Zweitlängste Play-off-Serie aller Zeiten

OVB
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Der treffsichere Kapitän Stephan Gottwald musste in der Serie gegen Landshut mehrmals nach undurchsichtigen Entscheidungen der Schiedsrichter Klau (links) und Krawinkel nachfragen.

Rosenheim - Zeit für Statistik: Mit Blick auf die Zahlen der Play-off-Serie und im Vergleich mit vorherigen Jahren, wird die kräftezehrende Endrunde der Starbulls deutlich.

15 Gegentore in den letzten beiden Finalspielen; mit 1:7 die höchste Heimniederlage der Zweitliga-Geschichte, darunter mit 0:5 im ersten Drittel ebenfalls ein negatives Highlight (oder Lowlight, wie man es eigentlich bezeichnen müsste); ein einziges Tor in 17 Minuten Powerplay, und dieses auch noch für den Gegner, dagegen 100 Prozent Überzahlerfolg (zwei aus zwei) für Landshut; ein Penalty-Killing, das nicht mehr killte - die Liste ließe sich durchaus fortsetzen.

Auf eigenem Eis hatten die Starbulls erst ein einziges Mal höher als mit drei Toren Differenz verloren (1:5 gegen Heilbronn am 25. November 2011). Und sehr lang muss man suchen, bis man ein ähnliches Desaster-Drittel findet, wie es die ersten 20 Minuten am Dienstag waren. Zwar verloren Franz Steers Jungs in dieser Saison achtmal ein Drittel mit minus drei, aber seit dem 20. November 2009 war ihnen kein solcher 0:5-Absturz mehr passiert. Damals hatten die Tölzer Löwen (in Tölz) eine Rosenheimer 2:0-Führung im letzten Drittel in ein 5:2 verwandelt. Noch wesentlich länger, nämlich rund viereinhalb Jahre, ist es her, dass die einheimischen Fans Zeugen eines 0:5-Drittels werden mussten, als die Blue Devils Weiden Starbulls-Goalie Oliver Häusler bei ihrem 6:1-Sieg an der Mangfall im Mittelabschnitt fünfmal bezwangen.

Aber auch dies sind - wie die zahlreichen positiven Aspekte der zweiten Zweitliga-Spielzeit des frischgebackenen Vizemeisters - nur Momentaufnahmen, auch wenn sie mangels neuer Eindrücke in den nächsten Monaten vielleicht länger im Gedächtnis bleiben werden. Und man sollte sich durch die Abschlusszahlen nicht trügen lassen. Die Finalserie der beiden bayerischen Rivalen war alles andere als einseitig. Man kann eventuell drüber streiten, aber es gab im Grunde ein Tor, das diese Meisterschaft entschied, nämlich das 4:3 von Kevin Kapstad beim Landshuter 6:3-Sieg in Rosenheim. Bis dahin waren die Starbulls auch ohne Toptorjäger Patrick Asselin mindestens auf Augenhöhe mit dem erklärten Favoriten, gewannen zweimal in der Verlängerung (sonst nicht gerade eine Rosenheimer Stärke) und hatten nach dem 1:0-Auswärtssieg das "Momentum" auf ihrer Seite. Doch der aus Kapstads Treffer resultierende Sieg (das 5:3 und 6:3 waren nur schmückendes Beiwerk) war mehr als nur der 2:2-Ausgleich in der Serie. Danach siegten bei den Starbulls die überbeanspruchten Muskeln über Herz und Geist, und die Laktate verdrängten das Adrenalin - profan ausgedrückt: Die Starbulls waren platt. Achtzehn hart umkämpfte Spiele in 42 Tagen (fast jeden zweiten Tag ein Spiel inklusive Reisen), die mit bis zu vier Verletzten und über große Strecken überharte Gangart der Play-off-Gegner Kaufbeuren und Schwenningen), gegen ein komplettes Landshuter Team, das schon die Punkterunde dominiert hatte und durchs Playoff beinahe spaziert war - das Ende der Fahnenstange war erreicht.

In den ersten vier Spielen der Serie hatte (mit Ausnahme der neun Minuten nach dem erwähnten Kapstad-Tor) kein Team je mit mehr als einem Tor Abstand geführt. In den letzten beiden Spielen dagegen stand es nur insgesamt zehn Minuten bis zum jeweiligen Landshuter Führungstor remis, die restliche Zeit waren die Starbulls im Hintertreffen.

Norm Maracle konnte einem in den letzten beiden Spielen leid tun.

Da half es auch nichts mehr, dass Kapitän Stephan Gottwald, eigentlich der fünfte ernsthaft Verletzte, in der Serie nochmal zur Hochform auflief. Nach zwei Treffern in den vier Spielen der Punkterunde schenkte er Cannibals-Torhüter Vogl weitere sechs ein. Pech nur, dass die Rosenheimer Offensive am Schluss praktisch nur noch aus ihm und Corey Quirk (drei Tore, alle in den Spielen zwei und drei) bestand, während nur weitere vier Spieler je ein Tor beisteuern konnten. Und während die Landshuter Offensive schon in der Breite klar dominierte (zwölf verschiedene, darunter acht mehrfache Torschützen im Finale gegenüber den sechs der Starbulls), stand auch Gottwald trotz seiner ungeahnten "Explosion" noch im Schatten von Bill Trew, der mit sieben Toren in einer Saison (davon allein sechs in der Finalserie) den Ravensburger Brian Maloney und den Heilbronner Michel Leveillé (je sechs Saisontore) als Rosenheimer Schreckgespenst Nummer eins abgelöst hat.

In den 18 Spielen der zweitlängsten deutschen Play-off-Serie aller Zeiten (nur 1995, als in der DEL 16 (!) Teams ins Playoff kamen, hatten die Finalisten Köln und Landshut am Schluss je 19 Partien absolviert) konnten immerhin siebzehn verschiedene Rosenheimer Spieler punkten (Dominik Daxlberger mit seiner Vorlage zum letzten Saisontor war der siebzehnte), elf von ihnen auch als Torschützen. Neben Quirk (zehn Tore, vierzehn Assists), Asselin (zehn plus neun), Mitch Stephens (sieben plus zwölf) und Andrej Strakhov (eins plus neun) kamen Ryan Gaucher (fünf plus elf) und Dominic Auger (fünf plus acht) als beste Verteidiger auf eine zweistellige Punktzahl, während Gottwald als drittbester "Sniper" zwar neun Tore schoss, aber kein einziges vorbereitete.

Insgesamt muss man sicher anerkennen, dass Landshut nicht nur wegen der letzten entscheidenden Spiele der logische und verdiente Meister geworden ist. Eines sollte Herr Ehrenberger aber in aller Feierlaune nicht vergessen, nämlich dem Schwenninger Adam Borzecki einen Geschenkkorb (oder wahlweise einen Kasten Bier) zu schicken. Denn ohne dessen absichtliches Foul im letzten Halbfinalspiel, das Patrick Asselins Saison vorzeitig beendete, hätte das eine oder andere Törchen des Rosenheimer Über-Torjägers in jener Phase vor dem "Zusammenbruch", als noch Kleinigkeiten über Sieg und Niederlage entschieden, durchaus einen Unterschied machen und vielleicht das "Adrenalin-Surfen" der Starbulls bis zum Meister-Strand verlängern können...

Manfred Eder

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