wieder Murmeltiere pfeifen und nicht zuletzt kann bei passenden Bedingungen der im Nationalpark Berchtesgaden heimische Steinadler erspäht werden.
Blick auf Gruberhorn und Freieck (links), Bluntautal bis runter zur Salzach.

Startpunkt unserer Tour ist der Wanderparkplatz Hinterbrand, welcher sieben Kilometer vom NS-Dokumentationszentrum am Obersalzberg entfernt liegt. Über einen breiten Fahrweg überqueren wir nach gut zehn Minuten einen breiteren Bach. Nach weiteren zehn Minuten gelangen wir zur neu entstehenden Jennerbahn-Mittelstation - Achtung hier beim Baustellenverkehr! Wir verlassen den Fahrweg zugunsten eines schmaleren Pfades auf der breiten Kuhweide. Hier besonders bei Kindern und Hunden aufpassen! Jenner und Watzmann stets im Blick winden wir uns Serpentine für Serpentine empor und gelangen kurz darauf in einen Wald. Beim Austritt stellen wir fest, dass wir laut Wegweiser bereits eine Stunde unterwegs sind und somit schon ein gutes Viertel der Strecke geschafft ist! 

Erneut einem breiten Fahrweg folgend, wandern wir einen großen Bogen um den Jenner, lassen zuerst die Mitterkaseralm links und schließlich den Berg rechts liegen. E ine halbe Stunde von diesem Sattel noch zum Stahlhaus. Zum ersten Mal können wir jetzt das Panorama auf Hagengebirge und Steinernes Meer auskosten und nicht viel später erblicken wir das Schneibsteinhaus, das am Fuße unseres heutigen Zieles liegt. Dieses werden wir auf dem Weiterweg aber quasi „übergehen“. Nach zweieinhalb Stunden ist das nächste Ziel erreicht: das bereits in Österreich liegende Carl-von-Stahl-Haus. Malerisch auf dem Torrener Joch gelegen, lädt es den Wanderer zu einer Stärkung ein. Gleich mehrere Grenzen gibt es dort: die zwischen Göllstock im Norden und Hagengebirge im Süden, die zwischen Nationalpark Berchtesgaden im Westen und Natur- und Europaschutzgebiet Kalkhochalpen im Osten und die deutsch-österreichische, die wir auf dem Weg zum Gipfel abermals überschreiten werden. 

Die Baumgrenze ist mittlerweile überschritten.

Nach einer kurzen Rast machen wir uns auf den Weiterweg. Latschen und verschiedene Alpenblumen dominieren nun die Flora, der Weg wird nun wieder zum Pfad und bewegt sich immer wieder durch Schrofengelände. Doch wer glaubt, der nun so nahe gekommene Schneibsteingipfel ist bald erreicht, der irrt: auf mindestens zwei Stunden Marsch durch die Nordflanke müssen wir uns noch einstellen. Immer wieder schweift der Blick in die umliegende Bergwelt und auch vom Bluntautal, welches der Weg von der Salzburger Seite aufs Stahlhaus ist, ist immer mehr zu sehen. Ebenfalls können wir in Blickrichtung jenes Tales einen Bergsturz ausmachen, der sich in jüngerer Vergangenheit ereignet haben muss. Nach einer weiteren Stunde lassen wir die letzten Latschen hinter uns, demzufolge müssen wir uns auf gut 2.000 Metern befinden. 

Ein letztes Mal müssen wir nun die Kräfte bündeln: bei hochsommerlichem Sonnenschein durch die kaum Schatten spendende Bergflanke zu spazieren ist sicher kein Zuckerschlecken. Doch angesichts der zurückgelegten Strecke wäre es ein Unding, jetzt aufzugeben. Spätestens wenn die zwei Gipfelkreuze sichtbar werden, können wir uns sicher sein: gleich ist es geschafft. Nur mehr eine Viertelstunde und oben sind wir! Das Panorama gehört wahrlich nicht zu den schönsten, aber immerhin können wir bei gutem Wetter auf die Gletscher von Dachstein und Hochkönig, in die Kargheit des Hagengebirges und des Steinernen Meeres, die breite Felskulisse des Göllstocks, sowie in die Watzmann-Ostwand, mit ihren 1800 Metern höchste Wand der Ostalpen, schauen.

Wenn wir Glück haben, erblicken wir den sonst so seltenen Steinbock auf dem breiten Gipfelplateau. Um die Chancen auf eine Sichtung erhöhen wollen, sollten wir weiter Richtung Seeleinsee wandern. Zum Schluss stellen wir uns aber noch eine Frage: warum thronen eigentlich zwei Gipfelkreuze auf dem höchsten Punkt? Am nächsten liegt, dass eines den österreichischen, das andere den deutschen Gipfel markiert. Dies kommt beispielsweise auf dem Kranzhorn in den Chiemgauer Alpen noch stärker zur Geltung. Haben wir uns sattgesehen, steigen wir auf der gleichen Route wie beim Aufstieg ab. Ist beim Rückweg noch Kondition vorhanden, können wir noch den Jennergipfel mitnehmen, um den traumhaften und viel gerühmten Tiefblick auf den Königssee zu genießen (15 Minuten ab Sattel zwischen Stahlhaus und Jenner).

Noch ist es ruhig auf dem Schneibstein

Simon Schmalzgruber

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