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Fragen und Antworten

Hoeneß muss wohl blauen Häftlingsanzug tragen

München - Uli Hoeneß akzeptiert das Urteil von dreieinhalb Jahren Haft wegen Steuerhinterziehung und verzichtet auf Rechtsmittel. Wichtige Fragen und Antworten im Überblick.

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Wie geht es jetzt weiter mit Uli Hoeneß?

Entscheidend ist nun, ob auch die Staatsanwaltschaft auf Revision verzichtet. Das will sie Anfang kommender Woche entscheiden. Die Staatsanwaltschaft hatte eine härtere Strafe für Hoeneß gefordert und wollte ihn fünfeinhalb Jahre hinter Gitter schicken. Wenn sie das Urteil beim Bundesgerichtshof (BGH) anficht, beginnt eine neue Zitterpartie für den 62-Jährigen. Denn am Ende könnte unter Umständen auch eine längere Haftstrafe stehen.

Und wenn die Staatsanwaltschaft auf eine Revision verzichtet?

Dann wird das Urteil rechtskräftig. Aber Hoeneß muss dann nicht sofort hinter Gitter. Sobald die schriftliche Urteilsbegründung des Gerichts vorliegt, spätestens sieben Wochen nach Verkündung, kann die Staatsanwaltschaft die Strafvollstreckung einleiten. Hoeneß bekommt dann einen Brief von der Justiz, wann und in welchem Gefängnis er sich zum Haftantritt einfinden muss. Der „Vollstreckungsplan für den Freistaat Bayern“ legt das jeweilige Gefängnis fest. Nach Angaben von Gerichtssprecherin Andrea Titz muss er seine Strafe in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Landsberg am Lech absitzen.

Wie könnte der Haftalltag aussehen?

Einen Anspruch auf eine Einzelzelle hat Hoeneß nicht. Theoretisch möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich ist sogar eine Zelle mit Gewaltverbrechern. Bei Haftantritt gibt es zunächst eine medizinische und psychologische Eingangsuntersuchung. Es folgt die Ausgabe der Häftlingskleidung und der Bezug der acht bis zehn Quadratmeter großen Zelle. Dort ist ein Fernseher erlaubt, Pay-TV für die Champions-League-Spiele des FC Bayern aber nicht. Die Fernsehprogramme richten sich nach dem Angebot der Anstalt. Für Hoeneß dürfte der Umzug aus seiner am Tegernsee gelegenen Villa in das seit 1909 bestehende Gefängnis gleichwohl ein Kulturschock werden. Der langjährige Bayern-Boss, der in den besten Restaurants speiste und die feinsten Anzüge trägt, wird nun Sträflingsblau tragen müssen. Und fürs Frühstück bekommt er morgens um sechs Uhr ein Tablett mit Brot und Kaffee vor die Zellentür gestellt. So schildert es Anton Bachl, Chef des Bunds der Strafvollzugbediensteten. Direkt nach seinem Einzug ins Gefängnis werde Hoeneß neu eingekleidet, in Bayern gibt es eher klobige, blaue Häftlingsanzüge. Bachl glaubt, dass der einheitliche Anzug Hoeneß aber nutzen wird - "auch unter Gefangenen gibt es Neider." Für seine Freizeit könne er bei der JVA-Leitung etwa einen Trainingsanzug beantragen - die meisten Gefangenen liefen im Adidas-Anzug herum.

Das Urteil lautet auf dreieinhalb Jahre Haft - wann kommt er im günstigsten Fall frei?

Zunächst kommt der Häftling in den geschlossenen Vollzug. Wie es jetzt weitergeht, entscheidet der Leiter der JVA - und dabei hat er große Freiheiten, den Vollzug zu lockern. Schon nach wenigen Monaten kann er dem Gefangenen Außenbeschäftigung, Ausführung oder Ausgang gewähren. „Dabei gibt es keine starren Fristen, das wird immer im Einzelfall geprüft“, erklärt Sprecherin Ulrike Roider vom bayerischen Justizministerium. In diesem sogenannten offenen Vollzug kann der Gefangene dann auch seine eigene Kleidung tragen.

Hoeneß-Urteil: Europaweite Pressestimmen

Hoeneß-Urteil: Pressestimmen aus ganz Europa

 © Eurosport
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 © oe24.at (Österreich)
 © blick.ch (Schweiz)
 © The Telegraph (Großbritannien)
 © Daily Mail (Großbritannien)
 © L'Équipe (Frankreich)
 © As (Spanien)
 © Marca (Spanien)
 © Gazzetta dello Sport (Italien)
 © ESPN (USA)
ENGLAND:„Guardian“: „Der deutsche Meister und Champions-League-Sieger hat trotz der vorhersehbaren Verurteilung keinen Notfallplan aufgestellt, wie der Präsident zu ersetzen ist und steht ohne ihn vor einer heiklen Ära.“ © dpa
„Mirror“: „Der Mann, der aus dem deutschen Giganten einen der größten Clubs der Welt gemacht hat, ist auf dramatische Weise in Ungnade gefallen.“ © dpa
SPANIEN:„El País“: „Uli Hoeneß war in Deutschland jahrelang eine moralische Instanz. Er wurde der seltenen Spezies von ehrenhaften Managern zugerechnet. Er war großzügig gegenüber den Mittellosen und scheute nicht davor zurück, soziale Ungerechtigkeiten in seinem Land zu verurteilen. Dieser Mann wurde nun wegen Steuerbetrugs zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.“ © AFP
„El Mundo“: „Deutschland kennt kein Pardon mit dem Steuerbetrüger. Hoeneß galt als ein Sinnbild des deutschen Erfolgs.“ © AFP
„El Periódico“: „Das Hoeneß-Urteil ist ein Schlag für das Image des besten deutschen Fußballclubs.“ © dpa
„Marca“: „Uli, Du hast ein Problem! Es ist kaum zu glauben: Einer der angesehensten Männer im deutschen Fußball wird wegen Steuerhinterziehung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.“ © AFP
ITALIEN:„Corriere della Sera“: „Es ist nicht leicht, in Deutschland bei den Steuern zu betrügen, man muss aber sagen, dass Hoeneß in der Sache sein Bestes gegeben hat. Uli war ein Modell, jetzt wird er als Negativbeispiel bloßgestellt. Jedenfalls schien der, der in München aus dem Gerichtssaal trat, ein zerstörter Mann zu sein. Wobei die Unverbesserlichen ihm noch applaudierten.“ © AFP
„La Repubblica“: „Von den Triumphen zur Verurteilung. Hier in Deutschland sind vor dem Gesetz wirklich alle gleich. Da reicht es nicht mehr aus, der Präsident der stärksten und beliebtesten Elf zu sein, eine Vergangenheit als Super-Fußballer mit Torerfolgen und Titeln zu haben oder sich freundschaftlicher Beziehungen zur Kanzlerin zu rühmen. Die sportlichen Erfolge und Erinnerungen retteten ihn nicht.“ © AFP
FRANKREICH:„Libération“: „Im Land von Hartz IV spielte Uli Hoeneß an der Börse, wie man Monopoly spielt. (...) Steuerflucht scheint der Lieblingssport von deutschen Millionären geworden zu sein. Aber was lange Zeit als Bagatelle angesehen wurde, geht in der Meinung der Öffentlichkeit nicht mehr durch.“ © AFP
ÖSTERREICH:„Der Standard“: „Das für viele Undenkbare ist passiert: Uli Hoeneß ist auf dem Weg ins Gefängnis. Es ist ein Absturz, wie man ihn in Deutschland in dieser Form noch nicht gesehen hat. (...) Dass dieser Fall auf so großes Interesse stößt, lag nicht in der Verantwortung des Gerichts. Hoeneß hat jahrelang den besserwisserischen Moralapostel gegeben, hat ausgeteilt und dabei immer vermittelt, seine Sichtweise sei das Maß aller Dinge. Dass gerade dann ein Fehlverhalten Beachtung findet, ist quasi Naturgesetz.“ © dpa
„Kronen Zeitung“: „Der Zwiespalt, hier lupenreiner Präsident, dort kriminell gewordener Aktienspekulant, hat viel mit der zerrissenen Seele des Menschen Uli zu tun. Das Urteil eines Richters kann sich aber immer nur auf die gesamte Persönlichkeit des Beschuldigten beziehen: Daher ist es in diesem Fall gerecht.“ © dpa
„Kurier“: „Der Absturz des Bayern-Bosses“ © dpa
SCHWEIZ:„Blick“: „Alle Reue, jedes Beteuern von Gutmenschentum hat nichts geholfen.“ © dpa
„Tages-Anzeiger“: „Experten erwarten nicht, dass die Mannschaft unter der Verurteilung des Chefs unmittelbar leidet - so überragend professionell hat Hoeneß sie aufgestellt.“ © AFP
„Neue Zürcher Zeitung“: „Hoeneß kann Gericht nicht überzeugen“, „Die Strafsache Hoeneß wird als Cause célèbre eingehen in die wahrhaft umfangreichen Annalen prominenter deutscher Steuerfälle, in denen zuletzt Namen wie Alice Schwarzer verzeichnet wurden.“ © AFP
„Baseler Zeitung“: „Hoeneß, der Wasserprediger und Weintrinker, ist aufgeflogen (...) “ © dpa
PORTUGAL:„Record“: „Das Leben des Uli Hoeneß hat an diesem Donnerstag eine Kehrtwende erfahren.“ © dpa
„Mais Futebol“: „Bis vor kurzem war Hoeneß noch so etwas wie der inoffizielle Sprecher des finanziellen Fairplays der UEFA. Er war es, der die schärfste Kritik gegen die Ausgabenpolitik von Neureichen wie Manchester City und PSG formuliert und zur Moralisierung der Finanzen aufgerufen hatte. (...) Bleibt nur abzuwarten, welcher Schaden dieser Prozess dem Verein zufügt, den er in den vergangenen 40 Jahren aufzubauen geholfen hat.“ © AFP
TSCHECHIEN:„Lidove Noviny“: „Er hat Deutschland schon zweimal bestohlen. Im Jahr 1976 hatte er einen Elfmeter verschossen, was Antonin Panenka mit einem siegreichen Lupfer bestrafte. Die favorisierte Bundesrepublik biss nur auf Silber. Doch jetzt hat man Uli Hoeneß ein wirkliches Verbrechen nachgewiesen. Der Präsident von Bayern München wurde wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt.“ © dpa
„Pravo“: „Die Erwartungen haben sich erfüllt. Mit einer Bewährungsstrafe ist Uli Hoeneß vor Gericht nicht davongekommen, wenngleich sich eine Fan-Gruppe zu seiner Unterstützung versammelte.“ © AFP

Sind noch weitere Lockerungen möglich?

Der Münchner Anwalt und Strafrechtsexperte des Deutschen Anwaltsvereins Rainer Spatscheck sagt: „Wenn er mitspielt, hat er recht viele Möglichkeiten.“ Wenn der Häftling eine Arbeitsstelle außerhalb findet - „zum Beispiel als Platzwart beim FC Bayern“, kann der JVA-Leiter ihm auch schon bald Freigang gewähren: „Dann geht er morgens aus dem Gefängnis zur Arbeit und kommt abends wieder.“ Nachts könnte er dann zum Beispiel in München im Offenen-Vollzugs-Haus Leonrodstraße schlafen. Als Freigänger könnte ihm der JVA-Leiter auch Mobiltelefon und Laptop erlauben. Der ehemalige BayernLB-Vorstand Gerhard Gribkowsky zum Beispiel wurde im Januar 2011 verhaftet, im Sommer 2012 zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt und schon im Oktober 2013 in ein Freigängerhaus verlegt.

Wann könnte Hoeneß frühestens wieder ganz freikommen?

Das entscheidet die zuständige Vollstreckungskammer. In der Regel prüft sie nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe, ob der Häftling auf Bewährung entlassen werden kann. Bei Hoeneß wären das 28 Monate. „Frühstens ist die Strafaussetzung laut Gesetz nach Verbüßung der Hälfte der Strafe möglich“, sagt Ministeriumssprecherin Roider. Das entscheiden die Richter im Einzelfall unter „Gesamtwürdigung von Tat, Persönlichkeit und Entwicklung im Vollzug“. Anwalt Spatscheck sagt aber, eine Freilassung nach der Hälfte der Zeit sei in Bayern sehr selten.

Was bedeutet der Rücktritt für den FC Bayern? 

Hoeneß hat seine Ämter als Präsident des FC Bayern e.V. und als Vorsitzender des Aufsichtsrates der FC Bayern AG mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Als Aufsichtsratschef präsentierten die Bayern am Freitag bereits adidas-Chef Herbert Hainer. Der Beschluss gelte „bis auf Weiteres“ und sei einstimmig gefällt worden. Karl Hopfner, bisher einfaches Mitglied im Aufsichtsrat, wurde überdies ebenfalls einstimmig in den Präsidialausschuss des Aufsichtsrates gewählt.

Wer leitet derzeit die Geschicke des Vereins? 

Über die Nachfolge von Hoeneß im Amt des Präsidenten des Vereins wird satzungsgemäß eine außerordentliche Mitgliederversammlung entscheiden, die in den nächsten vier Wochen abgehalten werden muss. Karl Hopfner (61) als erster Vize-Präsident leitet kommissarisch die Geschicke des e.V..

Wer tritt die Nachfolge als Präsident von Hoeneß an?

Interimspräsident Hopfner gilt als Favorit - sollte er kandidieren. Der 61-Jährige war im vergangenen Jahr aus gesundheitlichen Gründen aus dem Vorstand der Münchner zurückgetreten. Auch Bayerns ehemaliger Ministerpräsident Edmund Stoiber (72) wäre eine Option. Wenig realistisch sind dagegen die ebenfalls gehandelten Paul Breitner, Franz Beckenbauer und Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandschef des FC Bayern bleiben will.

dpa/sid/AFP

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