Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Torhüter vom VfL Bochum: „Bin ein extremer Charakter“

Exklusiv-Interview: Mühldorfer Riemann über den Aufstieg und das Abenteuer Bundesliga

Wichtige Rettungstat: Manuel Riemann pariert in der 90. Minute gegen Holstein Kiels Benjamin Girth und sichert Bochum den 2:1-Erfolg.
+
Wichtige Rettungstat: Manuel Riemann pariert in der 90. Minute gegen Holstein Kiels Benjamin Girth und sichert Bochum den 2:1-Erfolg.

2007 hat Manuel Riemann für den SV Wacker Burghausen sein erstes Spiel im Profibereich bestritten. Damals war er noch Jugendspieler. Seitdem ist viel passiert. Der gebürtige Mühldorfer ist mittlerweile 32 Jahre alt und nun mit dem VfL Bochum erstmals in der Fußball-Bundesliga angekommen.

Ampfing/Bochum – Die Bilanz von Manuel Riemann liest sich richtig stark: In 236 Zweitliga-Spielen blieb er fast jede dritte Begegnung (74 gesamt) ohne Gegentor – und das, obwohl er als Schlussmann des SV Sandhausen, vom VfL Osnabrück und des VfL Bochum zumeist in der zweiten Hälfte der Tabelle agierte. In der 3. Liga behielt er in annähernd der Hälfte seiner 117 Spiele (51 gesamt) eine weiße Weste. In der Zweitliga-Meistersaison bestritt Riemann 30 Spiele für Bochum und hielt elf Mal seinen Kasten sauber, ehe ihn im Saisonfinale ein Mittelhandbruch außer Gefecht setzte.

Riemann: „Ich polarisiere“

Möglicherweise resultiert aus diesen guten Bilanzen sein Selbstbewusstsein. Riemann ist ein Torwart, der von seinen fußballerischen Qualitäten überzeugt ist und sich im Spiel auch weit aus seinem Kasten heraus wagt. Und er ist einer, der auch verbal kein Blatt vor dem Mund nimmt. „Ich polarisiere“, weiß der 32-Jährige, der beim TSV Ampfing, beim TSV 1860 Rosenheim und beim SV Wacker Burghausen in der Jugend gespielt hat.

Auch ohne Ausbildung in einem Nachwuchsleistungszentrum hat er seinen Weg gemacht. So, wie er ist – und nicht anders. „Ich weiß, wer ich bin und werde mich nicht verbiegen lassen“, betont Riemann im exklusiven Gespräch mit der OVB-Sportredaktion – ein Gespräch, das über das Torwartspiel auf dem Platz hinausgeht und von schwierigen Charakteren, kräftigen Emotionen und schmerzlichen Verlusten handelt.

Es ist zwar schon eine Weile her, aber wie wurde der Aufstieg denn gefeiert?

Manuel Riemann: Lang und wild.

In Bochum hat man die Rückkehr in die Bundesliga nach 13 Jahren Abstinenz ja herbeigesehnt!

Riemann: Auf jeden Fall. Ich bin damals schon mit dem Ziel nach Bochum gekommen, in die Bundesliga aufzusteigen. Das hat sechs Jahre gedauert und jetzt haben wir’s endlich geschafft. Jetzt geht es aber schon mit einem neuen Ziel weiter, um im nächsten Jahr dann wieder in der Bundesliga spielen zu dürfen. Das wird schwer genug. Aber das ist jetzt schon in meinem Kopf drin.

Was war entscheidend für den Aufstieg?

Riemann: Wir haben etwas geschafft, was uns niemand so zugetraut hat. Die Mannschaft und das Trainerteam, wir sind zu einem verschworenen Haufen geworden. Wir haben natürlich auch viel individuelle Qualität im Team, aber davor war es so, dass wir nie wirklich eine Mannschaft waren. ,Der Star ist die Mannschaft‘ war schon die Grundlage für das Ganze.

Herr der Lüfte gegen Paderborn: „Ich bin ja auch bei Flanken nicht schlecht“.

Ist die Mannschaft denn so schwierig, wie es heißt?

Riemann: Es ist einfach so, dass jeder in seinem Charakter so extrem ist. Das hat es so schwierig gemacht. Aber wir haben uns über die Erfolge, die sich über die Saison eingefunden haben, auch ein Stück weit gefunden. Und daraus haben wir – auch ich – gelernt, gewisse Charaktere zu akzeptieren. Das haben wir fantastisch hinbekommen!

Ohne freche Typen erreicht man auch nix!

Riemann: Das stimmt. Ich bin der Meinung, dass man nur mit Harmonie, mit nicht anecken und bloß niemandem auf die Füße treten auch nichts erreicht. Wir haben im Saisonverlauf extrem viel intern diskutiert. Dabei waren wir Tabellenführer, trotzdem hat es immer wieder Diskussionen im Mannschaftskreis gegeben. Diese waren aber immer sachlich und dem Erfolg untergeordnet. Mit ein paar Wochen Abstand muss ich sagen: Das war schon grandios!

Zu dieser Mannschaft gehört auch ein Torwart, der seine Vorderleute mal zusammenstaucht.

Riemann: Ich bin ja auch ein extremer Charakter. Aber gerade in dieser Saison hat man das auch hinbekommen, dass man nicht andauernd rumgenörgelt hat: Warum ändert der sich nicht? Man hat sich vielmehr gesagt: Der ist so, wie er ist – und das ist gut so für uns! Und so haben wir das auf vielen Positionen hinbekommen.

Auf der Suche nach Fotos von Ihnen haben wir so viele emotionale Bilder erwischt. Wie kommt das?

Riemann: Das ist doch ganz normal. Wenn Fußball ein Sport wäre, wo man seine Emotionen unterdrücken muss, dann wäre er nicht in so vielen Ländern Volkssport Nummer eins. Natürlich muss es immer respektvoll sein und darf nicht ausarten. Dass man aber mal diskutiert und unterschiedlicher Meinung ist, das braucht der Fußball. Und das braucht er auch wieder vermehrt, weil er ein ganz wichtiger Baustein in unserem sozialen Umfeld ist. Und auch die Öffentlichkeit muss es wieder schätzen, dass ein Spieler seine Meinung sagt, ohne dass man ihn danach niedermacht.

Emotion pur bei Manuel Riemann.

Wie schwer war es, die letzten Spiele von der Tribüne aus zu verfolgen?

Riemann: Da rede ich ungern darüber, das tut immer noch brutal weh. Das war mit das Schlimmste, was mir in meiner fußballerischen Laufbahn passiert ist.

Sie haben die Mannschaft aber weiterhin lautstark unterstützt.

Riemann: Wenn du ein wichtiger Spieler in der Mannschaft bist und nicht spielst, dann kannst du doch nicht sagen, dass mir jetzt alles wurscht ist! Gerade im letzten Spiel hat man mich deutlich gehört und ich glaube, dass es auch wichtig für die Mannschaft war.

Vom familiären Burghausen über Osnabrück und das beschauliche Sandhausen nach Bochum mit seiner Fußballtradition. Was macht die Stadt aus?

Riemann: Es war bei allen Vereinen sehr familiär, da ist man auch in Bochum nicht weit davon entfernt. Bochum ist halt viel größer als alle vorherigen Stationen, vor allem wenn man die Infrastruktur im Verein sieht. In Sandhausen hatten wir einen Trainingsplatz, im Winter mit wenig Rasen, sondern viel Erde und Sand. In Bochum haben wir drei Trainingsplätze, einen mit Rasenheizung, jeden Tag perfekt gewässert, der Ball flutscht. Jetzt müssen wir schauen, dass wir nachhaltig etwas schaffen.

Ist der Grönemeyer-Song nach sechs Jahren Bochum schon auswendig drin?

Riemann: Der war schon drin, bevor ich in Bochum gespielt habe! Ich mag Herbert Grönemeyer und höre seine Musik gerne. Meistens bin ich in der Kabine, wenn der Song angespielt wird und ich bekomme dann nur noch die letzten Züge mit. Aber wenn du dann rauskommst und den Song hörst, dann hat das schon Flair und ist etwas Besonderes.

Der Song ist aus den 80ern. Stimmt das noch, was darin beschrieben wird?

Riemann: Der Song hat den Verein jahrelang begleitet und es ist doch schön, wenn man ins Stadion geht und dann dieses Lied hört. Da kriege ich immer noch Gänsehaut. Ob das dann so stimmt, wenn es heißt „Macht mit nem Doppelpass jeden Gegner nass“? Wir haben auch Heimspiele verloren oder sind auch mal daheim vorgeführt worden. Aber darum geht es ja gar nicht, sondern, dass man etwas mit dem Verein verbindet. Und dieses Lied verbindet jeder mit dem VfL Bochum, auch wenn nur eine kleine Textpassage davon handelt.

Denken Sie oft an die Jugendzeit zurück?

Riemann: Ja klar. Das ist ein Teil meiner Geschichte. Und ich wäre heute nicht da, wo ich jetzt bin, wenn ich nicht in Ampfing oder Rosenheim gespielt hätte. Ich habe mit einigen Mitspielern von früher noch wirklich guten Kontakt. Und ich habe auch nicht vergessen, wo ich herkomme. Ich habe zwar meinen Lebensmittelpunkt woanders, fahre aber immer gerne nach Hause, weil meine Oma, meine Mutter und die Geschwister alle noch dort wohnen. Mein Bruder spielt ja mittlerweile wieder in Ampfing, die Ergebnisse von Rosenheim in der Regionalliga schaue ich auch immer nach.

Ihr Opa Hans Humpa war selbst Bundesliga-Spieler bei 1860 München und ihr großer fußballerischer Wegbegleiter. Er ist im März verstorben und kann nicht mehr miterleben, wie Sie ihm in die Bundesliga folgen...

Riemann: Er hat mich fußballerisch zu dem gemacht, was ich bin. Ohne ihn wäre ich nicht so weit gekommen. Den Ehrgeiz, das Maximum zu denken, zu glauben und dafür zu arbeiten, das habe ich von ihm. Er hat mir immer gesagt, dass ich in die Bundesliga gehöre und er mich dort sehen möchte. Und kurz vorher ist er leider von uns gegangen. Andererseits kann er jetzt von oben alles sehen. Mit diesem Gefühl muss ich umgehen. Meinem Vater konnte ich das ja auch nicht zeigen, er ist gestorben, als ich zwölf war. Jeder hat seinen Rucksack zu tragen, bei einem ist er stärker, beim anderen ein bisschen leichter.

Einen Tag nach seinem Tod standen Sie beim Spiel gegen Düsseldorf im Tor und verletzten sich nach vier Minuten. Sie gingen aber partout nicht vom Feld!

Riemann: Ich habe viele Spiele in meiner Karriere mit Schmerzen gespielt, aber das war schon das Spiel mit den größten Schmerzen. Vom Gefühl her wurde das Sprunggelenk von Minute zu Minute dicker. Es ist gut ausgegangen, das war mir an diesem Tag aber auch klar. Ich habe da schon ein gutes Gefühl für meinen Körper, wann ich rausgehen muss und wann nicht. In diesem Spiel hatte ich das Gefühl, ich muss es so machen.

Bittere Tränen: Manuel Riemann in Düsseldorf, einen Tag nach dem Tod von Opa Hans

Als im überregionalen Sportteil der Heimatzeitung mal ein Bericht über die fußballerische Klasse von Manuel Neuer erschienen ist, hat Ihr Opa damals bei uns in der Redaktion angerufen, dass es da auch noch einen anderen Manuel gebe, der das Torwartspiel so interpretiert...

Riemann: Ich weiß, ich kenne die Geschichte. Er war halt immer maximal überzeugt von mir – und das hat er mir auch so mitgegeben. Weil ich mein Torwartspiel auch anders interpretiere als andere Torhüter, ist es schon so, dass ich dieses Selbstbewusstsein auch brauche. Wenn ich nicht die Überzeugung hätte, dass ich gut bin, dann würde auch die Art, so wie ich spiele, nicht funktionieren. Aber wenn du über so einen Zeitraum so viele Spiele auf relativ hohem Niveau machst, dann bin ich bislang schon ganz gut bewertet worden.

Wie haben Sie sich diese Spielweise antrainiert?

Riemann: Bis zur B-Jugend habe ich oft im Feld trainiert und war grundsätzlich immer gerne Feldspieler, ich bin halt nur nicht so gerne gelaufen. In Rosenheim habe ich in der C-Jugend im Tor gespielt und wir sind damals Meister geworden. Gleichzeitig habe ich die B-Jugend vorm Abstieg rausgeschossen. Gegen Bad Reichenhall haben wir mit 7:1 gewonnen und ich habe vier Tore gemacht. Es kommt mir auch heute noch zugute, dass ich ein Spiel lesen kann, relativ gute lange Bälle schlage und sehe, wo sich ein Raum auftut. Diese Spielweise hat auch mein Opa gefördert; er selbst hatte ja mit Petar Radenkovic auch einen Torwart, der gut spielen konnte. Ich bin ja jetzt auch auf der Linie oder bei Flanken nicht schlecht, aber viel mache ich durch meine Interpretation, wo der Ball hinkommen könnte, oder durch Intuition, wie ich das Spiel verstehe. Dass ich in der Jugend lange im Feld gespielt habe, war da nicht von Nachteil.

Gab es Torhüter, an denen Sie sich orientiert haben oder das immer noch tun?

Riemann: Grundsätzlich gibt es heute viele unterschiedliche Torhüter, jeder interpretiert sein Spiel anders, auch jeder Trainer erwartet von seinem Torhüter ein anderes Spiel. Mit Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen haben wir in Deutschland schon mit das Beste, was es gibt, international gehört sicherlich auch ein Jan Oblak mit dazu. Es gibt schon Torhüter, von denen man sich das ein oder andere abschauen kann. Aber ich bin ja ein ganz anderer Torwarttyp als Manuel Neuer, alleine schon von der Größe her. Er hat dafür die perfekte Koordination und es ist unglaublich, was er in den letzten Jahren geleistet hat. Für mich ist das aber unmöglich zu trainieren, weil ich keine 1,93 Meter bin. Meiner Spielweise kommt eher ter Stegen nahe. Wie Neuer aber sein Spiel interpretiert, mit dem hoch stehen, das kommt mir schon nahe. Als unterklassiger Torhüter wirst du aber nicht so wahrgenommen wie der Welttorhüter. Ich habe das Spiel halt auf einem anderen Niveau so gespielt.

Müssen Sie Ihre Spielweise nach dem Aufstieg ändern? Ihr Trainer Thomas Reis hat da was angedeutet...

Riemann: Wenn der Trainer das haben will, dann bin ich gefordert, das umzusetzen. Er ist derjenige, der entscheidet, wie wir spielen wollen. In Sandhausen haben wir auch einen anderen Fußball gespielt, da waren die tiefen langen Bälle auch nicht so gefragt, weil der Spielaufbau ein anderer war als jetzt in Bochum. Es ist einfacher, wenn du Fußball spielst und die Mannschaft dann mal einen langen Ball braucht, als umgekehrt, wenn du nur lange Bälle gespielt hast und dann verlangt wird, dass du von hinten heraus Fußball zelebrieren sollst. Also ist es für mich einfacher als für einen Torhüter, der ansonsten nur den Ball nach vorne prügelt. Dem kannst du das Fußballspielen nicht mehr lernen.

Habe sie sich die Elferschützen der Bundesliga schon angeschaut?

Riemann: Nein.

Sie halten in der 2. Bundesliga eine Bestmarke bezüglich gehaltener Elfmeter. Was ist ihr Geheimnis?

Riemann: Das kann ich jetzt nicht verraten, dann wär’s kein Geheimnis mehr. Aber es gibt gar kein großartiges Geheimnis, sondern eher ein Bauchgefühl. Du schaust auf den Spieler, schaust dessen Körperhaltung. Und dann gehört auch Glück dazu.

Elfmeterkiller: Manuel Riemann hat in der 2. Bundesliga eine neue Bestmarke aufgestellt.

Warum ist ein Lewandowski-Elfer so schwer zu halten?

Riemann: Er hat so viele Elfmeter in Folge reingemacht, mit jedem Tor bekommt er mehr Selbstvertrauen. Und mit viel Selbstvertrauen machst du die Dinger auch wesentlich einfacher als ohne. Das ist wie damals bei Thomas Müller. Der hat, glaube ich, 14 Dinger reingemacht, dann hat er einen verschossen und gleich danach noch drei oder vier. Das ist auch bei mir so. Wir schießen nach dem Training immer wieder Elfmeter. Und da gibt es Wochen, da halte ich im Training keinen einzigen. Und dann merkst du, dass das Selbstvertrauen schwindet und du springst einfach in die falsche Ecke, obwohl du genau weißt, wo der Spieler hinschießt. Und dann fängst du irgendwie wieder einen – und alles dreht sich. Ganz ehrlich: Ich will das mit den Elfmetern gar nicht so hoch hängen, weil das für den Torwart Glückssache ist.

Wie ist ihr Selbstvertrauen nach den vielen gehaltenen Elfmetern?

Riemann: Das habe ich ja vorher schon mal gesagt: Mein Selbstvertrauen wird nicht weniger!

Nun kommt Ihre erste Saison in der 1. Bundesliga. Welche Erwartungen haben Sie?

Riemann: Ich habe eine unglaubliche Vorfreude. Die ganzen Jahre hat man immer am Samstag um 15.30 Uhr geschaut – und jetzt spielt man da selbst! Ich freue mich ganz einfach auf die Herausforderung und das Erlebnis. Am meisten freue ich mich auf die Präsenz in Deutschland. Du spielst halt jetzt einfach gegen die Besten!

tn

Kommentare