Snowboarder aus Flintsbach

„Ich glaub‘s erst, wenn ich wirklich in Peking bin“: Leon Vockensperger ist für Olympia qualifiziert

Der Spaß ist das A und O: Für Leon Vockensperger ist Snowboarden das „Geilste, was es gibt“.
+
Der Spaß ist das A und O: Für Leon Vockensperger ist Snowboarden das „geilste, was es gibt“.

Der 21-jährige Flintsbacher Leon Vockensperger hat ein Bombenjahr hinter sich gebracht und sich für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking qualifiziert – Und das, obwohl er nach seiner Verletzung im Jahr 2018 überlegt hat, mit dem Snowboarden aufzuhören.

Flintsbach – Der Flintsbacher Snowboarder Leon Vockensperger hat sich nach seiner langen Verletzungspause in der Saison 2018/19 zurückgekämpft und eine schwierige Saison hinter sich gebracht. Auf den zweiten Platz beim Weltcup in Laax (Schweiz) im Januar folgte in Aspen (USA) der zehnte Platz bei der Slopestyle-WM, nachdem er zuvor als Bester ins Finale einzog. Damit hat sich „Vocki“ für die Olympischen Winterspiele 2022 in der chinesischen Hauptstadt Peking qualifiziert. Seine Spezial-Disziplinen sind „Big Air“ und „Slopestyle“. Die vergangene Saison hätte für den 21-Jährigen wohl kaum besser laufen können. Wie er sich diese Erfolge erarbeitet hat, wie er seine Gedanken mit dem Snowboarden aufzuhören in der harten Zeit der Verletzungspause besiegt hat und was er neben dem Snowboarden in seiner Freizeit macht, erzählt Leon Vockensperger im Interview mit der OVB-Sportredaktion.

Die Qualifikation für Olympia ist perfekt. Sie haben ein echtes Bombenjahr hinter sich...

Leon Vockensperger: Das glaube ich erst, wenn ich in Peking am Olympiadorf angekommen bin und zum ersten Mal auf meinem Bett sitze (lacht). Nicht, dass am Ende doch irgendwas nicht klappt. Aber Bombenjahr trifft es eigentlich echt ganz gut, ohne mich da jetzt in den Vordergrund zu stellen. Ich bin sehr froh darüber, wie die letzten Monate verlaufen sind. Nach der langen Verletzungspause habe ich mir wirklich den Arsch aufgerissen und jetzt hat es sich ausgezahlt. Das motiviert mich extrem in Zukunft weiterzumachen und noch härter zu trainieren.

Zum ersten Mal auf dem Podest: „Vocki“ wurde im Januar in Laax in der Qualifikation Dritter.

Wie lange wurden Sie von der Verletzung ausgebremst?

Vockensperger: Ich war insgesamt knapp ein ganzes Jahr raus. Im Oktober 2018 bin ich beim Training in Hintertux gestürzt und habe mir das Syndesmoseband gerissen. Der Arzt hat gesagt, ich soll ein paar Wochen pausieren und dann sollte es besser werden. Als es nach ein paar Wochen noch nicht besser war, haben wir ein MRT gemacht und der Arzt hat mir geraten weiterhin Pause zu machen und am 1. Januar 2019 darf ich wieder aufs Board.

Und dann war es besser?

Vockensperger: Nein. Als ich dann wieder gefahren bin, habe ich direkt gemerkt, dass ich Schmerzen habe. Ich bin über meinen Vater zu Dr. Markus Regauer – dem ich unglaublich dankbar für seine Arbeit bin – gekommen. Er hat gesagt: Sorry Leon, aber es ist genauso schlimm wie im Oktober. Ich habe zuvor eine falsche Behandlung bekommen. Also bin ich am Tag darauf direkt operiert worden und habe schnell mit dem Reha-Training begonnen. Das war eine schwierige, von Selbstzweifeln geprägte Zeit mit vielen Downs. Ich habe oft daran gedacht, mit dem Snowboarden aufzuhören und einen anderen Weg zu gehen.

Was hat Sie überzeugt, weiterzumachen?

Vockensperger: Als ich dann zum ersten Mal wieder auf dem Snowboard gestanden bin, habe ich direkt gewusst, was mich dazu bewegt und warum ich es mache. Dann war die Entscheidung hundertprozentig klar.

Das könnte Sie auch interessieren: Starker Saisonabschluss von Skilangläufer Jonas Dobler (ovb-onlinde.de)

Wie geht es Ihnen mit den Verletzungsfolgen heute?

Vockensperger: Mir geht es sehr gut. Ich habe noch zwei Plättchen im Fuß und ein Seil, das Schien- und Wadenbein zusammenhält. Ich habe aber keinerlei Probleme und fühle mich körperlich topfit, das Training und die schwierige Reha-Zeit haben sich also ausgezahlt.

Coole Tricks, coole Kameraperspektiven: Leon Vockensperger bietet seinen Instagram-Abonnenten mit tollen Aufnahmen einen guten Einblick in seinen Pisten-Alltag.

Mussten Sie wegen der Corona-Pandemie auf Training verzichten?

Vockensperger: Als Corona bei uns ausgebrochen ist, ist ja alles sehr schnell gegangen. Als Deutschland in den ersten Lockdown gegangen ist, war ich noch in Schweden, wo ich noch trainieren konnte, was wirklich sehr gut war. Nach der Verletzung musste ich viel aufholen und dafür war diese Zeit ohne Wettbewerbe perfekt. Es ist natürlich um einiges schwieriger geworden, aber hatten immer die Möglichkeit irgendwo zu Snowboarden.

Was genau wurde schwieriger?

Vockensperger: Vor allem die Organisation. Unser Verband muss da so viel mehr Zeit rein stecken. Allein wegen den ganzen Corona-Restriktionen, dass auch ja alles beisammen ist. Denn sobald ein kleines Detail nicht stimmt, kann es sein, dass wir irgendwo nicht einreisen und dann bei einem Wettbewerb nicht antreten dürfen. Aber ich kann mich überhaupt nicht beschweren, für mich war es eine gute Zeit.

Wie verlief die Saison?

Vockensperger: Am Anfang war alles sehr entspannt, aber zum Ende hin ist es immer stressiger geworden. Sehr viele Wettbewerbe sind ausgefallen und am Schluss wollte jeder Veranstalter noch alles durchbringen, was es für uns Teilnehmer erschwert hat. Am Ende ist alles durchgeballert worden. Es war ein Weltcup-Finale von einem anderen Stern: Wir sind nach Aspen, haben dort drei Wettkämpfe durchgehauen, dann direkt in die Schweiz nach Corvatsch, haben mit Jetlag trainiert und sind das Weltcup-Finale gefahren. Es ist sehr anstrengend und nervenaufreibend gewesen, aber wir haben uns auch immer gegenseitig motiviert.

Was gehört alles zu Ihren Trainingsinhalten?

Vockensperger: Es teilt sich erst einmal in On-Snow und Off-Snow. On-Snow geht es darum, neue Tricks zu lernen und Tricks, die man schon kann, zu perfektionieren. Was auch ganz wichtig ist, dass der Spaß an der Sache nicht verloren geht. Off-Snow mache ich wie jeder andere Sportler auch mein Krafttraining, vor allem im Sommer. Dazu kommt, dass ich auch viel Akrobatiktraining habe. Dass man sich gut in der Luft zurechtfindet und wenn mal was schief geht, nicht unbedingt auf dem ,Gnack‘ landet.

Was davon macht Ihnen am meisten Spaß?

Vockensperger: Einfach Snowboarden. Es ist das Geilste auf der Welt. Ich bin meinem Vater dankbar, dass er mich aufs Snowboard und nicht auf die Ski gestellt hat, als ich klein war.

Wann hat das angefangen?

Vockensperger: Sehr früh. Als ich gerade laufen konnte, bin ich mit meinem Vater schon auf kleine Hügel gegangen. Als ich dann etwas älter war, sind wir auch immer öfter zusammen auf die Piste gegangen.

Wie hat es neben der Schule hingehauen?

Vockensperger: Bis ich acht war, sind wir sehr viel gefahren. In den Jahren danach ist es weniger geworden, bis ich mit 13 auf das CJD in Berchtesgaden gewechselt bin.

Mit nur 13 Jahren von zu Hause weg. Wie schwer fiel Ihnen diese Entscheidung?

Vockensperger: Seitdem ich denken kann ist es mein Traum, Profi zu werden. Aber ich habe keine großen Chanen gesehen, denn alle Profis kommen aus den USA oder Asien. Als ich von dieser Schule hörte, habe ich ein wenig Hoffnung geschöpft. Natürlich hatte ich keinen Bock, irgendwo auf dem Berg auf ein Internat zu gehen. Aber das ist nunmal ein Opfer, das man bringen muss, wenn man Profi werden will.

Nach Bronze in der Qualifikation fuhr Leon Vockensperger im Finale in Laax auf den zweiten Platz.

Bereuen Sie diese Entscheidung?

Vockensperger: Nein, die Entscheidung war es mir zu 100 Prozent wert. Es hat mir viel geholfen und ich habe gelernt, mich um mich selbst zu kümmern. Als ich mit der Schule dann fertig war, ist es so richtig losgegangen. Ich war flexibel und konnte hinfahren wo und wann ich wollte.

Beruf oder Snowboard – sind Sie dann vor dieser Entscheidung gestanden?

Vockensperger: Für mich war das gar keine Entscheidung (lacht). Ich habe mir einige Studiengänge angeschaut und keiner hat mich angesprochen. Der Gedanke, etwas zu machen, was mir nicht taugt, hat mich abgeschreckt. Ich bin auch meinen Eltern sehr dankbar, dass sie mir nie Druck gemacht haben. Für mich war es auch klar, dass ich weiterhin Snowboarden will, da ich zuvor sehr hart dafür gearbeitet habe.

Inwiefern hart gearbeitet?

Vockensperger: In meinem Abiturjahr bin ich die Europacuptour gefahren, wo sich die besten zwei Fahrer für den Weltcup qualifizieren. Das war mein großes Ziel. Um unter die Top-Zwei zu kommen muss man so gut wie jeden Contest wahrnehmen, also habe ich mich am Anfang richtig reingehauen und mir einen Puffer erarbeitet, sodass ich zwei Wochen vor der Abiturprüfung die Reißleine ziehen konnte. Diese zwei Wochen habe ich von morgens bis abends gelernt. Am Ende hat es glücklicherweise für das Abitur und den Weltcup-Platz gereicht.

Dieser Aufwand zahlte sich beim Weltcup dann auch aus...

Vockensperger: Ja. Bei meinem ersten Weltcup 2018 in Neuseeland bin ich direkt ins Finale gefahren. Wenn es in jeder Sportlerkarriere den Moment gibt, wo man merkt: ‚Okay, das ist der Durchbruch‘ – dann war das mein Moment.

Sie sind sehr viel auf Reisen. Wie kommen Sie damit klar?

Vockensperger: Ich liebe es. Ich war schon immer ein riesen Fan vom Reisen. Verschiedene Kulturen, Länder und Menschen kennenzulernen gibt einem viel fürs Leben mit. Ich war nie der Beste in der Schule, aber kann mit Sicherheit behaupten, dass ich durch das Reisen beziehungsweise das Snowboarden so viel fürs Leben gelernt habe.

Ihnen fällt es auch nicht schwer, so selten daheim zu sein?

Vockensperger: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich in München am Flughafen angekommen bin und von meinen Eltern abgeholt werde. Aber wenn ich irgendwo bin, habe ich nie Heimweh.

Was machen Sie neben dem Snowboarden in Ihrer Freizeit?

Vockensperger: Surfen, das ist meine Leidenschaft neben dem Snowboarden. Ich war letzte Woche erst in der Schweiz, wo wir auf der sogenannten Alaïa Bay, dem ersten Wavepool in Europa, surfen durften. Nach der Saison werde ich auch direkt erst einmal zwei Wochen zum Surfen in den Urlaub fahren und richtig abschalten: Handy aus und raus aufs Meer.

„Das ist meine Leidenschaft neben dem Snowboarden“: In seiner Freizeit geht Leon Vockensperger am liebsten zum Wellenreiten, hier in der Alaïa Bay in der Schweiz.

Wie kann man sich diesen Wavepool vorstellen?

Vockensperger: Das ist ein Becken, das dir die perfekten Wellen ausspuckt. Das war echt ein tolles Erlebnis.

Die Möglichkeit für einen Surfurlaub gibt es ja nicht immer. Was machen Sie sonst?

Vockensperger: Ich schneide in meiner Freizeit auch gerne Videos, die ich auf meinem Instagram-Kanal veröffentliche. Mir macht das total Spaß und ich kann es sehr gut mit dem Snowboarden kombinieren. Es motiviert mich auch, wenn ich dafür gutes Feedback bekomme. Zudem habe ich auch mit meinem Kumpel Colden Rand, der Cinematograf ist, eine sogenannte Webseries, die „Nonstop“ heißt, gefilmt.

Wieso „Nonstop“?

Vockensperger: Wir haben ewig nach einem Namen gesucht und dann sind wir auf Nonstop gekommen, was perfekt zu unserer Saison passt. Wir gehen Nonstop von hier nach da, pausenlos Videos machen, trainieren und Wettkämpfe bestreiten.

Wie sieht Ihr Plan für die nahe Zukunft aus?

Vockensperger: Erst einmal werde ich wie schon angesprochen zwei Wochen Pause machen und irgendwohin zum Surfen gehen. Danach ist für mich Sommertraining angesagt. Mit meiner Crew werde ich Ende Juni dann in die Staaten nach Mount Hood fahren, wo wir noch ein kleines Projekt filmen. Danach wieder Sommertraining und dann geht es eh schon auf Olympia zu.

Kommentare