Wir waren schon vor Ort

Wegen der WM: Die brasilianische Seele ist zerrissen

+
Beachfußballer am Strand von Ipanema.

Rio de Janeiro- Die Stimmung in Brasilien ist derzeit noch überhaupt nicht WM-tauglich. Vielerorts fragen sich die Menschen noch immer: "Für wen findet diese WM statt?". Wir haben uns in Rio umgehört.

Das Leben kann angenehm sein in Rio de Janeiro, insbesondere an Sonntagen. Dann sind die Straßen an der Küste gesperrt, dann wacht eine Heerschar von Polizisten im Schatten des Zuckerhutes darüber, dass Skater, Radfahrer, Rollerblader oder Läufer auf den Promenaden entlang des Ozeans freie Bahn haben. Die Strände der Copacabana und von Ipanema sind von leer getrunkenen Kokosnüssen gesprenkelt, in denen noch die Strohhalme stecken.

Es ist Herbstwetter, das heißt: 25 Grad und ein paar Regentropfen, die schlapp vom Himmel trudeln. Eine unbedeutende Störung. Die Cariocas, wie die Einwohner von Rio heißen, genießen den Tag am Meer trotzdem. Am liebsten mit Strand-Fußball, Beach-Volleyball mit Füßen.

Von einer Vorfreude auf die „Copa“ ist hier wenige Tage vor dem Auftakt des wichtigsten Turnieres der Welt dennoch nur wenig zu spüren. Und das ausgerechnet im Land des Rekordweltmeisters. 1958, 1962, 1970, 1994 und 2002 ging der Titel nach Brasilien. Keine Nationalmannschaft war bislang erfolgreicher. Ab und an ein paar Souvenir-Stände mit WM-Devotionalien, sonst nichts. Dafür wurde auf eine Betonmauer nahe des Strandes die Frage gesprüht: „Copa pra quem?“ - „Die WM für wen?“

Eine ziemlich gute Frage.

In der brasilianischen Nationalhymne heißt es: „Von Natur aus ein Gigant, bist Du schön und stark, unerschrockener Koloss, und in Deiner Zukunft spiegelt sich diese Größe.“ Aktuell erzählen viele Brasilianer lieber einen Witz: Als Gott die Welt schuf, gab er Brasilien die Schönheit, das Gold, die Bäume und die Flüsse. Als ein Engel den Einwand erhebt, dass er all diese guten Dinge den Brasilianern geben würde, erwidert Gott: „Du weißt ja nicht, welche Regierung sie bekommen werden.“

Die aktuelle Staatsmacht führt die gemäßigte Linke Dilma Rousseff an. Die 66-jährige Wirtschaftswissenschaftlerin ist seit Anfang 2011 Präsidentin des Landes. Sie steht vor ihrer größten Bewährungsprobe.

WM 2014: In diesen Stadien wird gespielt

WM 2014: In diesen Stadien wird gespielt

Die Vorgänger-Regierung um den Führer der Arbeiterpartei, Lula da Silva, hatte die WM 2007 nach Brasilien geholt. Diese Regierung wurde vor gut vier Jahren abgelöst. Weil Lula da Silva nach zwei Amtszeiten in Folge nicht mehr antreten durfte. Aber auch, weil seine Regierung letztlich mit dem größten Makel der brasilianischen Politik behaftet war: der Korruption. Fast nichts läuft hier ohne Bestechungsgelder. Die Bürokratie ist unübersichtlich, die Verordnungen sind dehnbar wie Kaugummi. Rousseff trat mit dem Ziel an, die Korruption zu unterbinden. Was nicht gelang. Schwarze Partei-Kassen und Bestechungen wurden auch unter ihrer Führung öffentlich.

Straßenfußballer in Rio.

Es ist kein Wunder, dass die Brasilianer ihre Regierung nicht verstehen. Und den Fußball-Weltverband Fifa auch nicht, weil er nur fordert und wenig gibt. Die Euphorie, die bei Vergabe der WM herrschte, ist verflogen. Hier, in diesem Land, in dem der Fußball geradezu eine Religion ist, ist zu viel passiert. Die Kosten für die WM sind explodiert, kaum ein Neubau wurde im Zeitplan fertig und unfassbar viele Reais flossen in dunkle Kanäle. Schätzungen zufolge lässt sich Brasilien die WM letztlich umgerechnet rund zehn Milliarden Euro kosten. Das ist viel Geld. Zuviel Geld für das 200-Millionen-Einwohner-Land, in dem das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei gut 8400 Euro liegt. Einige Menschen haben für die WM einen noch viel höheren Preis bezahlt: Neun von ihnen verloren beim Bau der zwölf Stadien ihr Leben.

Das Motto „Die Weltmeisterschaft der Weltmeisterschaften“ gilt schon lange nicht mehr. Am vergangenen Donnerstag riefen die Demonstranten in São Paulo lieber zur „Kundgebung der Kundgebungen“ auf. Steine flogen, Müllhaufen brannten, Geschäfte und Banken wurden demoliert - doch letztlich erhielt die Demonstration weitaus weniger Zulauf als prognostiziert. Was die zarte Hoffnung darauf aufkommen lässt, dass es während der „Copa“ vielleicht doch einigermaßen ruhig bleiben wird.

Ein Blick ins Maracana.

Viel dürfte davon abhängen, wie weit die Seleção im Turnier kommen wird. Die „Hexa Campeão“ der sechste Titel, ist das ersehnte Ziel. Die Mannschaft kann sich der bedingungslosen Unterstützung des Landes sicher sein. Wie viel Herzblut die Brasilianer ihrem Land und den Männern in Kanariengelb widmen, wurde bei der WM-Generalprobe, dem Confed-Cup 2013, deutlich: Beim Abspielen der brasilianischen Hymne sangen die Menschen im legendären und ausverkauften Maracanã-Stadion einfach weiter, obwohl die Musik schon verklungen war. Ein bewegender Moment der Fußball-Historie bei einem Turnier, das für die Fußball-Historie völlig irrelevant war.

Die brasilianische Seele ist zerrissen. Der Confed-Cup war gleichzeitig die Geburtsstunde von massiven Ausschreitungen, oftmals initiiert von so genannten „Schwarzen Blöcken“, die die Gewalt schürten. Die hatte es vorher in Brasilien nicht gegeben. Die Gefahr ist groß, dass diese Gruppierungen bei den zu erwartenden Demonstrationen während der WM Polizei und Armee provozieren. Polizisten und Soldaten gelten hier nicht unbedingt als Meister der Deeskalation. Sie sind eher auf Repression getrimmt. Auch die angekündigte Fortsetzung der massiven Streiks vor allem im öffentlichen Bereich stellen eine große Gefahr für die WM dar. 


Nach der WM ist in Brasilien übrigens vor der Olympia. 2016 kommen die Spiele nach Rio.

Jens Greinke

Zurück zur Übersicht: Fußball

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Live: Top-Artikel unserer Leser