BFV-Präsident nimm Entschuldigung nicht an

„Sind entsetzt“: BFV äußert sich zu Keller-Aussagen und stellt sich hinter Koch

DFB-Präsident Fritz Keller und der 1. DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch wenden sich in einem gemeinsamen offenen Brief an die knapp 24.500 Fußballvereine in Deutschland.
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DFB-Präsident Fritz Keller und der 1. DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch wenden sich in einem gemeinsamen offenen Brief an die knapp 24.500 Fußballvereine in Deutschland.

Ekalt beim DFB! Verbands-Präsident Fritz Keller soll seinen Vizepräsidenten Rainer Koch laut mehreren Medienberichten mit Nazi-Richter Roland Freisler verglichen haben.

Update, 14.30 Uhr: Pressemitteilung BFV

Das Präsidium des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV), das an diesem Dienstag in einer kurzfristig einberufenen Videokonferenz ohne BFV-Präsident Rainer Koch zusammengekommen ist, verurteilt die Entgleisung von DFB-Präsident Fritz Keller entschieden. Die Mitglieder des BFV-Präsidiums sind entsetzt über die von Fritz Keller ausgelöste neuerliche Eskalation innerhalb des DFB und seiner Regional- sowie Landesverbände.

Fritz Keller ist auch mit der Unterstützung aller Delegierten des Bayerischen Fußball-Verbandes beim vergangenen Bundestag als DFB-Präsident angetreten, um den Verband als „Aufklärer“ und unbefangen in ruhigere Fahrwasser zu führen – vor allem auch zum Wohle des Amateurfußballs. Mit einem derartigen Verhalten, das jedwede Grenzen überschreitet und nicht zu tolerieren ist, wird er seinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht, im Gegenteil: Fritz Keller disqualifiziert sich, er vertieft so weiter die Gräben und betreibt Polarisierung.

Mit der nicht zu tolerierenden Äußerung gegenüber dem ersten Vertreter des bayerischen Amateurfußballs trägt Fritz Keller die alleinige Verantwortung für das Verlassen der sachlich-konstruktiven Ebene in der seit Anbeginn seiner Präsidentschaft vorherrschenden Auseinandersetzung innerhalb des DFB. Das BFV-Präsidium sagt Rainer Koch in dieser für ihn extrem schwierigen Situation die volle Unterstützung zu.

Update, 13 Uhr:

Die verbale Entgleisung von DFB-Präsident Fritz Keller hat im deutschen Sport Entsetzen ausgelöst - von einem Rücktritt will der Spitzenfunktionär bislang aber nichts wissen. „Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich werde die Aufräumarbeiten, für die ich zum DFB geholt und mit 100 Prozent der Stimmen auf dem Bundestag gewählt wurde, zu Ende führen“, sagte der 64 Jahre alte Freiburger der Bild-Zeitung.

Keller hatte seinen Vizepräsidenten Koch bei einer Präsidiumssitzung am vergangenen Freitag nach übereinstimmenden Berichten von bild.de und Der Spiegel mit Nazi-Richter Roland Freisler verglichen. Der Deutsche Fußball-Bund äußerte sich nicht zu Einzelheiten, bestätigte aber die Entschuldigung Kellers. Entgegen den Aussagen des Verbandschefs hat Koch die Entschuldigung bisher jedoch nicht angenommen.

Während sich die Deutsche Fußball Liga (DFL) als Dachorganisation der 36 Proficlubs am Dienstag zunächst nicht äußerte, reagierte das Präsidium des Süddeutschen Fußball-Verbandes (SFV) „mit Entsetzen und völligem Unverständnis“ auf die Wortwahl Kellers. „Dies ist eine Äußerung, die völlig inakzeptabel ist (...)„, heißt es in einem Schreiben, dass auch von DFB-Vizepräsident Ronny Zimmermann unterschrieben ist. Gerade als langjähriger Richter am Oberlandesgericht München sei es völlig abwegig, Koch „auch nur ansatzweise in die Nähe des höchsten Repräsentanten der unsäglichen und menschen-verachtenden Willkürjustiz des Dritten Reiches zu rücken“.

Auch bei der Vorsitzenden des Sport-Ausschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag, stieß das Verhalten Kellers auf völliges Unverständnis. „Unabhängig davon, dass ich den Kontext nicht kenne, in dem die wohl unbestrittene Äußerung von DFB-Präsident Keller gefallen ist: Vergleiche mit einem der furchtbarsten Richter der Nazi-Zeit sind nicht entschuldbar“, sagte die SPD-Politikerin.

Vorbericht

Der Deutsche Fußball-Bund muss mitten in seiner Führungskrise auch noch eine Entgleisung seines Präsidenten Fritz Keller verteidigen. Der 64 Jahre alte Freiburger hat bei einer Präsidiumssitzung nach Berichten von bild.de und spiegel.de seinen DFB-Vizepräsident Rainer Koch mit Nazi-Richter Roland Freisler verglichen. Der Deutsche Fußball-Bund äußerte sich nicht zu Einzelheiten, bestätigte aber eine Entschuldigung Kellers.

Koch will mit Keller ein persönliches Gespräch führen

Koch will nun mit dem Verbandschef ein Gespräch führen und hat eine Entschuldigung noch nicht angenommen. Koch äußere sich nicht zum gesamten Vorgang, er könne nur bestätigen, dass Keller ihn schriftlich um Entschuldigung gebeten habe, hieß es am Dienstag auf dpa-Anfrage vom Bayerischen Fußball-Verband (BFV). „Rainer Koch hat die Entschuldigung bislang nicht angenommen, weil er den gesamten Vorgang mit zeitlichem Abstand zunächst in einem persönlichen Gespräch mit Fritz Keller aufarbeiten möchte.“

Keller: „Ich bedauere dies sehr und werde meine Worte künftig weiser wählen“

„Manchmal fallen in Kontroversen Worte, die nicht fallen sollen und nicht fallen dürfen. Dafür habe ich mich in aller Form persönlich im Gespräch wie auch schriftlich bei Rainer Koch entschuldigt“, wurde Keller zitiert. „Er hat die Größe, die Entschuldigung anzunehmen, wofür ich ihm dankbar bin. Insbesondere auch im Hinblick auf die Opfer des Nationalsozialismus war der Vergleich gänzlich unangebracht. Ich bedauere dies sehr und werde meine Worte künftig weiser wählen.“

Der 1945 gestorbene Freisler war als Teilnehmer an der Wannseekonferenz einer der Verantwortlichen für die Organisation des Holocaust und später Präsident des berüchtigten Volksgerichtshofes, wo er etwa 2600 Todesurteile verhängte. Darunter auch gegen die Widerstandsgruppe „Weiße Rose“.

Die DFB-Verbandsspitze gilt schon länger als zerstritten

Der langjährige DFB-Vize und zeitweilige Interims-Verbandschef Koch ist Strafrichter am Oberlandesgericht München. Der Vorfall soll sich bei der Präsidiumssitzung am vergangenen Freitag zugetragen haben. Nach Spiegel-Angaben hat DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius danach eine Anzeige bei der Ethikkommission des Verbandes erstattet. Der DFB wollte sich dazu nicht äußern.

Die Verbandsspitze gilt schon länger als zerstritten. Seit Monaten stehen sich die Lager um Keller auf der einen Seite und Curtius auf der anderen nahezu unversöhnlich gegenüber. Dies führte an der Basis zu großem Unmut, den zahlreiche Vertreter der Landes- und Regionalverbände vor der Sitzung in einem Protestbrief artikuliert haben.

Nach Informationen des Kicker, der schon vor Tagen aus dem Schreiben zitierte, heißt es darin unter anderem, dass „die Handlungsfähigkeit in der Führungsspitze des DFB nicht mehr gegeben“ sei und der Zustand des DFB als „desolat»´“ ansieht. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung soll es in der Frankfurter Verbandszentrale sogar Überlegungen geben, bereits im Spätsommer dieses Jahres einen Bundestag mit Neuwahlen einzuberufen. Wahlen stehen eigentlich erst 2022 an.

Keller ist seit September 2019 Chef des größten Einzel- Sportfachverbandes und hat im März erklärt, auch für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Der frühere Präsident des Bundesligisten SC Freiburg versprach nach seinem Amtsantritt unter anderem, den immer noch nicht restlos aufgearbeitete Skandal um die Heim-WM 2006 aufzuklären.

dpa

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