Zehn Briefe veröffentlicht

Prinz Charles mischt sich in britische Politik ein

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Der britische Thronfolger Prinz Charles.

London - Zehn Jahre kämpfte der „Guardian“ um die Veröffentlichung von Briefen, die Prinz Charles an die Regierung schrieb. Die Zeitung hatte Erfolg. Was steht in den Briefen?

Ausrüstung der Armee, Jagd auf Dachse oder Schutz von Albatrossen: Briefe von Prinz Charles (66) an die britische Regierung zeigen, dass der Thronfolger sich in politische Fragen einmischt. Seine Mitteilungen an Minister und den früheren Premierminister Tony Blair wurden am Mittwoch nach zehn Jahre langem Rechtsstreit veröffentlicht. Kritiker bemängeln, dass er damit seine Position als künftiger König ausnutze und das Neutralitätsgebot eines künftigen Monarchen verletze.

"Ein leidenschaftlicher und rechtschaffener Prinz"

Ein Statement seines Büros widersprach dieser Darstellung: Der Prinz spreche stets Themen von öffentlichem Interesse an. Er versuche lediglich, Dinge, die an ihn herangetragen wurden, weiterzuleiten.

Dank seiner mehr als 600 Termine pro Jahr habe er einen einzigartigen Blickwinkel auf bestimmte Themen. Bei manchen sammelte der Charles sogar zusätzliche Sympathiepunkte: „Ein leidenschaftlicher und rechtschaffener Prinz“, kommentierte etwa der Historiker Andrew Roberts im konservativen „Telegraph“ am Donnerstag. Für die Herausgabe der Briefe hatte der „Guardian“ gegen den erbitterten Widerstand vor allem der Regierung gekämpft.

Ratschläge vom Thronfolger

In einem Brief an Blair fasste Charles ein zuvor geführtes mündliches Gespräch mit dem Regierungschef zusammen. In dem Schreiben forderte er die Regierung auf, die Streitkräfte mit funktionierenden Kampfhubschraubern auszurüsten. „Ich fürchte, dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass unsere Soldaten um einen extrem herausfordernden Job gebeten werden, ohne die nötige Ausrüstung dafür zu haben“, heißt es in dem Brief, der 2004 verfasst wurde. Blair hatte zuvor britische Soldaten in den Irak geschickt.

In anderen Passagen macht sich Charles, der selbst eine große Biofarm betreibt, Gedanken über die Zukunft der Landwirtschaft. Bergbauern müssten subventioniert werden, fordert er etwa. Rinderzüchter müssten Zugang zu den entsprechenden Rassen bekommen. Außerdem müssten Bauern im Marketing ausgebildet werden, wenn sie überleben wollten.

Insgesamt wurden zehn Briefe veröffentlicht, die Charles an Mitglieder der Regierung geschrieben hatte. 14 weitere sind Antworten der Regierung. Bei dreien handelt es sich um Briefwechsel zwischen Privatsekretären.

Warum der Aufwand?

„Wenn diese Briefe in Ordnung sind, warum hat die Regierung dann Hunderttausende Pfund über zehn Jahre ausgegeben, um sie geheim zu halten?“, fragt dagegen Monarchiegegner Graham Smith von der Organisation „Republic“. Ihn stört vor allem die Heimlichtuerei der Regierung und eine Gesetzesänderung von 2010. Diese nimmt ähnlichen Ansinnen wie denen des „Guardian“ nun jede Erfolgsaussicht.

Die Briefe waren aber nicht - wie zuvor häufig berichtet - handschriftlich verfasst worden. Lediglich Anrede und Unterschrift sind mit schwarzer Tinte und in der für Charles typischen Handschrift verfasst, der seine Briefe den Beinamen „Black Spider Memos“ zu verdanken haben. Die Briefe wurden vor der Veröffentlichung zum Teil redigiert.

Die Veröffentlichung dieser Briefe am Mittwoch hatten die Briten mit großer Spannung erwartet. Volle zehn Jahre lang hat der „Guardian“ dafür gekämpft, Palast und Regierung leisteten erbittert Widerstand. Im März entschied schließlich das höchste britische Gericht. Dabei ist der Inhalt auf den ersten Blick vor allem: langweilig. Es sei denn, man interessiert sich im Detail für nachhaltigen Fischfang oder die Nutzung leerstehender Gebäude. Warum der Aufwand? Ist das nicht private Korrespondenz, die keinen etwas angeht?

Keine große Sensation in den Briefen

Charles Briefwechsel mit der Regierung werfen Fragen zur britischen Verfassung auf. Derzufolge hat der Monarch politisch neutral zu sein. Einerseits, weil Großbritannien eine Demokratie ist und Königin oder König, die das Staatsoberhaupt sind, nicht gewählt werden. Und: „Die Rolle der Königsfamilie beruht darauf, sich mit allen Teilen der Gesellschaft zu identifizieren“, heißt es beim Palast. Das ist schwer möglich, wenn ihre Mitglieder politisch klar Stellung beziehen.

Dass Charles seine Meinung auch ungefragt kundtut, sind seine künftigen Untertanen gewohnt. Meist sind die Themen Landwirtschaft und Tierhaltung, Gärtnern, Naturschutz, Architektur oder alternative Heilmethoden. 1984 zum Beispiel wurden die Pläne für einen Anbau an die Londoner Nationalgalerie geändert, nachdem der Thronfolger die ursprüngliche Idee mit einem „monströsen Geschwür auf dem Gesicht eines sehr geliebten und eleganten Freundes“ verglichen hatte. Schon damals wurden solche Eingriffe als undemokratisch kritisiert.

Die Debatte ist also nicht neu, und die große Sensation fand sich nicht in den Briefen. „Guardian“-Chefredakteur Alan Rusbridger zeigt sich trotzdem zufrieden. Seine Zeitung habe für die Herausgabe gekämpft, weil „die königliche Familie genau so transparent vorgehen sollte wie alle andere, die ihren Einfluss in der Öffentlichkeit geltend machen wollen.“

dpa

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