Rosenheim schafft "Präzedenzfall"

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Ein Bild mit Symbolcharakter für das Play-off-Viertelfinale: Während Heilbronns Spieler geknickt über das Eis fuhren, jubelten die Starbulls über ihre Siege.

Rosenheim - Nicht einmal die kühnsten Optimisten hätten damit gerechnet: Die Starbulls sind im Eiltempo durch's Viertelfinale gerast - und haben damit Geschichte geschrieben.

Wenn jemand vor der Viertelfinalserie gegen Heilbronn gewusst hätte, dass die Starbulls am 25., 27. und 29. März kein Spiel hätten, wäre die logische Reaktion wohl gewesen: Ach ja, sind sie sang- und klanglos gegen Heilbronn ausgeschieden. Schade, einen Sieg hätte man ihnen eigentlich schon zugetraut - oder so ähnlich. Nun ist genau diese Situation eingetreten, aber der Grund dafür könnte nicht gegenteiliger sein.

Anstatt sang- und klanglos abzutreten, sind die Jungs von Franz Steer mit Pauken und Trompeten durch die erste Runde gerast und haben dabei einen "Präzedenzfall" geschaffen. Zwar gab es auch früher schon Play-off-Sensationen (man denke nur an die Augsburger Panther, die im Vorjahr als Achter den überlegenen Vorrunden-Meister aus Berlin eliminierten), aber noch nie hat es ein Tabellen-Siebter geschafft, den Zweiten in einer Best-of-Seven-Serie zu "sweepen", das heißt alle vier Begegnungen in Folge zu gewinnen. Und dazu bedurfte es nicht einmal eines "Weckrufs", wie es im Vorjahr das 1:7 in Bad Nauheim zum Play/off-Auftakt war.

Begeisterte Starbulls-Fans, die für eine Super-Stimmung im Stadion sorgten. Mit dieser Unterstützung kann man auch Ravensburg Paroli bieten.

Aber vielleicht war dieser Weckruf ja die Drei-Minuten-Spanne im Mittelabschnitt des ersten Matches in Heilbronn, als die Falken den Starbulls gleich dreimal "einschenkten" und von da an vielleicht der irrigen Ansicht waren, diese Serie würde ein Selbstläufer. Und genau diese drei Minuten (2:35 Minuten, um genau zu sein) waren auch die einzige Phase der gesamten vier Stunden Nettospielzeit, in der Heilbronn es schaffte, öfter als nur sporadisch mal ein Tor zu erzielen. Zwischendurch gab es immer wieder Phasen, wo Maracles Kasten länger als 50 Minuten am Stück vernagelt war (51:35, 70:44, 68:49 Minuten), auch wenn der "Hexer zwischen den Pfosten" immer noch auf seinen ersten Shutout warten muss. Die Falken selbst blieben dagegen nur zweimal überhaupt länger als 30 Minuten ohne Gegentor, nämlich 32:51 Minuten (das war noch vor dem "Weckruf") und später 33:57 beim ersten Gastspiel in Rosenheim. Meist aber hieß es in schöner Regelmäßigkeit: Tor für die Starbulls, so dass nach der Egalisierung des erwähnten 0:3-Rückstands die Falken nie mehr in Führung gehen und sich insgesamt nur in 7,78 Prozent der Gesamtspielzeit auf der Siegerseite wähnen konnten.

Und die Rosenheimer Überlegenheit lief quer durch alle Konstellationen. Tim Kunes gelang ein Unterzahltor, Heilbronn keins. Bei gleicher Spieleranzahl hieß es in 8:4 zugunsten der Starbulls, und neun Rosenheimer Powerplaytoren standen nur deren drei der Falken gegenüber. Und auch wenn es gelegentlich nicht so aussieht: Die Starbulls sind im bisherigen Playoff mit Abstand das effektivste Überzahlteam (elf Tore aus 30 Situationen), das Pre-Playoff gegen Bietigheim mitgerechnet. Gegen Heilbronn war die Unterzahlzeit in etwa gleichmäßig verteilt (nur eineinhalb Minuten Unterschied), die Rosenheimer Ausbeute aber dreimal so hoch wie die des Gegners. Und während die Zahl der kleinen Strafen sich mit 56 Minuten gegen Rosenheim und 62 gegen Heilbronn in etwa die Waage hielt, hatten die Falken, bei denen neben den Ellenbogen auch das Mundwerk stets in Bewegung war, darüber hinaus noch 80 Minuten an Disziplinarstrafen zu verbüßen - eine nahtlose Fortsetzung der Vorrunde, wo sie das meistbestrafte Team waren. Dicht gefolgt übrigens vom nächsten Rosenheimer Gegner, den Ravensburger Tower Stars.

Lediglich in den Mitteldritteln der Spiele erwiesen sich die Falken mit 4:6 Toren (aus ihrer Sicht) halbwegs als gleichwertig und konnten dieses Drittel am Sonntag mit 1:0 sogar für sich entscheiden - das einzige von zwölf Spieldritteln in der ganzen Serie. Die Starbulls gewannen zwei der vier Anfangs- und drei der vier Schlussdrittel, die anderen endeten remis, und besonders in den Schlussabschnitten triumphierten Gottwald & Co. mit 8:2 Toren ganz klar (in den Anfangsdritteln lautet das Torverhältnis 4:1).

Das Duell, das den Spielen gegen Heilbronn den Stempel aufdrückte: Thomas Martinec gegen Norm Maracle - klarer Sieger blieb Rosenheims Keeper.

Obwohl Heilbronn keine Ausfälle zu beklagen hatte, während bei den Starbulls eine komplette Sturmreihe fehlte, und im Falken-Kader klangvollere Namen mit langjähriger Zweitliga-Erfahrung standen, konnten streng genommen lediglich Michel Leveillé und der alles überragende Fabio Carciola überzeugen. Die Bilanz des Ex-Nationalspielers Tomas Martinec: null Tore, null Assists, 29 Strafminuten (inclusive einer Spieldauer-Diszi, während im ersten Rosenheimer Heimspiel der Siegtreffer fiel). Das gesamte Falken-Team kam in den vier Spielen nur auf 20 Scorerpunkte; dies schaffte auf Rosenheimer Seite schon das Duo Stephens und Werner: Mitch Stephens (ein Tor, neun Assists) und Stephen Werner (drei Tore, sieben Vorlagen) egalisierten den Output von 20 Heilbronnern!

Stephens erfüllte mit seinem Tor kurz vor Schluss auch die Aufforderung, die am Dienstag an dieser Stelle zu lesen war. Philipp Quinlan wurde dabei leider vergessen, aber das Highspeed-Tor zum vorentscheidenden 3:0 war allein schon das Eintrittsgeld wert.

von Manfred Eder/Oberbayerisches Volksblatt

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