Regisseur von "Trautmann" im Beinschuss-Interview

Marcus H. Rosenmüller: "Man muss zugeben, wenn man einen Scheiß gebaut hat"

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Marcus Rosenmüller spricht im Beinschuss-Interview über seinen neuen Film.
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Bad Aibling - Marcus H. Rosenmüller ist bekannt für Filme wie "Wer früher stirbt ist länger tot", "Schwere Jungs" oder "Wer's glaubt wird selig". Am 14. März startet sein neuer Film "Trautmann" in den deutschen Kinos. Beinschuss.de hat den Regisseur getroffen, um mit ihm über sein neues Werk zu sprechen.

Beinschuss.de: Seit „Wer früher stirbt, ist länger tot“ hast Du pro Jahr mindestens einen Film realisiert. Jetzt sind seit dem letzten drei Jahre vergangen. Wie lässt sich das erklären? 

Marcus H. Rosenmüller: Das lässt sich ganz einfach erklären: Die Finanzierung von "Trautmann" hat länger gebraucht als gedacht. Sonst hätten wir viel früher mit den Dreharbeiten beginnen können. Ich bin auch jemand, der nichts anderes - wie zum Beispiel Werbung - macht, sondern ich konzentriere mich immer auf meine Filmstoffe. Das macht mir unheimlich Spaß. Aber wenn man an drei Projekten arbeitet, bedeutet das eben auch drei Jahre Zeit, das ist schon der Wahnsinn.

Beinschuss.de: Mit "Trautmann" betrittst Du gewissermaßen Neuland: Eine internationale Produktion mit großem Budget und in Englisch gedreht. Alles ist anders.

Rosenmüller: Ja, der Film unterscheidet sich absolut von meinen bisherigen Arbeiten, weil er zum ersten Mal nicht in Bayern und in der bayerischen Sprache spielt – aber durchaus mit Dialekt, und zwar mit dem von Manchester. Von daher hat sich nichts geändert. Aber das ist auch nicht die Frage. Meine Einstellung war immer folgende: Ich interessiere mich für eine Geschichte – entweder stoße ich auf eine oder ich entwickle eine Geschichte. In diesem Fall war es so, dass Robert Marciniak mich gefragt hat: „Kennst Du diesen Trautmann?“ Und ich muss zugeben, ich kannte ihn nicht, und das, obwohl Fußball meine große Leidenschaft ist und diese Geschichte so sensationell war.

Beinschuss.de: Wie ging es dann mit der Drehbuchentwicklung voran?

Rosenmüller: Als ich die Geschichte angepackt habe, habe ich noch nicht geahnt, dass sie einmal ausschließlich in England spielen wird. Die ersten 40 Seiten des Drehbuchs handelten zunächst von Trautmanns Kindheit in Bremen, von der Zeit in der Hitler-Jugend, vom Krieg in der Ukraine und an der Westfront in Frankreich. Erst danach ging es in die Kriegsgefangenschaft. Letztlich hat aber diese lange Entwicklung, die Suche nach dem wirklichen Thema, dem Film sehr gutgetan. Und das hat ergeben, dass "Trautmann" bis auf das Kriegsgefangenenlager, wo noch Deutsch gesprochen wird, ein nahezu ausschließlich englischsprachiger Film geworden ist. Aber so war es immer schon: Mich muss eine Geschichte packen, dann gehe ich den Weg gerne mit, und dabei ist es nicht wichtig, ob sie in Bayern spielt.

Beinschuss.de: War es schwer, den Film komplett auf Englisch zu drehen?

Rosenmüller: Es war kein Riesenproblem, nein. Der englischen Sprache bin ich durchaus mächtig. Allerdings mussten wir beim Dreh ja auch darauf achten, dass die Personen alle im Dialekt "Mancunian" sprechen. Deswegen bin ich Darsteller John Henshaw auch unglaublich dankbar, da er mir bei der Ausarbeitung der Dialoge sehr geholfen hat.

Beinschuss.de: Lässt sich "Trautmann" nicht auch als klassische ‚Boy Meets Girl-Story‘ lesen?

Rosenmüller: Das finde ich überhaupt nicht. Tatsächlich erzähle ich eine große Liebesgeschichte, aber wie in jedem meiner Filme versuche ich, ein Thema zu behandeln, das weit über ‚Boy Meets Girl‘ hinausgeht. In diesem Fall geht es um Versöhnung. Und in dem Wort Versöhnung steckt kurioserweise das Wort Sohn. "Trautmann" handelt von der Kindheit, von Träumen und davon, wer wir überhaupt sind und wann wir eigentlich erwachsen werden. Deshalb tauchen auch immer wieder Kinder auf, ob das der ukrainische Junge ist, Trautmanns Sohn oder er selbst in einem Rückblick in seine Zeit in Bremen.

Hauptdarsteller David Kross (l.) und Regisseur Marcus H. Rosenmüller (r.).

Beinschuss.de: Und wie würdest Du das große Thema von "Trautmann" beschreiben?

Rosenmüller: Es geht darum, wie wir alle mit Leid umgehen. Ich glaube daran, dass wir irgendwann unsere Unschuld verlieren, dass wir das Unschuldsgenie der Kindheit, die klare Sicht, was gerecht und ungerecht ist in dieser Welt, irgendwann durch das gesellschaftliche Abwetzen verlieren. Dass wir in irgendeinem Strom mitschwimmen und unglaublich mutlos werden. Und dem wiederum hat sich Trautmann widersetzt, er hat sich als Mensch bewiesen. Das ist die große Geste. Und es geht darum, dass in jedem dieser Kriege, die jetzt stattfinden, unschuldige Kinder die größten Opfer sind. Das wollte ich mit diesem Film sagen, eingebettet in eine Fußballgeschichte.

"Es muss Menschen geben, die zugeben, wenn sie einen Scheiß gebaut haben"

Beinschuss.de: Damit erreicht "Trautmann" gewissermaßen auch ein Höchstmaß an Aktualität.

Rosenmüller: Durch einen Freund bin ich vor 20 Jahren auf den südafrikanischen Bischof Tutu aufmerksam geworden. Dieser hat sich stets um Versöhnung bemüht und eingefordert, dass man sich für seine Gräueltaten entschuldigt. Etwas, was die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nie gemacht haben. Deshalb auch diese utopische Schlussszene, in der Trautmann zum Rabbi geht und sich entschuldigt, sozusagen über die Grenze greift. Und Versöhnung ist das, was wir auf der ganzen Welt dringend benötigen, in jedem Konflikt muss es Menschen geben, die endlich einmal zugeben, dass sie einen Scheiß gebaut haben. Und es muss hoffentlich einen zweiten Menschen geben, der trotz Leids, das er erfahren hat, die Hand annimmt, sie schüttelt und vergeben kann. Mit Sicherheit der schwerere Schritt!

Beinschuss.de: Willy Brandt hat sich mit seinem Kniefall in Warschau gewissermaßen stellvertretend entschuldigt.

Rosenmüller: Genau. Es war spät, aber er hat es getan. Der Kniefall gehört zu einem der wenigen großen Symbole. Aber Willy Brandt hat die Menschen nicht erschossen. Es wäre wichtig, dass diejenigen, die etwas verbrochen haben, ihre Schuld bekennen. Dann besteht auch die Möglichkeit, ihnen zu vergeben. Letztlich sind es zwei große Schritte, die hier von beiden Seiten getan werden müssen.

Beinschuss.de: Trotz seiner enormen Popularität kennen auch viele deutsche Fußballexperten den Namen Trautmann nicht. Lag dies vielleicht auch an Sepp Herberger, der ja Legionäre grundsätzlich nicht in der Nationalelf berücksichtigte?

Rosenmüller: Mit Sicherheit. Er stand zwar auch hierzulande in den Zeitungen, aber im Vergleich zu anderen Themen, die den Deutschen einfach näher waren, geriet er doch eher in den Hintergrund. Es war ja auch nicht so wie heute, dass man in Deutschland Spiele aus der Premier League sehen konnte. Und im Vergleich zu den Schlagzeilen, die in England kursierten, war das bei uns gar nichts.

Trautmann - der neue Film von Marcus H. Rosenmüller.

"Du darfst dich nicht auf deinen Lorbeeren ausruhen"

Beinschuss.de: Wie kommst Du darauf?

Rosenmüller: Bei einem meiner Besuche in Manchester bekam ich einen Pressespiegel in die Hände. Darin waren sämtliche Zeitungsartikel über Trautmann erfasst. Das war wirklich phänomenal! Derartige Headlines habe ich noch nie über irgendeinen anderen Fußballer gelesen: „Trautmann rettet das Spiel“, „Trautmann the Hero“. Wir haben unsere Schlagzeilen für den Film gebaut, bevor ich dieses Buch in der Hand hatte. Damals hatte ich schon die Befürchtung, wir hätten ein wenig übertrieben. Aber das glatte Gegenteil war der Fall.

Beinschuss.de: Du hast ja schon oft historische Stoffe adaptiert: "Schwere Jungs", "Räuber Kneißl", "Die Perlmutterfarbe"… Hat Dir das Sicherheit gegeben bei diesem Projekt?

Rosenmüller: Selbstverständlich. Mit jedem Film, den man macht, kommt ein bisschen mehr Erfahrung dazu. Aber du darfst Dich auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen, sondern musst jedes Mal etwas Neues finden. Bei "Trautmann" waren es mit Sicherheit die Fußballspiele und der große VFX-Aufwand sowie das Inszenieren auf Englisch. Oder beim Casting in einer fremdem Sprache zu „erschmecken“, ob dieser Typ authentisch auf diese Rolle passt. Letzten Endes habe ich das ganz feine Nuancengespür dann doch entwickelt, aber nicht unbedingt aufgrund meiner Sprachkenntnisse, sagen wir es mal so (lacht).

Beinschuss.de: Bei der letzten Fußball-WM in Russland haben die Engländer nun leider im Halbfinale verloren. Hast Du ihnen die Daumen gedrückt?

Rosenmüller: Selbstverständlich. Aber bei den letzten Vier habe ich mir dann eh schon gedacht, dass es eine tolle Mannschaft, ein tolles Team trifft. Ich bin nämlich auch ein großer Frankreich-Fan, und Kroatien hätte mir als Newcomer auch gut gefallen. Wir haben zwar hauptsächlich mit Nordiren gearbeitet, aber eben auch mit vielen Engländern. Wenn man diese im Laufe eines halben Jahres immer besser kennenlernt, dann fühlt man sich ihnen verbunden. Und dann drückt man dem Team von der Insel auch die Daumen.

"Trautmann"-Trailer

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dg

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