Wettskandal: Deutscher Schiedsrichter unter Verdacht

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Der Fußball-Schiedsrichter Robert Hoyzer (r) wir d von Hamburgs Sergej Barbarez (l) in Paderborn im DFB-Pokokalspiel zwischen dem HSV und dem ostwestfälischen Regionalligisten SC Paderborn beschimpft (Archivfoto vom 21.08.2004). Dem internationalen Fußball droht ein neuer Wettskandal größeren Ausmaßes.

Hamburg - Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) will im Kampf gegen die Wettmafia keine Zeit verlieren und hat eine möglichst schnelle Bestrafung der beteiligten Spieler sowie Funktionäre angekündigt.

Knapp fünf Jahre nach den Wettmanipulationen um Hoyzer weitet sich der Wettskandal aus: Nach Angaben des Nachrichtenmagazins “Der Spiegel“ soll wieder ein Schiedsrichter des Deutschen Fußball- Bundes (DFB) ins Visier der Ermittler geraten sein. So soll ein Unparteiischer bei einem Spiel der Regionalliga Süd im Mai Schmiergeld von den mutmaßlichen Wett-Betrügern kassiert haben.

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Zudem soll auch der Regionalligist SSV Ulm tiefer in den neuen Wettskandal verwickelt sein, als bislang bekannt. Vier Partien in der Endphase der vergangenen Saison sollen angeblich unter Manipulationsverdacht stehen. “Wir gehen davon aus, dass wir von dem Wettskandal nicht betroffen sind“, erklärte Ulms Vize-Präsident Mario Meuler. Die Spieler des Süd-Regionalligisten, der an diesem Samstag ein Auswärtsspiel in Karlsruhe bestreitet, haben eine Erklärung unterschrieben, dass sie an keinerlei Wettmanipulationen beteiligt sind oder waren. Der Vorstand und der Aufsichtsrat des SSV Ulm 1846 hatten angekündigt, “alles in ihrer Macht stehende zu tun, umso schnell wie möglich, aber auch so gründlich wie nötig, mitzuhelfen diese unglaublichen Vorwürfe aufzuklären“.

Sobald beweiskräftige Unterlagen vorlägen, “wird unser Sportgericht und der Kontrollausschuss die sportgerichtlichen Maßnahmen treffen und das entsprechend ahnden“, sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger am Samstag am Rande seines Besuchs auf dem Turntag des Deutschen Turner-Bundes (DTB) in der Rhein-Mosel-Halle in Koblenz. Das sportgerichtliche Urteil könne “vielleicht sogar weit vor einer Anklageerhebung und einer richterlichen Entscheidung“ fallen.

Der DFB werde auch der Staatsanwaltschaft bei ihren Ermittlungen helfen. “Sobald wir wissen, gegen wen ermittelt wird, werden wir der Staatsanwaltschaft natürlich alles zur Verfügung stellen, was sie braucht“, sagte Zwanziger. “Es liegt ganz in unserem Sinne, dass die Staatsanwaltschaft das so aggressiv angeht.“

Menschen, die den Fußball für ihre kriminellen Zwecken ausnutzten, müssten aus dem Sport entfernt werden, sagte Zwanziger. “Wenn wir die Dinge unter den Teppich kehren würden, dann hätten wir das schleichende Gift der Betrügereien und Manipulationen in unserem Haus.“

Am Freitag war Europas Fußball vom größten Betrugsskandal seiner Geschichte erschüttert worden. Laut Staatsanwaltschaft Bochum stehen rund 200 Spiele in mehreren europäischen Ländern unter Manipulationsverdacht, es gebe “bisher über 200 Tatverdächtige“. In Deutschland sind nach vorläufiger Darstellung der Staatsanwaltschaft und der Polizei Bochum insgesamt 32 Spiele der 2. und 3. Liga sowie der Regional- und Oberliga betroffen.

Mit Belgien, der Schweiz, Österreich, Slowenien, Kroatien, Bosnien, der Türkei und Ungarn sind acht weitere Länder ebenfalls im Visier. Größtenteils sollen Erstligaspielen betroffen sein.

Für Betrügereien sollen nach Medienberichten zwischen 5000 und 25 000 Euro geflossen sein. Im Zuge der mutmaßlichen Betrügereien seien zehn Millionen Euro ausgezahlt worden sein.

Zwanziger habe schon lange von den Ermittlungen gewusst. “Das ist ja gar nichts Neues. Wir wussten, dass die Staatsanwaltschaft sich einem Ergebnis nähert.“

Der DFB will nun prüfen, ob das nach dem Betrugsskandal um Schiedsrichter Robert Hoyzer 2005 installierte Frühwarnsystem auf dem Wettmarkt Mängel hat. “Ich will jetzt noch nicht sagen: “Es hat versagt.“ Ich glaube das wäre zu viel. Aber wir müssen gucken, warum wir nicht gewarnt worden sind“, sagte Zwanziger.

Der angeblich in den Wettskandal verwickelte Profi des Fußball- Drittligisten VfL Osnabrück darf am Samstagnachmittag gegen Borussia Dortmund II spielen. “Der Spieler steht im Kader“, sagte der Sportliche Leiter Lothar Gans am Samstag in Osnabrück. Gans erklärte, dass es aus Vereinssicht keinen Grund zu der Annahme gebe, dass der Profi tatsächlich beteiligt sei. Drei ehemalige VfL-Spieler werden verdächtigt, einer von ihnen blieb nach dem Abstieg bei dem niedersächsischen Traditionsverein.

Unterdessen hat die Anti-Korruptionsorganisation Transparency International Deutschland effektivere Präventionsmaßnahmen im Fußball angemahnt. “Wir brauchen natürlich die Repression, sprich Strafgesetze, Kontrollen, Frühwarnsysteme, damit es den Tätern so schwer wie möglich gemacht wird“, sagte die Vorsitzende der Organisation, Sylvia Schenk, im Deutschlandradio Kultur. Zugleich mahnte sie einen Mentalitätswandel im Fußball an: “Man muss sich auch über die Moral und das Unrechtsbewusstsein bei Spielern, Schiedsrichtern und Funktionären unterhalten. Korruption gilt immer noch als Kavaliersdelikt.“ Auch die internationale Presse hat mit Besorgnis auf den neuen Wettskandal reagiert. Für “El Mundo“ aus Spanien sei dieser “nur die Spitze des Eisbergs. Es gibt noch viel mehr Korruption“. In Wien diagnostiziert “Der Standard“ hingegen: “Der Fall zeigt nur, wie selbstverständlich auch beinahe fünf Jahre nach dem letzten großen Wettskandal Fußballspiele und das Spekulieren mit deren Ausgang zueinandergehören.“ Der “Corriere della Sera“ aus Italien ahnt: “Deutschlands Wettskandal hat internationale Ausmaße.“

dpa

Martin Moravec und Tobias Goerke

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