Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Altenmarkter gibt Ehrenamt auf

Massenschlägerei & Mobbing – Die spektakulärsten Fälle von Sportrichter Bierschneider in 16 Jahren

Stephan Bierschneider
+
Stephan Bierschneider

Sportrichter Stephan Bierschneider entschied 16 Jahre über die Folgen von Platzverweisen, Spielabsagen oder gefälschten Spielerpässen. Jetzt hört der 55-jährige Altenmarkter Bürgermeister auf und erzählt über seine spektakulärsten Fälle.

Altenmarkt – 16 Jahre stand sein Name für das Sportgericht. „Da geh‘ ma zum Bierschneider“ oder „Da frag‘ i an Bierschneider“ bedeutete eine Anzeige beim Vorsitzenden des Trios, das im Fußball-Kreis Inn/Salzach über die Folgen von Platzverweisen, Spielabsagen oder gefälschten Spielerpässen entscheidet.

Zur neuen Saison hat der 55-jährige Stephan Bierschneider sein Ehrenamt aufgegeben. Für die OVB Heimatzeitungen blickt der Bürgermeister von Altenmarkt an der Alz zurück – und auf die Zukunft des Fußballs.

Bierschneider: „Für mich war die Zeit reif“

Ein historisches Foto: Stephans Bierschneider als junger Schiedsrichter.

Bierschneider sitzt an seinem letzten Tag als Sportrichter auf seiner Terrasse, von der man auf das Raubritter-Schloss Stein an der Traun blickt, und ist mit sich im Reinen: „Für mich war die Zeit reif, ich habe schließlich mit 16 Jahren als Schiedsrichter angefangen.“ Dass Bierschneider in Nürnberg aufgewachsen ist, hört man kaum noch. Als Schiri leitete er für den TV Jahn 1863 Spiele bis zur Bezirksoberliga, als Linienrichter war er bis zur Bayernliga aktiv. Als es ihn der Liebe wegen 1991 nach Altenmarkt verschlug, bildete er in der Schiedsrichter-Gruppe Ruperti junge Schiedsrichter aus.

Die Kühlbox – „ein probates Mittel“

2004 wechselte er ins Sportgericht. „Ich scheide nicht im Zorn. Jetzt sagen die Leute noch: Schade, dass Du gehst“, sagt er. Eine Karriere im Verband habe ihn nie gereizt. „Ich fühle mich auf der lokalen Ebene zuhause.“ Und mit Johann Sickinger, einem Weggefährten aus dem Landratsamt in Traunstein und langjährigen Beisitzer, habe er einen guten Nachfolger.

Seit Bierschneider 2006 die Nachfolge von Ludwig Weindl (Tacherting) antrat, hat sich viel verändert im heimischen Fußball. Einiges hält er auch sich und seinen Sportrichter-Kollegen zugute: „Die Schiedsrichterbeleidigungen haben wir sehr eingedämmt, weil wir hart dagegen vorgehen.“ Die Roten Karten sind unter den gut 500 Fällen, die das Sportgericht jede Saison verhandelt, inzwischen sogar in der Minderzahl.

Zeit zum Nachdenken

Die Zahl der Platzverweise werde mit der Wiedereinführung der Zeitstrafe noch weiter zurückgehen, ist sich Bierschneider sicher. „Es war immer ein probates Mittel, jemanden für zehn Minuten zum Abkühlen auf die Bank zu schicken. Das gibt Zeit zum Nachdenken: für Spieler, Trainer – und Schiedsrichter.“

Was zugenommen hat, sind Verfahren, die mit dem sportlichen Geschehen auf dem Platz wenig zu tun haben. Fälle wegen falsch eingesetzter Spieler etwa, die eine Spielwertung nach sich ziehen, hat Bierschneider eher unwillig verhandelt. „Mir widerstrebt es, wenn man den Gegner sehenden Auges ins Verderben rennen lässt. Statt ihn rechtzeitig auf den Fehler hinzuweisen, geht sofort nach dem Abpfiff die Anzeige raus – das hat mit Fairplay nichts zu tun.“

Video aus Prutting ging viral

Stephan Bierscheiders aufwendigster Fall machte bundesweit Schlagzeilen, weil das Amateur-Video von einer Massenschlägerei nach dem A-Klassen-Duell zwischen Prutting und Türkspor Rosenheim im Internet landete. „Und wir mussten herausfinden, wer Haupttäter war und wer nur mitgelaufen ist“, erinnert sich der Sportrichter.

Schiri bewusstlos geprügelt

2008, zwei Jahre nach dem Start als Sportrichter, wurde er zum Bürgermeister gewählt. „Da habe ich schon überlegt, ob ich weitermachen soll“, erinnert er sich. „Aber ich wollte noch etwas anderes machen als Kommunalpolitik.“ Das eine ließ sich vom anderen gut trennen. Dass ein Bürgermeister-Kollege versuchte, auf das Sportgericht zugunsten „seines Vereins“ Einfluss zu nehmen, sei in all den Jahren nur zweimal passiert. Ohne Aussicht auf Erfolg natürlich.

Die spektakulären, „schweren Fälle“ in seiner Amtszeit kann Bierschneider an zwei Händen abzählen. „Es passiert selten etwas bei uns – aber wenn, dann ist es wirklich krass.“

Den Fall eines in Rosenheim auf dem Spielfeld bewusstlos geprügelten und schwer verletzten Schiedsrichters zog dagegen das Verbandssportgericht 2012 schnell an sich, weil klar war, dass die zweijährige Sperre, die Bierschneider und seine Kollegen hätten verhängen können, nicht ausreichen würde.

Fußball-Rechtsgeschichte schrieb das Trio, als ein Unparteiischer nach einer umstrittenen Entscheidung in einem Relegationsspiel in Leobendorf über Wochen im Internet massiv angegriffen und beleidigt wurde. War dafür noch das Sportgericht zuständig? Ja, fanden Bierschneider und seine Kollegen und zogen den pöbelnden Spieler für sechs Spiele aus dem Verkehr.

„Keiner hatte die Punkte verdient“

Ein bisschen stolz ist Bierschneider darauf, dass sein wohl salomonischstes Urteil in allen Instanzen Bestand hatte. Im Kreisklassen-Spitzenspiel zwischen FC Perach und SV Mehring waren die Gäste nach einer heftigen Zuschauerattacke gegen einen ihrer Spieler aus Protest vom Feld gegangen. Das hätten sie nicht gedurft, urteilte das Sportgericht nach den Statuten und wertete das Spiel für Perach – zog aber auch den Gastgebern drei Punkte ab. „Wegen Versäumnissen bei der Platzdisziplin“ ab, weil ihre Ordner den Tumult nicht verhindert hatten. „Da hatte es keiner verdient, die drei Punkte zu bekommen“, sagt Bierschneider fast vier Jahre später. „Was ich mir bei der mündlichen Verhandlung da anhören musste, hat mich sehr geärgert.“

Das hat ihn immer am meisten gewurmt: wenn er wusste oder ahnte, dass er belogen werde, aber den Gegenbeweis nicht antreten konnte. „Wir haben halt keine kriminalpolizeilichen Befugnisse.“ Mündliche Verhandlungen waren deshalb selten bei Sportrichter Bierschneider: „Meistens bringt das nichts. Es fehlt an neutralen Zeugen.“

Appell: Einander nicht ausspielen

So tagte das Sportgericht meistens unter sich, entweder im Altenmarkter Rathaus oder zu Hause bei Bierschneiders. Ein bis zwei Stunden dauert es, bis die wöchentlich 20 bis 25 Fälle abgeurteilt sind. „Einer von uns macht einen Strafvorschlag, und dann redet man darüber.“ Meistens müssen sich die Sportrichter dabei auf den Bericht des Schiedsrichters verlassen – zu Bierschneiders Leidwesen. „Zu einer Roten Karte gibt maximal jeder fünfte Verein eine Stellungnahme per E-Mail ab. Aber das kann sich schon rentieren, wir berücksichtigen das.“

Straf-Bonus für Ehrlichkeit

Für Ehrlichkeit habe es bei oft ihm einen Straf-Bonus gegeben: „Wenn Vereine geschrieben haben, dass der Schiedsrichter Recht hatte, das hat mich immer gefreut. Das hätte ruhig öfter vorkommen können.“

Mehr Fairness, das würde sich Stephan Bierschneider für den Fußball wünschen: „Mehr Solidarität unter den Vereinen, sich nicht gegenseitig in die Pfanne hauen und einander ausspielen.“ Die 16 Jahre im Sportgericht haben ihn aber desillusioniert: „Das wird wohl ein frommer Wunsch bleiben.“

Autor Alexander Hübner hat das Sportgericht 15 Jahre lang als Journalist beobachtet. Seit einem Jahr steht er als Gruppenspielleiter in engerem Kontakt mit dem Kreissportgericht.

Kommentare