Biathlon-Leiter

Bernd Eisenbichler: Bewusst keine Medaillen-Vorgabe

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Seit dem April 2019 ist Bernd Eisenbichler der neue Sportliche Leiter der deutschen Biathleten. Foto: Sven Hoppe/dpa

Mit der Mixed-Staffel beginnt am 13. Februar in Südtirol die Biathlon-Weltmeisterschaft. Erstmals in Diensten des Deutschen Skiverbandes dabei ist der Siegsdorfer Bernd Eisenbichler als neuer Sportlicher Leiter. Medaillenvorgaben will er nicht machen.

München (dpa) - Seit dem vergangenen April ist Bernd Eisenbichler der neue Sportliche Leiter der deutschen Biathleten. Bei der Weltmeisterschaft in Antholz steht der frühere Sportchef der Amerikaner vor seiner ersten großen Bewährungsprobe.

Herr Eisenbichler, Ihre ersten Monate als Sportlicher Leiter der Biathleten haben Sie hinter sich. Haben Sie Ihren Job mit anderen Erwartungen begonnen?

Bernd Eisenbichler: Ich habe natürlich die letzten Jahre die Situation im Deutschen Skiverband beobachtet. Das macht man zwangsläufig, wenn man als Deutscher im Ausland arbeitet. Aber was einen im Endeffekt erwartet, wenn man in ein System reinkommt, das ist ein Stück weit schwer vorauszusehen.

Was war Ihnen denn wichtig?

Eisenbichler: Ich war die ersten Monate extrem viel unterwegs, um alle Leute, die im Biathlon-System arbeiten, kennenzulernen. Ich habe die Stützpunkte besucht, um dort vor Ort zu sehen, wo man ansetzen kann, wo eventuelle Verbesserungen nötig sind. Von daher war es eine Bestandsaufnahme, um sich ein Bild zu machen: Wie ist die Ausgangslage? Was muss man vielleicht nach einem Jahr für den neuen Olympia-Zyklus verändern?

Böse Zungen könnten ja sagen, da kommt der Eisenbichler, und die Mädels rutschen in die Krise rein. Beim historisch schlechten Weltcup im Dezember in Hochfilzen waren Sie dann ja auch als Krisenmanager gefragt.

Eisenbichler: In den vergangenen Jahren hat Laura Dahlmeier im Damen-Bereich vieles überstrahlt. Aber auch Denise Herrmann und Franziska Preuß haben ihre Fähigkeiten und Leistungen gezeigt. Dass dahinter nicht fünf neue Lauras oder Magdalena Neuners kommen, war jedem bewusst, der Biathlon etwas intensiver beobachtet hat. Hochfilzen war hart für alle. Da war es wichtig, ruhig zu bleiben und klarzumachen, dass dies nicht unser Anspruch ist. Danach ist es ja auch wieder aufwärts gegangen. Wir müssen schauen, dass wir im Damen-Bereich mehr Athletinnen entwickeln, die um Top-Ten-Ergebnisse kämpfen.

Woran liegt es, dass Top-Athleten wie Magdalena Neuner oder Laura Dahlmeier so früh aufgehört haben?

Eisenbichler: Wenn es um Magdalena Neuner geht, ist das für mich schwer zu beurteilen, damals war ich noch nicht involviert. Mit Laura habe ich intensiv gesprochen, habe versucht, sie zum Weitermachen zu bewegen. Aber wichtig ist am Ende des Tages, dass der Athlet spürt, wann der Weg zu Ende ist. Bei Laura war die Entscheidung so weit fortgeschritten, dass es da wenig Spielraum gab. Sie hat natürlich in jungen Jahren sehr viele Erfolge gefeiert, aber auch viel Stress und Druck gehabt. Sie hat den Leistungssport maximal intensiv erlebt. Und sie wollte für sich einfach ein neues Kapitel aufschlagen. Das müssen wir dann auch so akzeptieren. Unser generelles Anliegen ist es aber natürlich, erfolgreiche Athleten länger im Team zu halten.

Nun ist Denise Herrmann gefordert. Kann sie diese Rolle ausfüllen?

Eisenbichler: Wie sie die Rolle annimmt, wie sie versucht, sich jeden Tag zu verbessern, ist einfach bemerkenswert. Sie ist eine Vorbild-Sportlerin, es macht extrem Spaß, mit ihr zu arbeiten. Sie ist sehr fordernd an sich selbst, wenn es darum geht, sich zu verbessern. Man muss sich bei ihr immer wieder vor Augen halten, dass sie den Sport noch nicht so wahnsinnig lange macht. Dafür ist sie wirklich sehr konstant, ist Vierte im Gesamtweltcup. Sie steht im Fokus und meistert das ziemlich gut. Wir sind alle gefordert, ihr zu helfen und sie auf jeden Wettkampf neu einzustellen. Wir sind alle gut beraten, nicht zusätzlichen Druck auf sie auszuüben. Der kommt von Außen sowieso, weil die Erwartungen hoch sind.

Die Erwartungen sind in Deutschland hoch, Sie sagen es. Hat es Sie überrascht, dass sie so hoch sind?

Eisenbichler: In Deutschland muss das Verständnis dafür wachsen, dass die internationale Konkurrenz sich extrem entwickelt hat. Ich glaube, dass Biathlon - und ich bin jetzt 20 Jahre dabei - noch nie so stark war in der internationalen Konkurrenz, sowohl bei den Damen als auch bei den Herren. Solange wir sagen können, wir haben alles gegeben, kann ich mit dem Druck sehr gut umgehen.

Geben Sie den Druck weiter an die Athleten?

Eisenbichler: Nein, gar nicht. Weil der Druck bei den Athleten immanent hoch ist. Weil sie wissen, was in Deutschland erwartet wird, was sie von sich selbst erwarten. Da bin ich überhaupt nicht gefordert, Medaillenvorgaben zu machen. Ich erwarte von allen Athleten und Betreuern, dass sie in Antholz alles geben. Dass wir versuchen werden, unser Leistungsmaximum abzurufen, ist auch klar. Aber das werden andere Nationen auch versuchen. Und deswegen machen Medaillenvorgaben für mich wenig Sinn. Es ist natürlich klar, dass wir in den Staffeln um Medaillen kämpfen. Und dass wir natürlich auch in den Einzelrennen schon die eine oder andere Medaille gewinnen wollen. Aber eine Zahl werde ich bewusst nicht nennen, das macht wenig Sinn.

Hand aufs Herz. Wie viele Medaillen wird es geben?

Eisenbichler: Der Beginn der Weltmeisterschaft ist sicherlich entscheidend. Oft lebt man von dem Flow-Erlebnis. Wenn die Mixed-Staffel und der Sprint bei den Damen und Herren gut gehen, dann kann es natürlich richtig nach vorne gehen.

Bei den Männern ist die deutsche Konkurrenz im Gegensatz zu den Frauen sehr groß. Simon Schempp beispielsweise ist als verdienter Athlet gar nicht mit dabei. Erik Lesser ist in Antholz nur Ersatz.

Eisenbichler: Simon bereitet sich in Ruhpolding vor, in Richtung IBU-Cup in Martell in Italien. Wenn die Leistung stimmt, wird er die Europameisterschaft in Estland laufen. Dann wird man sehen, was dann in Richtung der letzten Weltcups passiert. Erik ist ja als sechster Mann bei der Weltmeisterschaft dabei. Auch er wird diesen IBU-Cup in Martell laufen, dann wird man sehen, ob er bei der WM einen Einsatz bekommt.

Gibt es schon weitere Pläne?

Eisenbichler: Beide haben bereits viel für das deutsche Biathlon geleistet und haben für uns auch weiterhin einen hohen Wert für die Zukunft. Jetzt müssen wir die Entwicklung von Woche zu Woche beobachten. Aber beide spielen mit Sicherheit für uns eine große Rolle - auch in Richtung Zukunft.

ZUR PERSON: Seit dem 1. April 2019 ist Bernd Eisenbichler (44) neuer Sportlicher Leiter der deutschen Biathleten. Zuvor war der Mann aus dem bayerischen Siegsdorf 20 Jahre lang bei den US-Biathleten zuständig. Seine Arbeit in den USA krönte er 2017 bei der WM in Hochfilzen mit dem Titel für Lowell Bailey und dem Silber für Susan Dunklee.

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