Traunsteinerin: „Ich wurde sexuell belästigt!“

Dilan Aggül erhebt schwere Vorwürfe gegen ihren Ex-Verein FSV Gütersloh

Dilan Aggül spricht über die wahren Hintergründe ihrer Rückkehr nach Traunstein.
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Dilan Aggül spricht über die wahren Hintergründe ihrer Rückkehr nach Traunstein.

Traunstein - Dilan Aggül war im Profi-Fußball angekommen und hatte ihren großen Traum eigentlich verwirklicht. Ihre Karriere nahm gerade so richtig Fahrt auf. Dann aber kam es zu einem Vorfall, der sie völlig aus der Bahn warf. Bei beinschuss.de spricht sie erstmals über ihre traumatischen Erlebnisse.

Seit diesem Sommer ist Dilan Aggül zurück in ihrer Heimat Traunstein und spielt wieder für ihren Jugendverein DJK. Bis 2018 spielte sie noch beim SV Saaldorf, ehe sie zu Bayer 04 Leverkusen wechselte. Da der Sprung in die 1. Mannschaft, die in der Frauen-Bundesliga spielt, zu groß war und sie mehr Spielpraxis sammeln wollte, ging es im Winter 2019 in die 2. Frauen-Bundesliga zum FSV Gütersloh. Damit hatte sie ihr Ziel und alles, was sie sich vorgenommen hatte, erreicht - zudem lief sie drei Mal für die türkische Nationalmannschaft auf.

Dilan Aggül: „Das hat mich komplett aus der Bahn geworfen“

Seit ihrer Rückkehr nach Traunstein wird sie immer wieder auf den Wechsel angesprochen. “Die Leute fragen dann immer, ob ich es nicht gepackt habe”, erzählt Aggül im Gespräch mit beinschuss.de. Doch mit sportlichen Aspekten hatte der Wechsel zurück nach Traunstein nichts zu tun. Die 22-Jährige spricht zum ersten Mal über die wahren Hintergründe ihrer Rückkehr und erhebt gegen ihren Ex-Verein Gütersloh schwere Vorwürfe.

Alles begann im Oktober 2019. Aggül übernachtete bei einer Freundin, deren Freund ein vom Verein engagierter Fotograf in Gütersloh ist. “Er machte immer Fotos von unseren Spielen oder auch im Training”, sagt die 22-Jährige. Sie schlief auf der Couch als sie plötzlich aufwachte und besagter Mann, dessen Namen sie nicht sagen will, sie sexuell belästigte

Dilan Aggül im Trikot von Bayer 04 Leverkusen.

Einen Tag nach dem Vorfall stand Aggül zum zweiten Mal in der Startelf beim FSV Gütersloh. “Ich konnte nur 45 Minuten spielen. Als er plötzlich am Spielfeldrand auftauchte, hat mich das komplett aus der Bahn geworfen. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren”, erzählt die Mittelfeldspielerin. Es sollte ihr letztes Spiel für den FSV gewesen sein.

Aggül: „Ich habe versucht, es selber in den Griff zu bekommen“

Zunächst schwieg die gebürtige Traunsteinerin und erzählte niemandem etwas über den Vorfall. “Ich habe versucht, es selber in den Griff zu bekommen”, erzählt Aggül. “Doch ich bin immer wieder im Training zusammengebrochen und habe geweint.” Zwei Tage nach dem Übergriff wendete sie sich an die Freundin, bei der sie übernachtet hatte. Diese spielte den Vorfall aber herunter. “Sie fiel mir damit in den Rücken und damit auch als Freundin weg”, sagt Aggül. 

Weil sie sich nicht mehr auf den Fußball konzentriere konnte - der Fotograf war oft bei den Spielen oder im Training vor Ort - litt ihre Leistung auf dem Platz und ihr fehlte die Konstanz. Deshalb kam sie in den folgenden Wochen beim FSV Gütersloh nicht mehr zum Zug.

Die Traunsteiner machte den Vorfall im Verein öffentlich

Die dreimalige türkische Nationalspielerin entschloss sich während der Corona-Unterbrechung, den sexuellen Übergriff innerhalb ihres damaligen Vereins öffentlich zu machen. “Ich bin auf unsere Co-Trainerin zugegangen und habe ihr alles erzählt”, schildert Aggül den damaligen Schritt. “Danach habe ich auch mit dem Vorstand des Vereins gesprochen und sie versicherten mir, dass sie hinter mir stehen.”

Zu diesem Zeitpunkt stand bereits im Raum, dass der Mann, der sie belästigt hatte, als fester Mannschafts-Fotograf angestellt werden könnte. Aggül: “Ich habe da schon gewusst, dass wenn er diesen Job bekommt, ich hier nicht mehr spielen kann. Nach den Gesprächen dachte ich aber, dass der Klub sich für mich einsetzt. ”Unterdessen war Sie auch bei einem Anwalt, der ihr aber davon von rechtlichen Schritten abriet. “Ich hatte keine Beweise”, so Aggül. 

Aggül: „Sie sagten mir, dass sie keine kleinen Probleme gebrauchen könnten”

Doch es kam anders. Die Verantwortlichen des FSV teilten ihr mit, dass der Fotograf zum ersten Spiel gegen Wolfsburg kommen werde. “Sie sagten mir, dass sie keine kleinen Probleme gebrauchen könnten”, erzählt die 22-Jährige. Sie suchte anschließend das Gespräch mit dem Trainer und informierte ihn, dass sie gehen werde. Dieser hielt sie auf und versprach ihr seine Unterstützung. “Er war die erste Person, die sich wirklich für mich eingesetzt hat”, erzählt Aggül. Daraufhin wurde entschieden, dass der Fotograf nicht zum Spiel gegen Wolfsburg erscheinen werde. “Aufgrund der Unterstützung habe ich dann für die nächste Saison einen Vertrag unterschrieben.”

Aggül: „Jetzt fange ich wieder bei Null an”

Doch während der Sommerpause, die sie in ihrer Heimat Traunstein verbrachte, teilte ihr der Verein mit, dass er Aggül nicht versprechen könne, den Fotograf nicht fest einzustellen. ”Ich kann verstehen, dass sie ihn nicht bei jedem Spiel ausladen können”, sagt Aggül. “Aber dass sie sich bewusst für ihn entscheiden, damit konnte ich mich nicht abfinden.” Also entschloss sich die Mittelfeldspielerin im Sommer, ihren Vertrag aufzulösen und Gütersloh zu verlassen.

Dilan Aggül spiele bereits dreimal in der türkischen Nationalmannschaft.

Der Vorfall vom Oktober 2019 hat die Karriere von Aggül zurückgeworfen. “Alles was ich mir aufgebaut habe und alle meine Träume, sind durch den Vorfall zerstört worden. Jetzt fange ich wieder bei Null an”, sagt die Traunsteinerin. “Ich habe die Lust am Fußball verloren. Ich brauche jetzt eine Pause für den Kopf und muss mir neue Ziele setzen. Ich muss jetzt erst einmal an mir selber arbeiten. Ich will wieder glücklich werden, erst dann ist wieder an Fußball zu denken. Wenn mir das Spielen wieder Spaß macht, dann geht es mir gut.”

Nach den Vorwürfen von Aggül hat beinschuss.de den FSV Gütersloh kontaktiert und um eine Stellungnahme gebeten - hier die Stellungnahme im Wortlaut:

Das Statement des FSV Gütersloh im Wortlaut:

„Der FSV Gütersloh 2009 e.V. ist ein Mädchen- und Frauensportverein, der ausschließlich im Fußballsport tätig ist. Insbesondere im Leistungs- und Jugend(förderungs)bereich.

Als Frauensportverein kennen wir die täglichen Herausforderungen, die mit der Anerkennung der Leistungen unserer Sportlerinnen verbunden sind. Wir lehnen Gewaltausübung in jeglicher Art und Weise gegenüber Menschen wie z.B. aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer persönlichen Orientierung etc. aus tiefster Überzeugung ab. Dieses gehört zu unseren Grundsätzen. Auf das Schärfste verurteilen wir insbesondere jegliche Form sexueller Gewaltanwendung!

Der von Dilan Aggül angeführte Vorfall soll sich im Oktober 2019 bei einem privaten Treffen von 3 - 4 Personen aus dem persönlichen Umfeld der Spielerin ereignet haben. Dieses Treffen hat, nach Angabe von Dilan Aggül, u.a. in einer Privatwohnung stattgefunden.

Dilan Aggül hat den Vorstand Ende Mai 2020 über den Vorfall informiert. Für uns als Verein war jederzeit klar, dass Dilian Aggül auf die uneingeschränkte Unterstützung des Vereins / der Vereinsführung zählen kann, wenn sie die entsprechenden rechtlichen Schritte unternimmt. Wir können nicht beurteilen, was sie in dieser Hinsicht unternommen hat.

Bei dem sogenannten „Vereinsfotografen“ handelt es sich um den Lebenspartner einer Spielerin des FSV Gütersloh. Der Lebenspartner der Spielerin war und ist nie Vereinsmitglied gewesen. Er war und ist auch nie Funktionsträger im Verein oder in einer vergleichbaren offiziellen Tätigkeit für den Verein aktiv gewesen. 

Den Wechsel zurück nach Traunstein hat Dilan Aggül uns gegenüber ausdrücklich mit dem Thema Studium begründet.“

Auf Nachfrage von beinschuss.de erläutert Sebastian Kmoch, 1. Vorsitzender des FSV Gütersloh, dass der Fotograf in keiner Beziehung zum Verein steht und er in keiner offiziellen Funktion beim FSV tätig ist. Laut Kmoch hatte der Verein nicht die Absicht, den Mann fest anzustellen und habe ihn auf den Vorfall mit Aggül angesprochen. Der 1. Vorsitzende sei bei dem Gespräch aber selbst nicht vor Ort gewesen und könne daher keine weitere Einzelheiten nennen.

Die Wahrheit wird wohl nie ganz aufgeklärt werden. Zudem werden die Vorwürfe ins Leere laufen, da es keine Anzeige und keine Beweise gibt. Es bleibt zu hoffen, dass Aggül das Trauma überwindet, wieder auf den Fußballplatz und zur alter Leistungsstärke zurückfindet.


ma 

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