„Die Nieren haben nur noch zu fünf Prozent gearbeitet”

Der steinige Weg eines Teisendorfer Fußballers zurück ins Leben und aufs Feld

Markus Haslberger im Trikot des TSV Teisendorf.
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“Ich habe damit ein Ziel erreicht, das ich mir in den Kopf gesetzt habe”: Markus Haslbergers Kampf zurück in die Startelf beim Bezirksligisten dauerte über ein Jahr.

Teisendorf - Es war kurz vor knapp bei Markus Haslberger vom TSV Teisendorf. Der junge Fußballer wurde im Juni 2019 mit einem Nierenversagen gerade noch rechtzeitig in das Krankenhaus eingeliefert. Dabei fanden die Ärzte heraus, dass der heute 23-Jährige an einer seltenen Krankheit leidet. Nach über einem Jahr stand Haslberger wieder in Startelf beim TSV.

Markus Haslberger ist angespannt, schon seit zwei Stunden spürt er das Adrenalin in seinem Körper. “Ich war heiß”, sagt er im Gespräch mit beinschuss.de. Zwar ist die Saison, mit Corona-Unterbrechung, schon über ein Jahr alt, doch der 23-Jährige stand am 20. September diesen Jahres gegen Bruckmühl zum ersten Mal für den TSV Teisendorf in der Bezirksliga in der Startelf. Diesen Einsatz von Beginn an musste er sich hart erarbeiten. Zwar ging das Spiel durch ein Eigentor verloren, doch für ihn war dennoch ein kleiner Sieg

Haslberger: „Ich dachte, dass es vielleicht eine Grippe sei“

Im Juni 2019 feierte Haslberger den langersehnten Aufstieg mit seiner Mannschaft auf Mallorca. Was eine Woche später passieren würde, ahnte er noch nicht. Denn danach war an Fußball erstmal nicht mehr zu denken. 

Als er nach dem Urlaub auf einen Berg wandern wollte, musste er nach einem Kilometer bereits aufgeben. “Die Muskeln haben gestreikt. Da hat alles sofort zugemacht”, erzählt der junge Fußballer im Gespräch mit beinschuss.de. Im Laufe der Woche merkte der Teisendorfer, dass beim Sport der Körper schnell schlappmachte, er nach einer Anstrengung Nasenbluten bekam und sehr hohen Blutdruck hatte. “Ich dachte, dass es vielleicht eine Grippe sei”, sagt Haslberger. Weil er am Sonntag Brechreiz bekam und sich öfter übergeben musste, entschieden seine Eltern mit ihm sofort ins Krankenhaus zu fahren.

Nieren arbeiteten nur noch zu fünf Prozent - Haslberger lag vier Tage auf der Intensivstation

Dort stellten die Ärzte schnell fest, dass seine Nieren anfangen zu versagen. “Die Nieren haben nur noch zu fünf Prozent gearbeitet”, schildert Haslberger die Situation von damals im Gespräch mit beinschuss.de. “Die Ärzte sagten mir, wenn ich eine Woche gewartet hätte, hätte dies tödlich enden können.” Vier Tage lag der junge Fußballer auf der Intensivstation und erhielt zusätzlich Sauerstoff, weil er Wasser in seiner Lunge hatte. Zudem bekam er per Infusion zwei Mal Blutplasma, da der Zellzerfall der Blutplättchen so hoch war und eine Dialyse wurde sofort vollzogen, um das Blut wieder zu reinigen. Erst nach vier Tagen konnte der damals 21-Jährige mit einer Gehhilfe langsam wieder anfangen zu gehen.

Zunächst wussten die Ärzte keine Antwort darauf, was das Nierenversagen ausgelöst hatte. Deshalb wurde eine Nieren- und Knochenmarkpunktion durchgeführt, die keine Ergebnisse brachten. Doch dann fanden die Mediziner heraus, dass Haslberger an einer seltenen Krankheit leidet: Das aHus-Syndrom. Dieses atypische hämolytisch-urämische Syndrom führt zu Blutgerinnsel im ganzen Körper und lebenswichtige Organe können nicht mehr durchblutet werden. Bei der Hälfte der Erkrankten führt dies zum Nierenversagen. “Die Diagnose war ein Schock, weil dies für mich eine dauerhafte Erkrankung bedeutete”, sagt Haslberger.

Haslberger: „Mein Kalender im Krankenhaus war ausgebucht“

Auch die Medikamente, die gegen das aHus-Syndrom helfen sollten, schlugen nicht an. “Das waren schon verzweifelte Momente”, gibt der Teisendorfer zu. Nach zwei Wochen im Krankenhaus machten die Ärzte einen Gen-Test und fanden zudem heraus, dass Haslberger an einem seltenen Gendefekt leidet, der das aHus-Syndrom ausgelöst hatte. “Die Ärzte sagten mir zwar, dass dieser Gendefekt kaum erforscht ist, man diesen aber behandeln kann. Ab da war ich erleichtert und es ging bergauf”, so Haslberger, der den Medizinern sehr dankbar ist, dass sie sich so gut um ihn gekümmert haben.

Drei Wochen lang war der junge Fußballer im Krankenhaus. Die Unterstützung seiner Freundin, seiner Familie und seiner Mannschaftskameraden halfen ihm durch diese schwere Zeit. “Mein Kalender im Krankenhaus war ausgebucht. Mein Team hat mir nach dem ersten Bezirksligaspiel ein Bild geschenkt, auf dem sie mein Trikot hochhalten. Ohne diese Unterstützung hätte ich diese Zeit mental nicht so gut überstanden.”

Seine Teamkameraden wünschten ihrem Teamkollegen mit diesem Foto gute Besserung. „Ohne diese Unterstützung hätte ich diese Zeit mental nicht so gut überstanden”, so Haslbeger.

Besonders schmerzte den jungen Teisendorfer nicht in der Bezirksliga spielen zu können

In den Wochen danach musste er drei Mal täglich Blutdruck-Tabletten nehmen, zudem drei Mal die Woche in Traunstein für vier bis fünf Stunden zur Dialyse. “Da ging in meinem Leben nicht viel. Nach der Dialyse war ich immer sehr müde. Die Tage danach waren zwar gut, doch dann wiederholte sich wieder alles. Ich fühlte mich in diesem Kreislauf gefangen”, sagt Haslberger gegenüber beinschuss.de. Obendrein platzen durch den hohen Blutdruck Adern in seinem rechten Auge, weshalb er nur noch verschwommen sehen konnte. Deshalb musste der Teisendorfer regelmäßig in eine Augenklinik nach Salzburg fahren.

Was ihn besonders schmerzte, war seiner Mannschaft beim Abenteuer Bezirksliga nur aus der Ferne zusehen zu können. “Ich wollte schon lange aufsteigen, umso mehr habe ich mich im vergangenen Jahr darüber gefreut. Umso schlimmer war es aber, nicht spielen zu können und ans Bett gefesselt zu sein. Ich konnte meinem Team nicht helfen, sondern nur beim Verlieren zusehen”, sagt der 23-Jährige.

Haslberger über die Winter-Vorbereitung: „Ich war mit Abstand der Schlechteste“

Im Oktober 2019 begann er wieder zu arbeiten, auch das Fußballtraining nahm er wieder auf. “Ich wollte so schnell es geht wieder auf den Platz zurückkehren”, erzählt er. Aber es gab Rückschläge. Das Medikament, das gegen das aHus-Syndrom helfen sollte, löste als Nebenwirkung bei Haslberger eine Gehirnhautentzündung aus. Haslberger: “Die Ärzte sagten mir, dass auch dies kurz vor knapp war und zum Tode hätte führen können.” Nach einer Woche im Krankenhaus wurde das Medikament abgesetzt. 

In den Füßen kam es immer wieder zu Wassereinlagerungen, die ihn in der Vorbereitung auf die Rückrunde im Februar stark beeinträchtigten. “Ich war mit Abstand der Schlechteste. Ich konnte beim Laufen nicht mithalten und musste immer wieder abreißen lassen. Da kamen bei mir die Gedanken auf, ob ich es überhaupt noch einmal ins Team zurück schaffe.” Die Zeit während des Lockdowns nutzte der Fußballer und trainierte viel auf dem Hometrainer. Durch das Fahrradfahren verschwanden die Wassereinlagerungen und er konnte wieder problemlos Sport treiben.

Die Vorbereitung im Winter dieses Jahres stimmte den 23-Jährigen nachdenklich: „Ich war mit Abstand der Schlechteste. Da kamen bei mir die Gedanken auf, ob ich es überhaupt noch einmal ins Team zurück schaffe.”

Die Nieren des jungen Fußballers aus Teisendorf arbeiten zu 60 Prozent

Trotz all der Rückschläge gab Haslberger nicht auf. Der 23-Jährige ist noch auf Blutdruckmedikamente angewiesen, die aber irgendwann abgesetzt werden sollen. Zudem muss er Nahrungsergänzungsmittel gegen den Zellzerfall nehmen. “Wenn ich mit der Mannschaft feiern gehe, darf ich nie vergessen, dass ich meine Tabletten noch nehmen muss”, sagt er. Außerdem finden alle zwei Monate Untersuchungen statt. “Meine Nieren arbeitet mit 60 Prozent, was aus ärztlicher Sicht funktionierende Nieren sind. Ich hoffe, dass das noch besser wird”, sagt der Teisendorfer. 

Bei seinem Startelf-Debüt gegen Bruckmühl gab es eine 1:2-Niederlage und Haslberger erzielte kurz vor Schluss das entscheidende Eigentor, dennoch war es für ihn ein besonderer Tag. “Ich habe damit ein Ziel erreicht, das ich mir in den Kopf gesetzt habe”, sagt er. Seine nächste Herausforderung steht für ihn aber schon fest: “Jetzt will ich meinen Teil dazu beitragen, dass wir noch ein Jahr in dieser Liga bleiben.”

ma 

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