Fußball

DFB stößt Reformen an - Fanprojekte fürchten Streichungen

Die Fans des 1. FC Union Berlin fordern Reformen. Foto: Andreas Gora/dpa
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Die Fans des 1. FC Union Berlin fordern Reformen. Foto: Andreas Gora/dpa

Ohne Fans, betonen die Verantwortlichen in Vereinen und Verbänden in der Corona-Krise seit Monaten, ist der Fußball kein Fußball. Dennoch hat der DFB eine Debatte angestoßen, die die Fanprojekte bundesweit aufgeschreckt hat.

Frankfurt/Main (dpa) - Ihren Unmut und ihre Befürchtungen drückten Anhänger des 1. FC Union Berlin auf einem Transparent über die ganze Länge der Gegengeraden aus.

"Gelder streichen bei Fanprojekten und kleinen Vereinen, das soll es gewesen sein? Wir haben es nicht vergessen, Reformen waren Euer Versprechen", hieß es zum Bundesliga-Auftakt der Eisernen gegen den FC Augsburg im Stadion An der Alten Försterei. In der Szene brodelt es. Neuerdings geht es nicht nur um den geforderten Wertewandel im Profifußball, sondern auch um die Fanarbeit an der Basis, die viele gefährdet sehen.

Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS) in Frankfurt/Main, spricht von einer bundesweiten "tiefgreifenden Verunsicherung meiner Kolleginnen und Kollegen in den Projekten und auch in den Fanszenen". Schon vor der Corona-Krise kursierten Gerüchte, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Finanzierung bei den Fanprojekten herunterfahren wolle. Zuletzt berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" von einer möglichen Deckelung des DFB-Beitrags. Zudem war von einem Ausstieg von Projekten unterhalb der 3. Liga wie in Chemnitz, Aachen, Essen und Offenbach die Rede.

Der DFB stellt dies nach einer Präsidiumssitzung anders dar. Man habe beschlossen, "einen Reformprozess zur künftigen Ausgestaltung der Fanprojektförderung zu initiieren". Hierzu werde der DFB auf den Nationalen Ausschuss Sport und Sicherheit (NASS) zugehen.

In 68 Fanprojekten an 61 Standorten wird seit vielen Jahren wertvolle Sozialarbeit mit jugendlichen Fußballanhängern geleistet. Das Konzept wurde 2012 vom NASS überarbeitet und fortgeschrieben. Mittlerweile wird die Projektarbeit maßgeblich von den Ultras bestimmt, von denen sich viele - auch anerkannt und teilweise ausgezeichnet vom DFB - gegen Rassismus, Diskriminierung und Rechtsextremismus engagieren.

Der DFB fördert Fanprojekte in der 3. Liga und darunter mit jährlich bis zu 150.000 Euro, die Deutsche Fußball Liga (DFL) tut dies für die 1. und 2. Liga ebenfalls. Voraussetzung dafür ist, dass Kommunen und Länder den gleichen Beitrag leisten. Nach dpa-Informationen hat der DFB 2019 insgesamt 3,4 Millionen Euro in die Sozialarbeit vor Ort investiert.

Der größte Sportfachverband der Welt, in der Corona-Krise finanziell auch unter Druck, will von Streichungen derzeit nichts wissen. Er kündigte an, "die Fanprojekte entsprechend der für 2020 bewilligten Förderhöhe bis zum 30. Juni 2022 unverändert weiter fördern" zu wollen. Die Ergebnisse des Reformprozesses sollen bis Oktober 2021 vorliegen.

Laut Generalsekretär Friedrich Curtius steht die "Bedeutung der Fanprojekte für die Förderung und den Erhalt einer friedlichen, lebendigen Fan- und Jugendkultur außer Frage". Die angestrebte Reform will der DFB, wie er betont, inhaltlich mit Netzwerkpartnern wie der KOS abstimmen. Eine Neugestaltung könne jedoch nur vom NASS verabschiedet werden. Mit der Anpassung soll den Entwicklungen der vergangenen Jahre Rechnung getragen und eine noch stärker am Bedarf orientierte Förderung erreicht werden.

Aus Sicht von KOS-Chef Gabriel müsste der DFB "in Anbetracht all der Konfliktlagen eine verantwortungsvolle Verbandspolitik die Fanprojekte viel mehr stärken. Wenn der Fußball Ausstiegssignale sendet, ist die Befürchtung hoch, dass Kommunen und Länder folgen, dann könnte das ganze System der professionellen pädagogischen Fanarbeit gefährdet sein."

Gabriel verweist auch darauf, dass seine Kollegen in den Fanprojekten sehr schnell und flexibel auf die Veränderungen in der Corona-Zeit reagiert haben. So hätte den Vereinen und Verbänden signalisiert werden können, dass es bei den Geisterspielen keine Ansammlungen von Fans vor den Stadien geben werde. Dieses Schreckensszenario hatte einige Politiker gezeichnet.

Gerade in Corona-Zeiten, in denen nur wenige Fans ins Stadion gehen können, pflegen diese den sozialen Zusammenhalt in den Projekten und suchen dort auch Hilfe. Die Arbeit sei noch intensiver geworden, sagt Christian Kohn. Der Kulturwissenschaftler hat es als Leiter des Fanprojekts Leipzig mit Anhängern des Bundesligisten RB und der Regionalligisten BSG Chemie und Lok Leipzig zu tun.

"Individuelle Problemlagen wie psychische Probleme, der zeitweise Verlust des sozialen Umfelds, das Stellen von Anträgen für Transferleistungen, Zukunftsängste - all das waren Themen, die die Jugendlichen und uns während der letzten Monate noch intensiver als sonst beschäftigt haben", sagt Kohn.

Träger des Leipziger Projekts ist die gemeinnützige Outlaw Kinder- und Jugendhilfe. "Wir haben Jahr für Jahr einen sehr engen Etat, der uns eigentlich kaum Spielraum lässt", sagt Kohn. So lange offen sei, dass der DFB eine langfristige und angemessene Finanzierung anstrebe, befürchte er, dass die Kürzung der Fanprojekt-Finanzierung ab Mitte 2022 ein Ergebnis der Reformbestrebungen sein könnte. Eigentlich müsse es darum gehen, dass man eine Struktur schaffe, durch die Prävention und soziale Arbeit gestärkt werde - "weil ja die Problemlagen coronabedingt eher zunehmen werden, sowohl gesellschaftlich als auch im Fußball".

© dpa-infocom, dpa:200923-99-682585/4

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