Doping-Bekämpfer Franke:

"Pechstein hätte nie gesperrt werden dürfen"

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Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke.

Berlin - Drei Tage vor der Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi hat Anti-Doping-Kämpfer Werner Franke die Sperre für Eisschnellläuferin Claudia Pechstein kritisiert.

 „Sie hätte nie gesperrt werden dürfen. Es gibt keinen Beweis für Doping, aber auch keinen Beweis für ihre Unschuld“, sagte der Heidelberger Zell- und Molekularbiologe am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa. Der Eislauf-Weltverband ISU hatte Pechstein von 2009 bis 2011 ohne positiven Befund nur mittels eines indirekten Beweises gesperrt.

„Die erhöhten Retikulozytenwerte bei Pechstein waren ein Indiz auf Blutdoping, aber kein medizinischer Beweis“, fügte der 74-Jährige hinzu. Er habe aber trotz der von Medizinern bei Pechstein festgestellten, ererbten Blut-Anomalie weiter Zweifel, ob Pechstein wirklich unschuldig sei. „Den einzigen Beweis, den ich akzeptieren würde, wäre eine DNA-Sequenz, die die genetischen Veränderungen in ihrem Körper und dem ihres Vaters belegt. Dann würde ich sofort sagen: Okay, das ist ein Beweis“, erklärte Franke, der die Diagnose des Blut-Anomalie-Spezialisten Klaus Eber genau studiert hat.

Der Münchner Professor Eber konterte, dass seine Diagnose von weltweit anerkannten Spezialisten aus England, der Schweiz und selbst vom ISU-Gutachter Alberto Zanella aus Italien bestätigt wurde. „Einen Gen-Nachweis zu verlangen, ist bei Membran-Defekten der roten Blutkörperchen nicht Goldstandard“, sagte Eber der dpa. „Professor Franke ist bestens bewusst, dass es in dem Heuhaufen der riesigen Membranprotein-Gene äußerst zeitaufwendig und logistisch schwierig ist, die Stecknadel zu finden, die die Erklärung für die Erkrankung liefert.“ Man habe Untersuchungen auf höchstem Niveau an der US-Universität in Yale eingeleitet. „Frau Pechsteins Blut ist dort Teil eines großen Forschungsprojektes. So entstehen keine Kosten, es kann allerdings Jahre dauern, bis ein Ergebnis vorliegt“, sagte Eber.

Nur sechs Tage nach dem Urteil des Sportgerichtshofes CAS in Pechsteins Berufungsverfahren hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA ihre Regularien in Sachen indirekter Beweis geändert, so dass eine Sperre aufgrund nur eines erhöhten Wertes ohnehin nie mehr möglich ist. Gerade deshalb fühlt sich Pechstein vom Weltverband ISU und der Sportgerichtsbarkeit betrogen. „Die Spiele in Vancouver wurden mir gestohlen“, behauptete sie daher und kämpft mit einer Schadenersatzklage über rund vier Millionen Euro gegen die ISU.

Franke unterstrich, dass seine Zweifel dadurch genährt wurden, dass nach Pechsteins Sperre im Jahr 2009 bei zwei weiteren deutschen Eisschnellläufern ähnlich schwankende Blutwerte festgestellt wurden. Beide waren aber wegen der veränderten Regularien nicht belangt worden. „Das wäre doch verwunderlich, wenn der eher seltene Defekt auch bei anderen aufgetreten wäre. Das wäre eine ungewöhnliche Korrelation eines Gen-Defekts mit sportlichen Leistungen“, erklärte Franke. „Es gibt auch total andere Erklärungen solcher Blutbilder.“ Vom „Job“ der Fahnenträgerin des deutschen Teams rät Franke der fünfmaligen Eisschnelllauf-Olympiasiegerin auf jeden Fall erst einmal ab. „Ich hielte das problematisch für Pechstein selbst. Denn durch so einen symbolischen Akt würde sie in Sotschi eine weltweite Diskussion auslösen, die sie vielleicht von ihrem Hauptziel abbringen könnte“, sagte Franke. „Ich rate ihr daher, sich ganz in Ruhe auf ihre Läufe zu konzentrieren“, bemerkte er.

dpa

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