32 Fußball-Spiele in Deutschland unter Manipulationsverdacht

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Bochum - Im Zuge des neuen Wettskandals sollen europaweit in diesem Jahr rund 200 Fußballspiele unter Manipulationsverdacht stehen, davon 32 in Deutschland. Es soll nur die Spitze des Eisbergs sein.

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Im neuen Fußball-Wettskandal stehen nach Angaben der Staatsanwaltschaft Bochum und der Polizei rund 200 Spiele unterManipulations-Verdacht. Insgesamt erstreckt sich der Verdacht manipulierter Spiele auf neun europäische Länder. Bisher gebe es “über 200 Tatverdächtige“, teilten die Ermittler am Freitag in einer Presseerklärung mit. Festgenommen wurden bislang in Deutschland, Österreich, Großbritannien und der Schweiz 15 Verdächtige. Außerdem wurden 50 Objekte durchsucht. Schwerpunkte in Deutschland lagen in Berlin, Nürnberg und dem Ruhrgebiet.

Peter Limacher von der UEFA spricht vom größten bislang bekannten Wettskandal.

Die Betrüger sollen Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Offizielle bestochen haben, um Spielausgänge zu beeinflussen. Anschließend hätten die Beschuldigten versucht, hohe Geldbeträge bei europäischen und asiatischen Wettanbietern zu setzen. Der bisher erkannte Schaden soll zehn Millionen Euro betragen. Der tatsächliche Betrag soll wesentlich höher liegen.

Zu den verdächtigen Partien gehören auch drei Spiele aus der Champions League, mindestens zwölf Spiele aus der Europa League und ein Qualifikationsspiel zur U21-Europameisterschaft. Laut Staatsanwaltschaft ist auch Deutschland mit 32 Begegnungen betroffen. Darunter sind vier Spiele der 2. Bundesliga, drei Partien der 3. Liga, 18 Regionalliga-Treffen, fünf Spiele der Oberliga, zwei Spiele im U19-Bereich sowie Partien in der Schweiz, Belgien, Kroatien, Slowenien, Türkei, Ungarn, Bosnien und Österreich. Die 1. Bundesliga ist nach bisherigen Ermittlungsergebnissen nicht betroffen.

In allen Fällen bestehe ein konkreter Verdacht oder sei Manipulation nachgewiesen worden.

Die Staatsanwaltschaft will vorerst keine exakten Paarungen nennen und geht davon aus, dass noch wesentlich mehr Spiele manipuliert worden sind.

So reagiert Fußball-Deutschland:

Dirk Dufner (Sportdirektor SC Freiburg): “Wenn sich die Dimensionen so bestätigen, sind sie natürlich immens. Das ist mit Sicherheit eine hoch alarmierende Entwicklung. Das Positive ist, dass man es aufdeckt. Das Warnsystem funktioniert also. Wenn der Fan wirklich das Gefühl hätte: Egal welches Spiel ich anschaue, es ist doch manipuliert, dann hätte das fatale Auswirkungen. Aber das würde ich für Deutschland mal ausschließen. Der Fußball muss sich insgesamt dagegen (gegen Wettmanipulationen) wehren.“

Wolfgang Holzhäuser (Geschäftsführer Bayer Leverkusen): “Es ist schwer, sich gegen solche Praktiken zur Wehr zu setzen. Aber wir sind überzeugt davon, dass wir als Verein nicht betroffen sind. Nach dem Hoyzer-Skandal haben wir in alle Arbeitsverträge eine Klausel eingebaut, dass die Spieler verpflichtet sind, etwaige betrügerische Angebote an mich oder Rudi Völler zu melden. Es ist Spielern vertraglich untersagt, Wetten auf Spiele, Ergebnisse oder Tabellenränge zu platzieren. Darüber hinaus haben wir bei einem Kölner Strafrechtler eine Hotline eingerichtet, bei der sich die Spieler auch anonym melden können. Damit haben wir alles getan, was möglich ist.“

Heribert Bruchhagen (Vorstandsvorsitzender Eintracht Frankfurt): “Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen. Ein Bundesligaspiel zu manipulieren, ist schlichtweg undenkbar.“

Nico Frommer (Von Januar 2007 bis Sommer 2009 beim VfL Osnabrück, jetzt RB Leipzig. In der angeblich manipulierten Partie gegen Augsburg saß er 90 Minuten auf der Bank, in der Partie gegen Nürnberg wurde er in der 55. Minute ausgewechselt): “Das trifft mich wie ein Schlag. Ich bin schockiert, dass in der eigenen Mannschaft so etwas vorgefallen sein soll. Wenn man von einem neuen, vermeintlichen Wettskandal hört, geht man natürlich noch einmal die besagten Spiele durch, ob es da Auffälligkeiten gab. Gegen Nürnberg ist mir nichts aufgefallen. Gegen Augsburg gab es ein, zwei krasse Fehler von uns. Aber ob die wirklich mutwillig waren, so weit möchte ich nicht vorgreifen. Meiner Meinung nach wäre es Schwachsinn, für ein paar Tausend Euro seine ganze Karriere aufs Spiel zu setzen.“

Christian Bönig (Teammanager FC St. Pauli): “Es ist traurig, dass es immer noch Leute gibt, die denken, mann könne so etwas ungestraft machen.“

Andreas Möller (Manager von Drittliga-Spitzenreiter Kickers Offenbach und Weltmeister von 1990): “Das ist unfassbar. Eigentlich kann man sich so etwas gar nicht vorstellen, doch es passiert trotzdem immer wieder. Die Dinge müssen jetzt ernsthaft aufgearbeitet werden. So lange nichts bewiesen ist, wird es viele Spekulationen geben. Deshalb wäre es wünschenswert, wenn es schnell Fakten gibt.“

Jörg Schmadtke (Manager Hannover 96): “Ich habe gedacht, dass die Vorsichtsmaßnahmen nach dem Fall Hoyzer greifen, und bin mehr als erstaunt, dass es wieder passiert ist. Ich hätte vorher immer ausgeschlossen, dass so was im deutschen Fußball möglich ist. Aber man kann sich offensichtlich nie sicher sein.“

Walter Hellmich (Präsident MSV Duisburg): “Die Mitteilung über einen neuen Wettskandal ist erschütternd. Ich kann solche kriminellen Energien nicht nachvollziehen, betrügen lohnt sich nicht. Solange im Zuge der Ermittlungen keine Namen von Vereinen oder Spielern genannt werden, sind alle Spekulationen Kaffeesatzleserei. Ich hoffe nicht, dass Spiele mit MSV-Beteiligung betroffen sind.“

Dirk Zingler (Präsident 1. FC Union Berlin): “Das ist für mich unvorstellbar. Das ist für mich auch ein unerträglicher Zustand. Wir wollen endlich einen sauberen Sport haben, jetzt fängt das Theater wieder an. Mich trifft das völlig unvorbereitet. Ich glaube, alle im deutschen Fußball trifft das völlig überraschend.“  

Jürgen Marbach (Geschäftsführer VfL Wolfsburg): “Dieser Betrüger müssen drakonisch bestraft, ausgemerzt werden, weil es sonst unseren Sport kaputt macht. Wir haben volle Stadien, die Zuschauer wollen ehrlichen und fairen Sport sehen. Wenn das moralisch in Zweifel gerät, kann uns alles ganz schnell kaputt gehen. Ich bin verwundert, dass das überhaupt im Fußball so verbreitet ist. Denn eine Mannschaftssportart ist wesentlich komplexer als eine Einzelsportart, das kriminelle Risiko ist wesentlich höher.“

Andreas Bornemann (Sportdirektor Alemannia Aachen): “Das macht einen natürlich betroffen. Es ist ja erst ein paar Jahre her, dass wir diese Problematik hatten. Danach wurde damals auch von den Wettanbietern glaubhaft gemacht, dass durch Frühwarnsysteme die Gefahr deutlich reduziert sei. Es ist aber anscheinend immer so, dass dort wo kriminelle Energie unterwegs ist, auch die Gefahr der Manipulation besteht.“

dpa

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